Daniel Brühl in einer Szene des Films „Colonie Dignidad“. Foto: Vaz

Schon in seiner Jugend kam der Schauspieler Daniel Brühl mit Exil-Chilenen zusammen, die in seiner Nähe wohnten. So konnte er auch schnell für den Film „Colonia Dignidad“ begeistert werden.

Berlin – Herr Brühl, wie viele Berlinale-Partys stehen in Ihrem Kalender?
Im Unterschied zu früher muss ich nicht mehr auf jeder Party des Festivals gewesen sein. Mein persönliches Highlight wird die Geburtstagsfeier meiner Tapas-Bar Raval. Dort haben sich in den vergangenen Jahren schon etliche Berlinale-Gäste vergnügt, von Ian McKellen über Benedict Cumberbatch bis zu Audrey Tautou, mit der ich damals in der Berlinale-Jury saß. Geoffrey Rush hat sogar schon seinen Geburtstag im Raval ­gefeiert.
In diesem Jahr sind Sie als Schauspieler von „Jeder stirbt für sich allein“ auf dem Festival vertreten, ist das entspannter, als in der Jury zu sitzen?
Für mich war die Jury eine großartige Zeit, weil man nicht nur den gesamten Wettbewerb anschauen konnte, sondern anschließend spannende Diskussionen mit interessanten Kollegen darüber führte. Für uns alle hätte das gerne durchaus zwei Wochen länger dauern können. Es war eine interessante Erfahrung, einmal selbst zu urteilen, als wie sonst immer nur beurteilt zu werden. Wenn man mit einem eigenen Film im Wettbewerb ist, sieht die Aufregung doch anders aus.
Ihre Figur in „Colonia Dignidad“ wird schwer gefoltert, mit welchen Gefühlen sieht man solche Bilder von sich? Ist das einfach nur Make-up, oder geht das tiefer?
Das ist schon heftig, zumal man sich in solche Szenen ja hineindenken muss und diese Dinge damals tatsächlich passiert sind. Bei der Streckbank im Film handelt es sich um ein echtes Folterinstrument aus dem Museum, schon deshalb war das für mich ein ziemlich gruseliger Drehtag.
Der Daniel im Film ist ein politischer Aktivist, wie politisch ist der reale Daniel?
Eine politische Haltung war bei mir eigentlich immer da, so bin ich erzogen worden. Mit dem Thema Chile kam ich früh in Berührung, weil damals häufig Exil-Chilenen bei uns gewohnt haben, die von meinen Eltern unterstützt wurden. Als Kind versteht man die ganzen Dimensionen natürlich noch nicht, aber man wird sensibilisiert für dieses Thema. Deswegen war ich sofort begeistert von diesem Film über diese skandalöse ­Colonia Dignidad und ihrer Schreckensherrschaft.
Die Rolle der deutschen Politik ist bis heute nicht aufgearbeitet.
Das könnte sich durch diesen Film ja vielleicht ändern. Viele Menschen aus meiner Generation wissen von diesen Vorgängen gar nichts. Ich fände es wichtig, dass die ­unrühmliche Rolle der deutschen Politik aufgearbeitet wird. Es ist schockierend, dass einige der Täter bei uns völlig unbescholten leben und nie zur Rechenschaft gezogen wurden.
In der Fallada-Verfilmung „Jeder stirbt für sich allein“ spielen Sie den Gestapo-Mann Escherich, wo liegt der Reiz bei solch einer Rolle?
Escherich ist eine Figur, wie es sie häufig ­gegeben hat: eigentlich kein überzeugter Nazi, dann aber durch das Regime ein­geschüchtert und gebrochen. Er ist ein ­professioneller Polizist, der nicht viel gibt auf die tumben Angehörigen der SS. Doch als er bedroht wird, tut er aus Angst Dinge, die ihm widerstreben, und er verrät sich ­sozusagen selber. Diesen Bogen zu spielen, fand ich eine faszinierende Aufgabe.
Sind Sie auf solch ambitionierte Filme eher stolz als auf Popcorn-Kino wie „Captain ­America“?
Für mich hat beides seinen Reiz. Es ist ja ­gerade das Spannende in diesem Beruf, von einer Insel auf die nächste hüpfen zu können und in verschiedene Welten einzutauchen. Und was die Marvel-Verfilmungen betrifft, ist das durchaus Unterhaltung auf hohem Niveau.
Was macht man mit Hollywood-Stars nach Drehschluss am Feierabend?
Das Angenehme an den Amerikanern ist diese ganz große Herzlichkeit. Man wird am Set sofort willkommen geheißen und bekommt nie das Gefühl vermittelt, als Außenseiter in der Ecke zu stehen, mit dem keiner spricht. Man hat mich gleich zu Basketball-Spielen eingeladen, oder wir sind wir oft gemeinsam ausgegangen. Solche Erfahrungen würde ich gerne wiederholen.
Sind Dreharbeiten auf Englisch kein Problem, weil es in der fremden Sprache naturgemäß am vertrauten Sprachgefühl hapert?
Großartige Probleme hatte ich damit eigentlich nie, wobei ich mittlerweile mehr Sicherheit gewonnen habe. Ich fühle mich sehr wohl in Englisch und mag die Sprache ­unglaublich gerne, weil man komplexe ­Dinge auf eine knappe und einfache Weise ausdrücken kann.
Wissen Sie, wie viele Filme Sie mittlerweile gedreht haben?
Vermutlich zu viele! (Lacht) Im Rückblick hätte man auf den einen oder anderen Film vielleicht besser verzichtet – aber Scheitern gehört schließlich zum Beruf. Immerhin gibt es gut ein Dutzend Filme, auf die ich stolz bin und die ich mir so ins DVD-Regal stelle, dass sie gut sichtbar sind.
Gibt es eine perfekte Szene in Ihrer Filmografie, auf die Sie absolut stolz sind?
Da muss ich leider passen. Ich schaue mir meine Filme maximal nur dreimal an – und danach nie wieder. Selbst wenn ich im ­Fernsehen zufällig darauf stoße, schalte ich lieber um.
Eine Frage noch – wäre eigentlich ein Auftritt als „Tatort“-Kommissar ein Traum?
Nein, aktuell gehört der „Tatort“ nicht zu meinen Träumen.
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