Asghar Farhadis „Everybody knows“ mit Bárbara Lennie und Javier Bardem eröffnet das Festival von Cannes. Foto: Teresa Isasi

Vom 8. bis zum 19. Mai konkurrieren in Cannes wieder Filmkunstwerke um die Goldene Palme. Aber dieses Jahr wird das Festival von großen Fragen bestimmt. Verliert das Kino an Bedeutung? Und sind daran die Kritiker und Netflix schuld?

Cannes - All die Bikinimädchen-Fotografen, all die Partygänger und -schmarotzer, all die schlaflosen Paparazzi, die ein paar Tage und Nächte lang echte Stars und schrille Starlets jagen, müssen sich keine Sorgen machen: Für sie bleibt auch beim 71. Filmfestival von Cannes alles beim alten. Vom 8. bis zum 19. Mai laufen auf den Leinwänden jene Werke, die der Festivalchef Thierry Frémeaux die künstlerisch herausragenden Filme des Jahres nennen wird. Drum herum tobt derweil eine Mischung aus knallharter Filmverkaufsbörse, ausgelassenem Karneval und endlosem Fotoshooting fürs große Album der menschlichen Eitelkeiten.

Trotzdem, manches ist auch anders im Festivaljahrgang 2018. Schon Monate bevor „Everybody knows“ des Iraners Asghar Farhadi als Eröffnungsfilm feststand, kam eine strenge Stimmung auf, als müsse das Kino als Tempel einer heiligen Kunst der bewegten Bilder gegen eine bedrohliche Zunahme von Ketzerei, Gotteslästerung und Glaubensmüdigkeit verteidigt werden. Frémeaux, der schlaueste Fuchs in der Riege der Festivalmacher, hat seine Kunst- und Glamourschau zur Front erklärt, an der auf Gedeih und Verderb um die Attraktivität, Einzigartigkeit und Zukunft des Kinos gerungen werden muss. Keine schlechte Methode, sich wichtig zu machen. Vor allem, weil Frémeaux schon Siege über zwei Feinde verkünden kann, bevor das Festival begonnen hat: über die Presse und über den Streamingdienst Netflix.

Rasch und giftig

Man kann durchaus nachvollziehen, dass die Film- und Festivalmacher den akkreditierten Fachjournalisten in den vergangenen Jahren gram wurden. Vielleicht sind die Kritiker nicht missgelaunter als ihre Kollegen einst, aber sie können ihre Misslaune viel rascher verbreiten. Damit ihre Texte weltweit rechtzeitig in den Zeitungen stehen konnten, durften die Kritiker die Werke vorab sehen: am Morgen vor der abendlichen Galavorstellung.

Die Neuen Medien aber laden zur Zweckentfremdung eines Privilegs ein. Noch aus der laufenden Vorführung heraus können Kritiker erste Eindrücke twittern, kurz nach der Vorführung steht eine erste Einschätzung etwa bei Facebook, und die ausführliche Kritik erscheint auf Online-Seiten von Zeitungen, bevor abends im Festivalkino der Projektor läuft. Aus der Möglichkeit zur frühen Reaktion wird nach Meinung der Festivalmacher der Zwang zur frühen Reaktion, aus dem Zwang erwächst Unduldsamkeit den Filmen gegenüber, und diese Unduldsamkeit führt zum Wettlauf, wer rascher die giftigere Formulierung in Umlauf bringen kann.

Verrisse vorab

So würden Filme, klagt Frémeaux, schon zu Fehlgriffen, Peinlichkeiten, Großblamagen des Festivals erklärt, bevor sie offiziell gelaufen seien. Und weil die Filmemacher die Kritiken mitlesen könnten, kämen sie höchst missgelaunt zur Premiere. Als radikale Abhilfe hat Frémeaux die Pressevorführungen nun kurzerhand abgeschafft. Das wird einerseits durchschlagenden Erfolg haben. Vorabverrisse sind nicht mehr möglich. Andererseits wird die Aktualität der Berichterstattung leiden – und damit ihr Stellenwert, auf Dauer auch der Umfang, in dem über Cannes berichtet werden kann.

Der andere Sieg über das Böse ist ein noch heiklerer. Als im vergangenen Jahr zwei Produktionen des Streamingdienstes Netflix im Wettbewerb von Cannes standen, empörte sich eine Allianz aus konservativ-pathetischen Cineasten, abgrenzungsbedachten Kinobetreibern und Filmverleihern. Cannes, hieß es, sei ein Kinofestival. Filme, die später per Streaming und nicht via Kinoleinwand zum Publikum kämen, hätten hier nichts zu suchen. Streaming sei der Feind des Kinos, es zerrütte das Bewusstsein des Publikums für das Einzigartige des Leinwanderlebnisses.

Gefährlicher Sieg

Nun hat Frémeaux Filme, die ein Streamingdebüt haben werden, ganz offiziell verbannt. Und der Netflix-Chef Reed Hastings hat nicht etwa auf die unerträglichen Knebelbedingungen hingewiesen, die in Europa an einen Kinostart gebunden sind: In manchen Ländern dürfte Netflix einen eigenen Film erst drei Jahre nach dem Kinostart selbst auswerten. Hastings hat zugestanden: „Im Streit mit Cannes haben wir Fehler gemacht.“ Nun jubeln die Cineasten – in arger Verkennung der Situation.

Hastings zieht sich mit Grandezza aus einem Bereich zurück, der die Erwartungen nicht erfüllt. Dem Image zuliebe tut er demütig, aber in Wirklichkeit kann er an den Zahlen ablesen: Auch Festivalpremieren nutzen ihm nichts. Streaming hat längst ein eigenes Publikum, eine eigene Dynamik, es braucht das Kino nicht. Und langfristig sind Serien offenbar attraktiver als Einzelfilme. Cannes feiert also einen Pyrrhussieg. Denn noch bieten Netflix und andere Streamingdienste Filmemachern Geld für gewagte Projekte, die vom normalen Studiobetrieb längst als zu riskant abgelehnt werden. Das könnte sich sehr schnell ändern. Aber für eine Diskussion darüber eignen sich große Festivals, die vor allem am eigenen Prestige interessiert sind, überhaupt nicht als Forum.

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