Voll fokussiert: Der schottische Darts-Weltmeister Gary Anderson Foto: dpa

Phil Taylor ist der unangefochtene Superstar der Darts-Szene. Eigentlich. In diesem Jahr holt sich jedoch Gary Anderson die WM-Krone in London, obwohl der bereits kurz davor war, seine Karriere zu beenden.

London - Es wirkt beinahe unwirklich: Tausende Menschen strömen teils verkleidet als Superhelden oder Nonnen in eine große Mehrzweckhalle im Herzen Londons – um sich einen Kneipensport anzuschauen. Der Siegeszug des Darts ist nicht nur in Großbritannien nicht mehr aufzuhalten, auch beim deutschen TV-Sender Sport 1 reiben sich die Verantwortlichen die Hände.

Denn neben der steigenden Zahl von verrückten, partyfreudigen Fans vor Ort wurde in diesem Jahr in Deutschland ein Zuschauerrekord verzeichnet. In der Spitze ­sahen in der Bundesrepublik 1,86 Millionen Menschen das Finale zwischen Gary Anderson und Phil Taylor live im TV. Für Sender und Sportart eine ­gewaltige Zahl. Nun hofft man, dass in Deutschland ein regelrechter Boom entsteht. Hochkarätige Turniere sind bereits geplant. Der Bundesspielleiter des Deutschen Dartverbands (DDV), Jürgen Vollbrecht, ist sich ­sicher: „Wir sind auf einem guten Weg.“

Ein Grund dafür sind die extravaganten Typen wie zum Beispiel Vorjahressieger Michael van Gerwen (25) oder eben der 16-malige Weltmeister Phil Taylor (54), in der Szene nur „The Power“ genannt. Der Engländer gilt als die Ikone eines Freizeitsports, der sich immer weiter professionalisiert. Auch die deutsche Nachwuchshoffnung Max Hopp (18) könnte schon bald ein prägendes Gesicht sein. ­Dieses Jahr ­gehören die Schlagzeilen jedoch einem Schotten mit einer bewegten Karriere.

Gary Anderson stemmte am Sonntag die 25 Kilo schwere WM-Trophäe in die Höhe und ließ sich von den 3000 jubelnden Fans im Alexandra Palace feiern. Der 44-Jährige konnte sich im Endspiel nach knapp drei Stunden hauchdünn mit 7:6 Sätzen gegen Altmeister Taylor durchsetzen. „Es wird eine Weile dauern, bis ich es begriffen habe“, sagte er bewegt und gab seiner Freundin ­Rachel Ford einen Kuss. Sie hatte mitten in der Partymeute mit ihrem Liebsten mitgefiebert und war mindestens so erleichtert und gerührt wie er. Denn zuletzt war Anderson nicht immer treffsicher.

Er zählte im vergangenen Jahrzehnt zwar zu den besten Darts-Profis der Welt. Besonders seine immense Präzision in den entscheidenden Würfen führten den Schotten unter anderem schon 2011 ins WM-Finale, welches er knapp gegen den Engländer Adrian Lewis verlor. Danach überschlugen sich jedoch die Ereignisse. Im September 2011 verstarb sein erst 35-jähriger Bruder Stuart an einer plötzlichen Herzattacke, ein halbes Jahr später sein Vater Gordon. Für den Familienmenschen Gary Anderson brach eine Welt zusammen.

In der darauffolgenden Darts-Saison lief für ihn nicht mehr viel zusammen. Heute spricht Anderson davon, dass ihm damals einfach die Lust auf seinen Sport gefehlt habe und er mit der Konzentration weit weg von Pfeilen und der Dartscheibe war.

Der ehemalige Weltranglistenvierte setzte seine Karriere dennoch fort, musste aber lange auf einen weiteren großen Erfolg warten. Diesen feierte er im Februar 2014 ausgerechnet in Deutschland – bei einem Turnier der European Tour in Hildesheim.

Es war der Auftakt für eine erfolgreiche Saison, die im „Ally Pally“ in London ihren Höhepunkt fand. „Er ist ein hervorragender Spieler und verdient den Titel“, lobte sogar Phil Taylor seinen Final-Gegner. Verdient hat der gelernte Kaminbauer Anderson übrigens rund 320 000 Euro Preisgeld. Beinahe unwirklich für einen Kneipensport.

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