Es gibt nicht nur heile Indien-Bilder beim Festival: Szene aus „The Brawler“ Foto: Festival

Ein Land der großen Gegensätze lässt sich ab 18. Juli beim Indischen Filmfestival Stuttgart entdecken. Die Zeiten, als das Kino des Subkontinents vor allem Gesang und Tanz lieferte, sind vorbei. Im Kino Metropol gibt es Bilder zu sehen, die im Reiseprospekt nicht vorkommen.

Stuttgart - Nachträglich fasst man es nicht. Dass nämlich Stuttgart, das so neidisch auf die Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg schielen muss, nicht früher erkannt hat, was die Städtepartnerschaft mit dem indischen Mumbai bedeutet: die Verbandelung mit der größten Filmfabrik der Welt, mit jener vielfältigen Produktionsmaschine, die mit dem Schlagwort Bollywood nur grob zusammenfassbar ist.

Seit 15 Jahren aber gibt es nun ein Festival, das sich vom kleinen Farbtupfer einer Städtepartnerschaft zum größten indischen Filmevent Europas gemausert hat. Vom 18. bis zum 22. Juli laufen nun wieder im Metropol 45 kurze und lange Filme: „3000 Minuten indisches Kino“ rechnet der Festivalleiter Oliver Mahn vor und weist darauf hin, dass die meisten Filme überhaupt nicht dem Klischee der kitschigen Tanz- und Gesangsschnulzen mit Herzschmerz und Exotikflair entsprechen.

Kitschvergnügen und Horrorstücke

Das war erstaunlicherweise von Anfang an so. „Bollywood and beyond“ hieß das von Anfang an vom indischen Honorarkonsul Andreas Lapp geförderte Festival zunächst programmatisch. Und auf das „beyond“, auf das Kino jenseits des Revue- und Kitschvergnügens, legte man von Jahr zu Jahr mehr Wert. Dokumentarfilme und Krimis, Horrorstücke und Sozialdramen – das Festival stellt in jedem Jahr viele Stile, Genres, Blickwinkel und Herangehensweisen vor. Man findet das Indien der Touristenprospekte eher selten auf der Leinwand, eher ein Land, das mit enormen Spannungen zwischen fortschrittlichen urbanen Eliten, den abgehängten Massen und extrem konservativen Kreisen fertig werden muss.

Gäste aus Indien kamen von Anfang an nach Stuttgart. Mahn erinnert sich, dass es zunächst nicht leicht war, diesen Filmschaffenden, von denen nicht wenige Vegetarier sind, das Umland zu zeigen: „Zum Gästeprogramm beim ersten Festival gehörte eine Locationtour durch die Region. Die Dorfgaststätten waren damals noch nicht so auf Vegetarier eingestellt. Schwäbisch-vegetarisch war damals Krautsalat, leider mit Speck. Oder Flädlesuppe, leider mit Fleischbrühe. Ein fleischloses Gericht war, wenn das Fleisch einfach aus der Soße genommen wurde, zudem gab es natürlich keine Speisekarte auf Englisch – es hat also eine Weile gedauert, bis alle etwas für sie Essbares auf dem Teller hatten.“

Wo sogar Politiker das Kino kennen

Diese Zeiten sind vorbei, und so kommt denn auch Onir, der Regisseur des Eröffnungsfilms „Kuchh Bheege Alfaaz – Rain Soaked Words“ nicht zum ersten Mal nach Stuttgart. „Rain Soaked Words“, elegant fotografiert, erzählt eine Liebesgeschichte aus dem Zeitalter der sozialen Medien, in dem virtuelle Erotik manchem schöner vorkommt als die direkte Begegnung. Und doch ist der Radiomann, der hier mit Schmeichelstimme die Geschichten normaler Menschen erzählt, auf solche Begegnungen zum Stoffsammeln angewiesen.

Aber gerade weil das moderne indische Kino eines großer Spannungen und Bandbreiten ist, weist Oliver Mahn auch auf die andere Seite hin: „Das Kino in Indien hat eine große Tradition. Es gibt keinen so starken Bruch wie bei uns durch die Zeit des Nationalsozialismus oder später dann die 68er Jahre und das Neue Deutsche Kino. Das Kino in Indien ist eher mit dem in Amerika oder Frankreich vergleichbar. Alle Bevölkerungsschichten in Indien interessieren sich für Filme. Selbst Politiker und Industrielle wissen, was momentan läuft und wer erfolgreich ist.“ Womit er natürlich auch seine Hoffnung für das 15. Indische Filmfestival Stuttgart formuliert hätte: dass ab Mittwoch möglichst viele Menschen aus allen Gruppen, Szenen und Milieus ins Kino kommen und nicht nur Indien-Spezialisten.

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