Im Sommerhofenpark wurden am Sonntag Mini-Dampfzüge aufs Gleis gesetzt. Die Lokführer müssen mit Feuer, Wasser und Luft umgehen. Was macht die Faszination der Züge aus?
Man möchte sie Molly nennen, wie sie schnauft und zischt und pfeift. Molly, die kleine Dampflok, wie bei Jim Knopf. Stattdessen heißt sie Evening Star und ist ein Miniaturmodell der letzten Dampflok, die 1960 von der Britischen Staatsbahn gebaut wurde. Und der Lokomotivführer heißt nicht Lukas, sondern Stefan Kühnel, und sitzt wie ein Scheinriese hinter seiner grünen Lok und heizt sie an. In Schrittgeschwindigkeit rumpelt das Bähnlein die 800 Meter lange Strecke durch den Sindelfinger Sommerhofenpark.
Die Dampfbahnfreunde Sindelfingen veranstalten regelmäßig Dampftage, am Sonntag hatte der Verein explizit zum Fünf-Zoll-Regelspurtreffen geladen. In Szene gesetzt wurden diesmal die besonders kleinen Dampflokomotiven, die auf Gleisen mit einer Spurweite von nur fünf Zoll fahren. „Das entspricht 127 Millimetern“, erklärt der Vereinsvorsitzende Armin Reitz. Zum Vergleich: Die Züge der Deutschen Bahn fahren auf 1435 Millimeter breiten Gleisen.
Jene besonders kleinen Dampfloks, die an diesem Wochenende durch den Park schnaufen, sind im Maßstab 1:11,3 ihren originalen Vorbildern nachgebaut. „Die gab’s alle so in groß“, sagt Reitz. Sein Verein lässt an diesem Dampftag zwei Fünf-Zoll-Züge fahren, acht weitere Dampfloks werden von Hobby-Lokomotivführern aufs Gleis gesetzt, die teils von weit her angereist sind – vom Bodensee, aus Chemnitz. In ganz Deutschland gebe es um die 20 solcher Vereine, man besuche sich gegenseitig und befahre das Gleisnetz der anderen, sagt Reitz. Zum Ausladen aus dem Kofferraum braucht es freilich eine Hebebühne – eine Dampflok wie die Evening Star wiegt 111 Kilogramm.
Was macht die Faszination der Dampfzüglein aus?
Alle Lokomotivführer eint ihre Begeisterung für die Dampftechnik. „Man muss die Elemente beherrschen“, sagt Reitz. „Man legt nicht wie bei einer S-Bahn nur einen Schalter um, sondern man muss mit Feuer, Wasser und Luft so umgehen, dass die Lokomotive funktioniert.“ Die Kunst sei es, so zu heizen, dass viel Dampf da sei, wenn die Lok viel leisten müsse – und wenig, wenn nicht. Das zu beherrschen, mache die Faszination aus. „Die Dampflok ist ein fahrendes Kraftwerk, die Energieerzeugung findet auf der Lok statt.“ Dass man – im Gegensatz zu den H0-Modelleisenbahnen – auf den Zügen mitfahren könne, mache das Hobby so besonders.
Eine Herausforderung sei es, die extra kleinen Fünf-Zoll-Lokomotiven zu fahren. „Die verzeihen keinen Fehler“, sagt Reitz. Insbesondere das Bremsen erfordere bei allen Modellen viel Fingerspitzengefühl und Können. Voll besetzt wiege einer der größeren 7,25-Zoll-Züge vier Tonnen. „Das ist keine niedliche kleine Spielzeugeisenbahn“, betont Reitz. Wer bei den Dampffreunden Sindelfingen einen Personenzug fahren wolle, müsse deshalb vorab eine Lokführerprüfung bestehen.
Dampfbahnromantik der 1960er
Und die Gäste? Sind begeistert. „Opa, darf ich noch ’ne Runde?“, ruft ein Mädchen. Es darf. Aber erst, nachdem der Schaffnersjunge ihm mit der Zange die Fahrkarte abgeknipst hat. Der Vereinsvorsitzende legt Wert darauf, dass auf dem Gelände der Dampffreunde authentische Eisenbahnatmosphäre der 1960er Jahre herrscht. Von der Bahnhofsuhr über das Stellwerkhäuschen und den Lautsprecheransagen bis hin zu den Fahrkarten stimmt jedes Detail.
Woher kommt seine Liebe zur Dampfbahnromantik? „Ich hatte eine Initialzündung in der Kindheit“, sagt Reitz. Da sei er als Sechsjähriger mit seiner Mutter im Zug nach Sylt gereist. Als sie in Hamburg umstiegen, sah er am anderen Gleis eine Schnellzugdampflok. „Ich wollte unbedingt hin, aber wir mussten weiter zum Anschlusszug“, erzählt der 65-Jährige. Da war sie, die Liebe zu Dampfloks, und sie blieb bis heute.
1977 fuhr er ins Münsterland zum feierlichen Abschied des Dampfbetriebs der Deutschen Bundesbahn. „Da war noch mal alles unter Dampf“, schwärmt Reitz. Nun sorgt er dafür, dass im Sommerhofenpark alles unter Dampf gesetzt wird, was auf die Fünf-Zoll-Spur passt.