Vergangenheit und Zukunft: Phil Taylor (rechts) und Rob Cross Foto: AFP

Rob Cross hat einen atemberaubenden Aufstieg hinter sich. Binnen einen Jahres hat er sich vom Nobody zum Weltmeister hochgespielt. Beginnt mit dem 27-Jährigen eine neue Ära im Darts?

London - Der Alexandra Palace gilt ja gemeinhin als Palast der guten Laune. Die dort ausgetragene Darts-WM ist eine Art perpetuum mobile des Frohsinns. Gesänge. Party. Stimmung.

Nonstop. Ohne Ende.

Bis ein Elektriker kam.

Rob Cross hat dem „Ally Pally“ den Stecker gezogen. Selten war die Stimmung in der Kathedrale des Frohsinns so nüchtern wie an diesem Montagabend. Die meisten wollten Phil Taylor siegen sehen in seinem letzten Spiel. Doch sie sahen stattdessen, wie eine Legende demontiert wurde. „Das ist die beste Leistung eines Dartsspielers, die ich je gesehen habe“, twitterte der Fußballer und Taylor-Fan Toni Kroos. Mit 7:2 besiegte Rob Cross die Darts-Legende Taylor, statt eines märchenhaften Abgangs für den 16-maligen Weltmeister sah die Sportwelt die Geburtsstunde eines neuen Stars.

Der König ist tot.

Es lebe der König.

Rob Cross.

Es ist ja eine irre Geschichte mit diesem Burschen, der aus dem Nichts kommend die Darts-Welt erobert hat. Vor gut einem Jahr war der Glatzkopf aus Hastings, England, allenfalls Insidern ein Begriff. Nach Erfolgen auf der Challenge-Tour 2016 entschied sich der gelernte Elektriker, auf die Profi-Karte zu setzen – mit seinen Siegen hatte er sich die Tourkarte der PDC für 2017 und 2018 erspielt. „Am Anfang des Jahres war alles, was ich wollte, unter die Top 64 zu kommen.“

Stattdessen erschütterte „Voltage“ (Stromspannung) die Szene wie ein Elektroschocker. Er gewann drei PDC-Turniere und lieferte sich Schlachten mit dem Weltranglistenersten Michael van Gerwen, dreimal mit dem besseren Ende für den Niederländer. Bis zum WM-Halbfinale. Da gewann Cross in einem der besten Spiele der WM-Historie eine epische Schlacht 6:5. Zuvor hatte Cross schon mit Dimitrij van den Berg und Michael Smith harte Gefechte bei der WM.

Taylor war gut. Cross war besser.

Ein WM-Debüt wie das von Cross hat die Darts-Welt so noch nicht gesehen. Mit welcher Konstanz und mentaler Stärke Cross durch das Turnier ging, beeindruckte Fans wie Experten. Viele hoch veranlagte Spieler betreten die Bühne des Ally Pally und können auf einmal nicht ihr Niveau abrufen. Die Atmosphäre. Der Druck. Die Situation. Speziell gegen große Gegner.

Rob Cross? Spielte das, was er kann. Nein, er spielte sogar noch besser und im Finale am besten. Die Psyche eines großen Spieler „Mein Ziel ist es, weiter zu gewinnen, mich weiter zu verbessern und letztendlich die Nummer eins der Welt zu werden. Zweitbester ist nicht gut genug“, hat er vor der WM gesagt.

Das Finale? Taylor war gut. Cross war atemberaubend. Taylor spielte einen starken Schnitt von 102,26 Punkten, Cross einen großartigen von 107,67 Punkten mit drei Pfeilen – und dazu eine unfassbare Doppel-Trefferquote von 60 Prozent. 450 000 Euro reicher machte ihn dieses Spiel.

„Das verändert mein Leben. Das ist ein Märchen für meine Familie und mich“, sagte Cross, der sich nach seinem Sieg alle Mühe gab, Phil Taylor an dessen letzten Arbeitstag nicht die Show zu stehlen und den 57-Jährigen immer wieder ins Zentrum rücken wollte. „Es war ein Traum, gegen ihn auf dieser Bühne zu spielen. Er hat seinen ersten WM-Titel in dem Jahr gewonnen, als ich meine ersten Atemzüge gemacht habe. Ich hoffe, er hat einen glücklichen Ruhestand. Es wird nie wieder einen Sportler wie ihn geben.“ Wie groß der Respekt ist, zeigte auch die Geste, dass Cross sein Vorbild Taylor bat, mit ihm gemeinsam den WM-Pokal zu stemmen.

Cross, Vater von drei Kindern, galt vor dem Turnier als Geheimfavorit, und einige sahen in ihm schon vor dem WM-Sieg den neuen Darts-Imperator aus England, den Nachfolger von Phil Taylor. Raymond van Barneveld etwa hatte sich so geäußert, und auch Phil Taylor selbst, der großen Respekt vor Cross hat (während er Michael van Gerwen übrigens gerne mit Giftpfeilen bedenkt): „30 Jahre lang war das hier mein Leben, und nun startet seine Karriere. Ich sehe bei ihm viele Parallelen zu mir, er opfert sich für diesen Sport. Die Konkurrenz wird mit ihm ein großes Problem haben. Ich mag ihn sehr gerne.“

Ist das der Beginn einer neuen Ära? Vielleicht ja. Lange Jahre lebte Darts vom großen Duell des Engländers Phil Taylor (57) gegen den Niederländer Raymond van Barneveld (50). Nun deutet einiges darauf hin, dass der Engländer Rob Cross (27) und der Niederländer Michael van Gerwen (28) künftig die dominierenden Spieler sein werden. „Großartige Leistung am Ende eines außergewöhnlichen Jahres“, twitterte van Gerwen nach dem Endspiel und gratulierte zu einer „phänomenalen Vorstellung“.

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