Mittlerweile mit Vollbart und 25-jährig: Daniil Trifonov Foto: Universal

Bei Sergej Rachmaninows zweitem Klavierkonzert und mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra unter Manfred Honeck an der Seite wurde Daniil Trifonov nicht ganz glücklich. Alleine ist er um Welten besser.

Stuttgart - Wer nein sagt, muss sich seiner selbst sehr sicher sein. Grigory Sokolov ist einer, der nein sagt. Gerade hat Sony eine Aufnahme von Chopins erstem Klavierkonzert mit ihm veröffentlicht – von 1978. Heute spielt Sokolov nur noch solo: frei, aber einsam. Sein Kollege Daniil Trifonov freilich ist noch nicht so weit. Als Star wird der introvertierte 25-jährige Russe spätestens gehandelt, seitdem er 2011 den Moskauer Tschaikowsky-Wettbewerb gewann, und seine Recitals sind immer so etwas wie die Geburt großer Musik aus einem großen, fühlenden Geist. Wie Trifonov Gegenstimmiges glasklar auffächert und mit genau der richtigen Dosis von Emotion anreichert: Das konnte man bei seiner Zugabe, der g-Moll-Fuge aus Liszts Bearbeitung von Bachs Orgelwerk BWV 542, staunend hören – und anschließend staunend sehen, wie sich ein Lächeln in das zuvor so ernste Gesicht schlich.

Bei Rachmaninows zweitem Klavierkonzert hingegen wirkte der introvertierte Jungstar wie ein Vögelchen im goldenen Käfig. Gut bewältigt Trifonov den Solopart dieses virtuosen Schlachtrosses, legt den solistischen Beginn des ersten Satzes sehr konturiert, ja geradezu kantig an und traktiert danach das Instrument mit feingliedrigen Händen, die weich wie Katzenpfoten über die Tasten schnellen. Selbst im langsamen Satz, in dem man ahnen kann, über welch reiches Spektrum an Anschlagsnuancen der Pianist verfügt, zerfließt kein Ton, hat alles Träumen Substanz.

Und dennoch: Dass vor allem in den Kadenzen der Funke überspringt, hat einen guten Grund. Hier ist auch Trifonov einsam, aber frei. Entfesselt zu sein: Das gehört mit zu den Qualitäten, für die ihn das Publikum liebt – und um derentwillen es am Donnerstagabend den eng bestuhlten Beethovensaal bis zum letzten Platz gefüllt hat. Entfesselung zuzulassen, ist aber nicht das erste Anliegen des Mannes am Pult, der die totale Kontrolle liebt und lebt. Am Pult des Pittsburgh Symphony Orchestras versucht sich Stuttgarts ehemaliger Generalmusikdirektor Manfred Honeck an der Verschmelzung von amerikanischer Brillanz und dem, was er, weil es dunkel wirkt und weich, gerne als „deutschen Klang“ bezeichnet. Bei Beethovens „Coriolan“-Ouvertüre gelingt es Honeck glänzend, über präzise Generalpausen hinweg die Spannung zu halten, Rachmaninows Konzert begleitet er mit feinen Farben. Nur Tschaikowskys sechste Sinfonie, die „Pathétique“, ist in weiten Teilen eher durchgestylt als tief empfunden; im zweiten Satz versucht Honeck sogar, den raschen Wiener Walzer über die russische Grenze zu exportieren. Dennoch serviert er das Ganze so effektbewusst, dass das Publikum wieder einmal nicht umhin kann, das von Tschaikowsky vorgezogene, hier sehr kontrolliert rauschende Ende des Klangfests schon nach dem dritten Satz bejubeln zu wollen.

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