Am Wochenende fand in Sindelfingen der Elten Safety Shoes European Darts Grand Prix statt – Besuchermassen strömten, Pfeile flogen und ein Favorit verlor seinen Titel.
Jede Sportart hat vermutlich ihren Sound, einen höchst signifikanten Klang, an dem sie sich erkennen lässt – das Klickern von Billardkugeln, der Schuh, der an den Fußball tritt, das Aufschlagen des Tennisballs. Am Wochenende im Sindelfinger Glaspalast ist es ein trockenes, hartes Pochen in einem fast regelmäßigen Abstand, das Geräusch, das entsteht, wenn ein Dartpfeil auf die Scheibe trifft. Der Glaspalast ist randgefüllt mit Publikum, die Bierbänke stehen dicht an dicht in seinem Innenraum, Currywurst und Bierbecher gehören zum Bild des Tages, und droben auf dem Podium stehen Männer, die ihre ganze Konzentration auf eine Scheibe richten, den Pfeil fliegen lassen, so lange, bis einer der Sieger ist.
Darts ist ein anerkanntes Geschicklichkeitsspiel seit 118 Jahren und wurde vermutlich erfunden von Engländern. Ein reiner Kneipensport ist es längst nicht mehr. Es gibt in der Darts-Szene eine immer stärkere Tendenz zur Professionalisierung. Die Szene wächst. Dominiert wird sie deutlich von englischen Spielern, aber auch Polen, Lettland, Schweden, die Niederlande, Deutschland, Nordirland und Wales sind immer wieder am Start.
48 Spieler treten in Sindelfingen gegeneinander an
Das Preisgeld in Sindelfingen liegt bei 35 000 britischen Pfund. Der schottische Spitzenspieler Gary Anderson, am späteren Samstagnachmittag in Sindelfingen vor der Scheibe, erzielte bei Tournieren auf Weltniveau bereits Preisgelder von mehr als sechs Millionen Pfund. Die European Tour 2026 der PDC hat 15 Stationen in Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden, Polen, Belgien, Österreich, der Slowakei, Ungarn, Tschechien, den Niederlanden. In Deutschland fanden bislang Turniere in Göttingen und München statt; Riesa, Kiel, Leverkusen werden folgen. In Sindelfingen ist die Tour zum zwölften Mal in Jahresabstand zu Gast, gespielt wird an drei Tagen übers Wochenende bis zum Finale am Sonntagabend. Zwei „Sessions“ finden täglich statt, am Nachmittag und am Abend; Besucher müssen für jede Session ein gesondertes Ticket erwerben. Eine Turnierkarte gibt es nicht. Anwesend sind bei jeder Session gut 3500 Zuschauer.
Und diese Zuschauer wollen Spaß haben, mehr noch als die 48 Spieler, die droben vor die Dartsscheibe treten. Vor den Spielern tobt eine Halle, die bunter nicht sein könnte. Fans des Darts-Sports sind aus dem ganzen Großraum Stuttgart angereist, einige haben weitere Wege auf sich genommen, und alle sind in großer Feierlaune. Auch professionellen Dartsspielern schreibt keine Regel die Nüchternheit vor und manch einer von ihnen trifft vielleicht tatsächlich besser, wenn er sich nach ein paar Schlucken fühlt wie in jenem heimatlichen Pub, in dem er zuerst einen Dartspfeil in die Hände nahm. Im Publikum, das den Glaspalast am Samstagnachmittag bevölkert, ist wohl kaum einer nüchtern. Und im Glaspalast kreuzen nicht wenige Damen in wilden Kostümen umher – im Top-Ranking der internationalen Darts-Spieler gibt es dagegen nicht eine einzige Frau, und auch im weiteren internationalen Spitzenspielerkreis finden sich gerade mal vier Frauen, sämtlich Engländerinnen.
Fischerhüte scheinen zur Standardkleidung der Darts-Fans zu gehören, man erhält sie am Merchandise-Stand. Man sieht Menschen, die gekleidet sind wie überschäumende Bierkrüge, ganze Gruppen, die umhergehen in leuchtendem Gelb, andere, die sich als übergroße Plüschtiere verkleidet haben, erwachsene Männer in kurzen Hosen und Kinderschlafanzügen, kuhfleckigen Ganzkörperanzügen, in Glitzerhemden oder mit seltsam geformten Hüten, Frauen in silbernen Schürzen oder rosa und blauen Pappkostümen mit spitzen Mützen. Man sieht eine Polonaise, die sich durch die Zuschauerreihen zieht. Allerdings: All diese bunten und verrückten Menschen, die sich benehmen, als seien sie eigentlich lieber auf einer Ballermann-Party, nehmen das Spielgeschehen doch sehr ernst. Die Chöre, die eben noch mit enorm trunkenem Stimmvolumen Lieder grölten, werden leiser, verstummen, wenn es droben, vor der Dartsscheibe, ernst wird.
So geschieht es auch, als dort Danny Noppert, Niederlande, gegen Oskar Lukasiak, Schweden, antritt. Beim Turnierdarts wird „auf sechs“ gespielt, und das heißt: Ein Spieler muss in sechs Spielen siegen, um die Runde zu gewinnen. Eine Runde besteht also aus mindestens sechs, höchstens elf Spielen – „Best of 11 Legs“ heißt der Slogan über den Tafeln, die den aktuellen Spielstand anzeigen. Zu Beginn jedes Spieles zeigen die Tafeln für beide Spieler den Stand 501 an – von dort aus müssen die Spieler mit kleinstmöglicher Wurfzahl direkt auf Null kommen.
Die Zuschauer brüllen sich die Seele wund
Philip Brezinski, der „Master of Ceremonies“ der PDC Europe, begrüßt die Kontrahenten enthusiastisch im „legendären Glaspalast Sindelfingen“, und aus dem Publikum branden Chöre auf, die den Namen des Favoriten singen, Danny Noppert. Bei jedem „Tock“ der Pfeile auf der Scheibe tut sich etwas, im Publikum wird es laut und lauter, brüllen Dartsfans sich die Seele wund, steigt die Erregung der fiebernden Zuschauer. Eine eindeutige Führung gibt es häufig nicht, oft genug holt Oskar Lukasiak auf, 34 Jahre alt, geboren in Stockholm. Zuletzt jedoch ist es Noppert, der siegt, knapp, mit 6:5.
Elf Spiele und viele spannende Minuten sind also verstrichen, als Danny Noppert, der Rundensieger, abseits des Spielrummels zum Kurzinterview erscheint. „Es hat mir wirklich geholfen, dass die Fans meinen Namen laut gerufen haben“, sagt er. Am Dartspiel gefällt Noppert schlicht alles. „Ich war 19 Jahre alt, als mein Bruder mich mitnahm in einen Pub in unserer Heimatstadt Joure“, sagt er. Joure liegt in der niederländischen Provinz Friesland. Danny Noppert ist mittlerweile 35 Jahre alt und zeigt als professioneller Dartsspieler einiges Selbstvertrauen. Manchmal, sagt er, sei es einfach, ein Spiel zu gewinnen, manchmal müsse man sich Mühe geben: „Sometimes you have to work for it.“ Und selbstverständlich würde er gerne Gary Anderson entthronen, den Dart-König, der seit zwei Jahren kein einziges Spiel verloren hat, einen der besten Dartspieler überhaupt. In jedem Spiel möchte er gewinnen.
Gegen Anderson anzutreten – dazu wird er in Sindelfingen keine Gelegenheit haben. Der Samstagnachmittag dort bringt für die Dart-Welt eine Sensation: Niko Springer, deutscher Spieler aus Mainz, erst 25 Jahre alt, schlägt Anderson, und zwar mit Abstand: 6:3. Springer gewann bereits im September die Hungarian Darts Trophy 2025, gewann dort gegen Danny Noppert. Als vierter Deutscher errang er einen Titel auf der European Darts Tour.
„Seit 2024 hatte Gary Anderson den Glaspalast wie ein König regiert“, schreibt der PDC dazu in seiner Pressemitteilung: „Der ‚Flying Scotsman‘ war in dieser Halle schlicht unschlagbar.“ Das ist vorbei. Wie der neue Darts-König im Sindelfinger Glaspalast heißt, das entscheidet sich am Sonntagabend im Finale.