Darja Varfolomeev ist seit Freitag die erste deutsche Olympiasiegerin in der Rhythmischen Sportgymnastik. Foto: IMAGO/Nordphoto/IMAGO/nordphoto GmbH / Straubmeier

Als zwölfjähriges Mädchen kam Darja Varfolomeev einst aus Russland nach Deutschland – und es zu den Olympischen Spielen zu schaffen. Nun, fünf Jahre später, hat die Sportgymnastin sogar die Goldmedaille gewonnen.

Vielleicht sprechen diese Szenen, die sich direkt nach dem Ende des olympischen Mehrkampffinals in der Rhythmischen Sportgymnastik abgespielt haben, noch viel mehr für Darja Varfolomeev, als es ihre sportliche Leistung sowieso tut. Die Italienerin Sofia Raffaeli hatte in Paris als letzte Gymnastin gerade ihre Übung mit dem Band beendet. Danach war klar: Die erst 17-jährige Darja Varfolomeev ist die erste deutsche Olympiasiegerin in der Sportgymnastik.

 

Sie hatte also Geschichte geschrieben (bis dahin war Regina Weber mit Bronze 1984 die einzige deutsche Medaillengewinnerin in dieser Sportart). Doch anstatt diesen Moment ausgelassen und ausgiebig zu zelebrieren, suchte sie sofort den Weg zu Margarita Kolosov. Um ihre Teamkollegin zu trösten.

Nach Raffaelis Wertung war nämlich nicht nur klar, dass Varfolomeev gesiegt hatte. Sondern auch, dass Kolosov, die mit der neuen Olympiasiegerin in Fellbach-Schmiden trainiert, noch ganz knapp vom dritten Platz verdrängt worden ist. Die 20-Jährige wurde Vierte – und brach erst einmal in Tränen aus.

„Ich bin zu ihr gegangen und habe ihr gesagt: Beim nächsten Mal klappt es, das wird schon“, sagte Darja Varfolomeev. Danach blieb sie minutenlang bei Margarita Kolosov – und ging erst wieder, als diese zumindest ihr Lächeln wiedergefunden hatte. Mit dieser Geste rührte sie auch ihre Trainerin. „Darja“, sagte Yulia Raskina, „ist so ein guter Mensch.“

Als Zwölfjährige kommt Darja Varfolomeev nach Deutschland

Der gute Mensch hat ja einen besonderen Weg hinter sich – bis hin zu dieser Goldmedaille. Im Sommer 2018 hatte sie sich erstmals am Bundesstützpunkt in Schmiden vorgestellt – als elfjähriges Mädchen, das damals in Russland lebte. Das aber auch einen deutschen Großvater hat. Beim Deutschen Turnerbund (DTB) war man angetan vom Talent der Kleinen – die ein halbes Jahr später, am 1. Februar 2019, nach Baden-Württemberg zog. „Das“, sagte sie nun in Paris, „war meine Entscheidung.“

Thomas Gutekunst, der heutige Sportdirektor des DTB, hatte mit der Entscheidung damals noch nichts zu tun. Blickt aber voll des Lobes auf die Arbeit in einer Sparte des Turnverbands, die bis dahin nicht unbedingt zu den Erfolgsgaranten gehört hatte. „Natürlich kam Darja als großes Talent nach Deutschland“, sagte er, „aber wie dieses Talent dann geformt wurde und das ganze Team gearbeitet hat – darüber freue ich mich extrem.“ Auch, weil es gleich zwei deutsche Gymnastinnen ins Olympia-Finale geschafft hatten.

Den Großteil dieser Trainerinnenarbeit erbrachte in den vergangenen Jahren Yulia Raskina – die vor 24 Jahren in Sydney Silber für Weißrussland gewonnen hatte. Ein riesiger Stein, meinte sie und breitete ihre Arme über ihrem Kopf aus, sei ihr nach dem Wettkampf von den Schultern gefallen. Und: „Ich bin auch ein bisschen stolz auf mich.“

Nicht nur wegen der erfolgreichen Arbeit mit ihren Sportlerinnen. Sondern vor allem, weil sie es geschafft hatte, in der La Chapelle Arena ihre eigene Nervosität zu verbergen – um Ruhe ausstrahlen zu können. Denn: Ihr Schützling war selbst hoch nervös. Darja Varfolomeev hatte, das berichtete Raskina, vor der ersten Übung mit dem Reifen sogar ein bisschen geweint. „Das war okay“, sagte die Trainerin, „die Emotionen müssen raus.“ Doch dann gelang schon die erste Kür nahezu perfekt. In der Qualifikation war Darja Varfolomeev hinter Sofia Raffaeli nach vier Geräten nur auf dem zweiten Platz gelegen, nun, als es darauf ankam, lieferte sie aber beeindruckend ab. Beste mit dem Reifen, Beste mit dem Ball, Beste mit den Keulen, Zweitbeste mit dem Band – das ergab 142,850 Punkte. Und den Sieg vor Boryana Kaleyn aus Bulgarien und eben der Konkurrentin Raffaeli.

Glück – aber auch Erleichterung

„Ich freue mich sehr darüber, dass ich das geschafft habe und die ganze Arbeit sich gelohnt hat“, sagte die 17-Jährige, die ihrer Trainerin dankte und den Eindruck aus der Halle bestätigte: „Ich bin sehr erleichtert, dass es jetzt zu Ende ist.“ Denn spätestens nach ihren fünf WM-Titeln im vergangenen Jahr hatte sie damit leben müssen, als Topfavoritin nach Paris zu reisen.

Während des Wettkampfs vermied Darja Varfolomeev es, ihre eigenen und die Wertungen der Konkurrenz zu verfolgen. „Ich wollte mich nur auf mich und meine Übungen konzentrieren“, sagte sie. So wusste sie nicht, dass sie stets in Führung lag – und musste nach ihrer letzten Übung erst einmal nachfragen, was denn Stand der Dinge ist. Aber auch ihre Trainerin wusste es in diesem Moment nicht. Aber dann: „Kam eine Goldmedaille dabei heraus.“

Schweiß, Schmerzen, Tränen – all das, meine die Olympiasiegerin, habe sich nun gelohnt. „Das bedeutet mir alles“, sagte Darja Varfolomeev. Und dachte noch einmal an Margarita Kolosov: „Wir sind die ganze Zeit zusammen, ich weiß, wie hart auch sie gearbeitet hat.“

Das wollen sie weiter tun. Und 2028 vielleicht noch einmal gemeinsam zu den Spielen nach Los Angeles fahren. „Da“, sagte Darja Varfolomeev, „zeigen wir dann noch einmal, was wir können.“ Es ist, das wurde bei den Spielen in Paris klar, eine ganze Menge.