Dieter Zetsche, dessen Vertrag bis Dezember 2019 verlängert wurde, kann mit Bestmarken bei Umsatz, Absatz und Gewinn punkten. Foto: dpa

Vorstandschef Dieter Zetsche bringt die Aktionäre mit glänzenden Zahlen in Stimmung. Er muss sich auch darauf einstellen, dass die Eigner kritisch nach dem Fahrplan Richtung Zukunft fragen werden.

Stuttgart - Dieter Zetsche ist ganz oben angekommen. Für das vergangene Jahr hat Daimler seinem Vorstandsvorsitzenden 9,7 Millionen Euro Gehalt überwiesen; einschließlich der Zahlungen aufgrund von Ansprüchen aus Vorjahren sind es sogar 14,4 Millionen Euro – so viel wie bei keinem anderen Konzernchef in der Börsen-Eliteliga Dax 30. Obwohl die Millionengehälter der Chefs seit Langem heftig umstritten sind, muss Zetsche am Mittwoch im Berliner City-Cube beim Treffen der Anteilseigner aber allenfalls mit gebremster Kritik der Daimler-Aktionäre rechnen. Ingo Speich, der die Geldanlagen bei der Fondsgesellschaft Union Investment steuert, bringt es auf den Punkt: „Die Vorstände der Dax-Konzerne verdienen ganz generell zu viel“, sagt der Fondsmanager, der auch in Hauptversammlungen kein Blatt vor den Mund nimmt. Aber: „Lässt man dies einmal beiseite, dann ist die Vergütung für Dieter Zetsche aufgrund der Gesamtsituation aber gerechtfertigt.“

Punkten kann der 62-jährige Vorstandsvorsitzende schließlich mit neuen Bestmarken bei Umsatz, Absatz und Gewinn – was auch den Aktionären zugutekommt. Sie sollen diesmal 3,25 Euro pro Aktie erhalten, nachdem die Ausschüttung schon im Jahr zuvor um 20 Cent auf 2,45 Euro erhöht worden war. Wer mag da schon mäkeln?

Vergütungsfrage

Probleme mit dem mittlerweile erreichten Niveau auf der Beletage der Konzerne hat auch der Rechtsanwalt Markus Kienle, der für die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) spricht und im Hauptberuf in Frankfurt eine Kanzlei betreibt. Stets geht es beim Geld um die Frage, welche Vergütung angemessen ist. „Die Diskussion ist uralt, aber klare Antworten gibt es nicht“, sagt Kienle, der am Mittwoch zum ersten Mal vor den Daimler-Aktionären auftritt. Als Rechtsanwalt ist Kienle in der Welt der Selbstständigen zu Hause und macht deshalb diese Rechnung auf: Könnte ein Berater das Traumhonorar von 1000 Euro pro Stunde verlangen und hätte keinerlei Kosten, so käme er bei 220 Arbeitstagen im Jahr „nur“ auf eine Vergütung von knapp zwei Millionen Euro.

Da Manager für ihr Handeln kaum in Haftung zu nehmen sind, fragt sich der SdK-Vertreter, ob hier die Relationen stimmen. Nicht anders ergeht es Roland Klose, Vertreter der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW), den die Banker-Boni freilich mehr stören als die Vergütungen in Industriekonzernen.

Ausufernde Debatten, die bei Daimler durchaus Tradition haben, sind in Berlin freilich nicht zu erwarten. Darauf deuten schon die lediglich sechs Gegenanträge hin, mit denen Aktionäre für die Nichtentlastung des Vorstands beziehungsweise des Aufsichtsrats votieren. Dabei stehen – auch das ist Tradition bei Daimler – Themen im Vordergrund, die für das Unternehmen eher am Rande liegen: Frauenquote, Rüstungsexporte und die Partnerschaft mit dem malayischen Mineralölkonzern Petronas. In der Vergangenheit haben Anteilseigner wie die Kritischen Aktionäre Daimler für ihre Anliegen aber nur sehr geringe Unterstützung erhalten. Ein Thema, das für Gesprächsstoff hätte sorgen können, haben die Stuttgarter geschickt abgeräumt: die Führungsfrage. So wie es Aufsichtsratschef Manfred Bischoff vor einem Jahr angekündigt hatte, wurde der Vertrag von Zetsche zwischenzeitlich bis Dezember 2019 verlängert.

Vor drei Jahren wurde über die Zukunft des Chefs noch heftig diskutiert. Der Mann mit dem markanten Schnauzbart war angezählt, weil sich die Arbeitnehmervertreter um den damaligen Betriebsratschef Erich Klemm querlegten und ihm nur eine Vertragsverlängerung um drei Jahre zugestanden, obwohl ein neuer Fünf-Jahres-Vertrag geplant war. Daimler agiert nach Bischoffs Vorbild bei Personalfragen jetzt offensiver als früher. So hat der Aufsichtsrat mit der Beförderung von Vertriebsvorstand Ola Källenius zum Vorstand für Forschung und Entwicklung dezent, aber doch sichtbar zum Ausdruck gebracht, dass der 46-Jährige erster Anwärter auf die Zetsche-Nachfolge ist.

Für Ingo Speich stimmt unabhängig von der Person („Vorstandspersonalien überlassen wir als Anleger lieber dem Aufsichtsratsrat, der da näher dran ist.“) die Perspektive: „Es ist sehr wichtig, dass ein künftiger Vorstandsvorsitzender die Entwicklung zehn Jahre lang prägen kann“, sagt der Fondsmanager. Im Vorstand erfüllt lediglich Källenius diese Bedingung.

Harte Bewährungsprobe

In der Entwicklung hat der gebürtige Schwede eine harte Bewährungsprobe zu bestehen. Womöglich steht Daimler nicht so gut da, wie es scheint: „Es sind keine exorbitanten Erfolge; angesichts des starken Modellzyklus läuft es lediglich so, wie es laufen sollte“, sagt Speich. Beim Antrieb der Zukunft gibt er Daimler schlechte Noten: „Wenn man den Smart mal beiseitelässt, dann hat Daimler in Sachen Elektromobilität noch nicht viel gemacht.“ Er sieht ebenso wie SdK-Mann Kienle und der Analyst Frank Schwope von der NordLB, der Daimler gut kennt, die Stuttgarter hinter BMW zurück. „BMW kann mit seiner eigenen i-Baureihe punkten“, sagt Schwope über die Münchner, die nach seiner Meinung Anspruch auf den Audi-Slogan „Vorsprung durch Technik“ erheben könnten. Speich spendet Daimler Trost: „Es ist noch nicht zu spät. BMW ist bei den Oberklasseanbietern einerseits zwar vorne, andererseits aber offenbar zu schnell.“ Will sagen: i3 und i8 sind keine Verkaufsschlager.

Bei der Hauptversammlung wird gewiss auch der Name Tesla fallen. Der E-Autobauer hat gerade ein Modell für 35 000 Dollar angekündigt, für das es schon nach wenigen Tagen 276 000 Reservierungen gibt. „Um sich die Größenordnung vorzustellen, muss man sehen, dass das schon mehr als die Hälfte der gesamten Kapazität der C-Klasse ist“, ordnet Speich die Zahl ein. „Der Vorstoß von Tesla ist ein Weckruf und gibt einen kleinen Vorgeschmack auf das, was noch kommen kann. Daimler muss aufpassen, nicht den Anschluss zu verlieren und zum Dinosaurier zu werden.“ Klose, der Strategisches Management an der FOM – Hochschule für Oekonomie und Management lehrt, ist fasziniert davon, dass hier ein Newcomer gegen das Establishment der Branche kämpft.

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