Treffsicher: Phil Taylor schießt die Pfeile und Millionen Darts-Fans schauen zu Foto: DPA

Die Darts-WM in London gilt als fünfte Jahreszeit des Sports. Aber ist das überhaupt Sport? Darüber ist es nun zu einem heftigen Streit gekommen.

Stuttgart - Es gibt Probleme in Österreich, die hätte man gerne auch in Deutschland. Zumindest, wenn man es mit dem Darts hält. Österreich hat nämlich Mensur Suljovic. Der spielt als Dartsprofi auf Weltklasseniveau, ist heuer Nummer fünf der Welt, was wiederum dazu geführt hat, dass „The ­Gentle“ bei der Wahl zu Österreichs Sportler des Jahres unter die Top Fünf kam. Wow. Herzlichen Glückwunsch. Könnte man sagen. Tat man aber nicht.

Seid’s narret? Österreichs Sportler fragten danach, ob die denn noch alle Latten am Zaun haben, die da gewählt haben (Sportjournalisten, versteht sich).

Angeführt wurde der – wie man österreichisch-neudeutsch sagen würde – Kackerl-Storm von Benjamin Karl, einem der Top-Snowboarder Austrias, der die Frage stellte, ob Darts Sport sei und nachlegte: „Es gibt Sportler, die trainieren so hart, dass sie sich vor lauter Anstrengung fast ankotzen, und Mensur Suljovic schießt halt seine Darts­pfeile sechs Stunden lang an die Wand und trinkt nebenbei ein Bier oder einen Apfelsaft“, sagte der Snowboarder „Laola-1“.

Der schießt halt Pfeile. Und Millionen schauen zu. Vor allem jetzt wieder, wenn an diesem Donnerstagabend im Londoner Alexandra Palace („Ally Pally“) die fünfte Jahreszeit des Sports beginnt, die Darts-WM (bis 2. Januar). Die „Welt“ hat dieser Tage ketzerisch die Frage gestellt: „Ist das Sport, oder kann das weg?“ Tatsächlich schütteln Funktionäre aus hoch respektierten olympischen Sportarten Jahr für Jahr fassungslos den Kopf über die Aufmerksamkeit, welche die Darts-WM generiert, und nehmen mit Tränen in den Augen die Quoten zur Kenntnis, von denen die meisten traditionellen Sportarten nur träumen.

Warum schaut keine Sau so wunderbare Sportarten wie Schwimmen oder Rudern, aber Millionen sehen oftmals übergewichtigen Typen beim Pfeilewerfen zu?

Tatsächlich hat sich der Sport verändert. Klassische Sportarten sind weiterentwickelt worden, etwa im Ski-Bereich mit Snowboard und Freestyle, ganz Neues ist dazugekommen wie E-Sports, und einstige Kneipenspiele wie Darts treffen den Zeitgeist und werden zunehmend beliebter und professioneller. Der Konkurrenzkampf im Spitzensport wird dadurch noch größer. Es geht dabei um PR, um TV-Zeiten, um Geld, um Sponsoren. Ein Verdrängungsprozess hat eingesetzt zuungunsten klassischer Sportarten, die aus der Zeit zu fallen drohen. Aber ist das überhaupt Sport, dieses Darts? „In meinen Augen fehlt eine  ganz entscheidende Komponente, damit man dazu Sport sagen kann“, sagt Snowboarder Benjamin Karl stellvertretend für wohl sehr viele Leistungssportler weltweit: „Menschen, die Darts oder Billard oder Schach betreiben, haben gar keine Ahnung, was es heißt, körperlich topfit zu sein.“

Schach kämpft seit Jahren um Anerkennung, Mitglied im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) ist es schon lange, trotzdem strich das Innenministerium vor einiger Zeit die Fördermittel. Begründet wurde die Maßnahme mit der fehlenden „eigenmotorischen Aktivität“ beim Schach. Der Deutsche Darts-Verband ist seit 2010 Teil des DOSB, in diesem Jahr wurde er nun auch als „förderungswürdig“ eingestuft.

Tatsächlich ist das ja nicht ganz so einfach. Laufen. Springen. Schwimmen. Klar. Aber was ist mit dem olympischen Bogenschießen? Oder Curling, eine der beliebtesten TV-Sportarten bei Winterspielen? Wo ist da der Unterschied zu Snooker? Oder Darts? Muss – wie ursprünglich mal definiert – ein großer körperlicher Aufwand hinter der sportlichen Aktivität stehen, oder ist Präzision allein nicht auch eine sportive Herausforderung? Darts erfordert eine herausragende Auge-Hand-Koordination und außergewöhnliche kognitive Fähigkeiten. Profis trainieren täglich mehrere Stunden. Bei der Darts-WM stehen die Stars teils mehrere Stunden bei über 40 Grad Gluthitze auf der Bühne und müssen die Konzentration hochhalten. Millimeterarbeit in Festzeltatmosphäre. Eine Prüfung für die Psyche.

„Um was geht es denn bei Olympia? Um Exzellenz in seiner Disziplin. Man muss vorurteilsfrei an die Sache rangehen, wir wehren uns ja auch gegen Rassismus oder Sexismus. Es sollte egal sein, wie du aussiehst, ob du eine Figur hast wie Usain Bolt oder wie Phil Taylor. Olympia heißt: Bist du der Beste? Bringst du außergewöhnliche Leistungen? Das ist das gleiche Prinzip bei Usain Bolt und bei Phil Taylor“, sagt der allmächtige Darts-Boss Barry Hearn, Chef des Verbandes PDC.

Bolt und Taylor. Zwei Seiten der gleichen Medaille? Zwei Ausnahmesportler? Ein Jahrhundertläufer und ein Jahrhundertwerfer. Wahrscheinlich fällt manchem Leser jetzt die Kaffeetasse aus der Hand. Wer je die TV-Übertragungen aus dem „Ally Pally“ gesehen hat und sie mit Übertragungen der Wintersportwochenenden in ARD und ZDF vergleicht, dem kommen ja in der Tat so seine Zweifel an der Seriosität des Darts. Eine hedonistische Party von Tausenden bierseligen Menschen, die lustige Lieder singen, noch lustigere Verkleidungen tragen, und auf der Bühne werfen meist eher unsportlich aussehende Männer stundenlang Pfeile. Die klassische Vorstellung einer Sportveranstaltung ist das nicht unbedingt. Andererseits: Ist eine aggressive, wütende Atmosphäre wie bisweilen in Fußballarenen denn besser?

Kürzlich saß Snowboard-Weltmeister Benjamin Karl übrigens bei Servus-TV in der Talkshow „Hangar 7“ neben Suljovic. „Wenn ein Mensch wie wir jeden Tag fünf bis sechs Stunden trainiert, ist es für mich Sport“, sagte der Darts-Star. Karl erwiderte: „Respekt davor. Aber Leistung wird auch in der Küche im Hangar-7 gebracht. Aber dennoch ist es nicht Sport.“ Game on: Die Debatte ist eröffnet!

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