Darja Varfolomeev (li.) und Margarita Kolosov treten am Donnerstag in der Qualifikation der Rhythmischen Sportgymnastik in Paris an. Foto: IMAGO/Jan Huebner/IMAGO/Harald Bremes

An diesem Donnerstag beginnen bei den Olympischen Spielen von Paris die Wettbewerbe in der Rhythmischen Sportgymnastik. Für Deutschland am Start: die Medaillenkandidatin Darja Varfolomeev. Aber nicht nur.

Über Betten im olympischen Dorf wird ja durchaus häufig gesprochen. Sind sie lang genug? Sind sie bequem? Sind sie stabil? Seit dem 4. August hat auch Margarita Kolosov ihre Erfahrungen mit dem olympischen Schlafplatz gemacht – und vermutlich vor allem eines getestet: Passen alle Geräte mit rein?

 

Die Sportgymnastin aus Potsdam, die seit acht Jahren in Fellbach-Schmiden lebt und trainiert, hat jedenfalls vor einiger Zeit ein Ritual neu für sich entdeckt, das sie schon in ihrer Kindheit praktiziert hat. Am Abend vor einem wichtigen Wettkampf geht die 20-Jährige zunächst gedanklich ihre vier Übungen noch einmal durch. Dann wird geschlafen – mit den Geräten im und am Bett.

Die Keulen, das Band und der Ball kommen mit auf die Matratze, der Reifen steht daneben. Kürzlich, vor den deutschen Meisterschaften, hat Margarita Kolosov das mal wieder ausprobiert – schließlich hatte sie doch noch ein paar Zweifel in Bezug auf die Olympia-Qualifikation. Die sich dann am Tag danach als unbegründet herausgestellt hatten. Was zur Folge hatte, dass der Deutsche Turnerbund (DTB) ein historisch großes Sportgymnastik-Team nach Paris schicken konnte.

Neben Kolosov ist auch die Gruppe qualifiziert. Und, natürlich: Darja Varfolomeev.

Aus der kleinen Dascha ist ein Covergirl geworden

Die heute 17-Jährige ist mittlerweile DAS Gesicht einer Sportart, die in den vergangenen Jahren wenig sichtbar war – auch, weil es eben große Ausreißer nach oben bei den Leistungen nicht gab. Vor drei Jahren in Tokio war das deutsche RSG-Team gar nicht vertreten. Nun, in Paris, ist eine Medaille nicht nur möglich, sondern sogar wahrscheinlich. Eben wegen Darja „Dascha“ Varfolomeev.

Deren Geschichte ist mittlerweile oft erzählt worden. Als Zwölfjährige kam sie aus Russland nach Fellbach-Schmiden, konnte kein Deutsch, hat aber einen deutschen Großvater. Diese verwandtschaftliche Verbindung machte es möglich, dass Varfolomeev für Deutschland starten konnte. Anfangs erkannte man am Stützpunkt in Schmiden das herausragende Talent der Gymnastin – mittlerweile kennt es die ganze Welt.

Im Jahr 2023 jedenfalls kam Darja Varfolomeev mit allen fünf möglichen Goldmedaillen von der Weltmeisterschaft aus Valencia zurück – das gelang bis dahin nur einer Athletin vor ihr. Klar, der Teenager profitiert auch davon, dass russische und belarussische Gymnastinnen derzeit nicht am Start sind (auch nicht in Paris), denn diese gewannen seit den Spielen 2000 in Sydney immerhin 14 der 18 Einzelmedaillen. Am Talent der Schülerin ändert das aber nichts. Die Trainerin Yuliya Raskina, sie gewann vor 24 Jahren Silber, hat daraus eine Weltklasseathletin geformt.

Bei den Weltmeisterschaften 2023 holte Darja Varfolomeev gleich fünf Mal Gold. Foto: AFP/Jose Jordan

Varfolomeev ist mittlerweile ein kleiner Sportstar in Deutschland, war zu Gast im „Aktuellen Sportstudio“ des ZDF, sprach vor dem Sportausschuss des Bundestages, hat einen Manager. Vor den Spielen von Paris zierte sie sogar das Cover eines Olympiamagazins – nach einem aufwendigen Fotoshooting. „Das alles sind schöne Ablenkungen“, sagt sie, „ich finde das schön.“ Denn der Trainingsalltag ist nicht immer einfach.

„Es gibt gute Tage, aber natürlich auch mal schlechte“, gibt Darja Varfolomeev zu. Sie versuche dann aber immer, dennoch alle Aufgaben abzuarbeiten. Denn: „Sonst wird die Liste der Dinge, die man noch erledigen muss, am nächsten Tag umso länger.“ Um mit den hohen Anforderungen, auch dem Druck, als Favoritin nach Paris zu reisen, klarzukommen, spricht die junge Sportlerin auch regelmäßig mit einem Sportpsychologen – und ist froh, dass sie nicht alleine nach Frankreich reisen muss.

Viel Training – auch mental

Vor allem Margarita Kolosov ist als Trainings- und Teamkollegin wichtig. „Sie ist wie eine Schwester für mich“, sagt Darja Varfolomeev, „sie hat mir anfangs mit der Sprache geholfen – und mit ihrer Freundschaft.“ Wie Varfolomeev war auch Kolosov im Alter von zwölf Jahren nach Schmiden gekommen. Mittlerweile hat sie ihr Abitur gemacht, ein Studium begonnen (Anglistik und Chemie) und sich im Sog ihrer Kollegin in die erweiterte Weltspitze vorgearbeitet. Auch sie setzt dabei auf Unterstützung im mentalen Bereich.

„Früher kam ich immer super vorbereitet zu den Wettkämpfen“, erinnert sie sich, „und dann ging es in die Hose.“ Sie habe Probleme gehabt, mit dem Wettkampfdruck umzugehen.

Dass dies nun anders ist, will sie an diesem Donnerstag in der Mehrkampf-Qualifikation beweisen. Am Freitag werden dann die Mehrkampf-Medaillen vergeben, am Samstag ist die Gruppe dran. Bei all der physischen und psychischen Vorbereitung – nicht nur Margarita Kolosov geht lieber auf Nummer sicher und setzt auf ein bisschen Aberglaube. „Ich rufe vor jedem Wettkampf meine Familie an“, sagt Varfolomeev. Erst die Oma, dann die Mama, dann den Papa.

Die Geräte dürfen bei ihr allerdings nicht mit ins Bett.