Vision eines AMG Grand Turismo bei der Daimler-Aktionärsversammlung. Foto: dpa

Binnen eines Jahres hat die Daimler-Aktie um über 70 Prozent zugelegt. Die ausgeschüttete Dividende ist mit 2,25 Euro so hoch wie nie zuvor. Viel Grund also zur Zufriedenheit für die Aktionäre bei der Daimler-Hauptversammlung in Berlin. Aber Konzernchef Dieter Zetsche muss sich auch Kritik gefallen lassen.

Berlin - Es hätte so schön sein können. Vor einem Jahr noch stotterte der Daimler-Motor, und Chef Dieter Zetsche musste dafür die Prügel einstecken. Jetzt ist seine Strategie mit einer beispiellosen Modelloffensive voll aufgegangen. Jeder Monat bringt einen neuen Absatzrekord. Daimler verkürzt den Abstand zu seinen Konkurrenten BMW und Audi. Dafür dürfte man sich ruhig etwas feiern lassen. Dumm nur, dass ausgerechnet jetzt die Debatte um Zetsches Doppelfunktion und eine mögliche Nachfolge hochkocht. Zetsche ist derzeit nicht nur Konzernchef, sondern auch Leiter des Bereichs Mercedes-Benz Cars.

Die Personaldebatte

Martin Buhlmann von der Vereinigung institutioneller Privatanleger hat viel Lob parat. Die Berufung von Siemens-Chef Joe Kaeser, Ex-VW-Chef Bernd Pischetsrieder und Bosch-Mann Bernd Bohr etwa bezeichnet er als „Rückholaktion von technischer Kompetenz“ in den Daimler-Aufsichtsrat. Kurz darauf aber folgt die Frage, ob Dieter Zetsche nicht seinen Job als Mercedes-Chef besser abgeben sollte. „Kann ich für den Rest noch ein fürsorglicher Vater sein, oder gibt es da nicht einen Interessenkonflikt?“ In die gleiche Kerbe haut wenig später auch Ingo Speich von der Union Investment, der Fondsgesellschaft der Volks- und Raiffeisenbanken. „Zwei Jobs sind auch für den besten Manager einer zu viel“, sagt Speich. Der enorme Wettbewerbsdruck erfordere dringender denn je klare Verantwortlichkeiten und Managementkapazität. Tatsächlich taucht die Frage in schöner Regelmäßigkeit auf, wer Zetsche als Mercedes-Mann und Konzernchef beerben könnte. Erst jüngst hatte der scheidende Betriebsratschef Erich Klemm im Interview mit unserer Zeitung auf eine Verjüngung des Vorstands gedrängt. Auch der Wechsel von Vorstand Andreas Renschler zur Nutzfahrzeugsparte von VW hat die Debatte befeuert. Er galt als möglicher Kronprinz und stieg nicht zuletzt deshalb aus, weil er nicht mehr damit rechnete, bald zum Zug zu kommen. Zetsche ist 60 Jahre alt, sein Vertrag läuft noch bis Ende 2016. Die Zeit, einen Nachfolger aufzubauen, könnte daher knapp werden.

Anlageberater wie Hans-Peter Wodniok von Fairesearch in Frankfurt sehen deshalb eine Übergangslösung als wahrscheinlich an. So könnte etwa Hubertus Troska (54), der als Vorstand für China die Geschäfte dort auf einen guten Weg gebracht hat, zunächst Mercedes übernehmen und dann später sogar Konzernchef werden. „Vielleicht wurde er nach China geschickt, um sich dort zu beweisen“, mutmaßt Wodniok. In zweiter Reihe bei Mercedes ist hinter Zetsche eine neue Generation mit Perspektive zu erkennen. Ola Källenius (45) etwa hat sich als Chef von AMG innerhalb des Konzerns einen Namen gemacht und ist seit Oktober Bereichsvorstand für Vertrieb und Marketing bei Mercedes. Er gilt als Zögling Zetsches. Kandidaten für die Spitze zumindest von Mercedes könnten auch Markus Schäfer (48) oder Klaus Zehender (46) sein. Schäfer leitet seit dem Abgang Renschlers die Produktion bei Mercedes, Zehender verantwortet die Beziehungen zu den Lieferanten. Dass jemand Konzernchef wird, ohne überhaupt im Konzernvorstand gewesen zu sein, hält Wodniok für äußerst unwahrscheinlich.

Auf der Hauptversammlung beantwortet Aufsichtsrat Manfred Bischoff die Fragen der Aktionäre nach dem Personal kurz und knapp. Mercedes sei nun mal das Kerngeschäft von Daimler. Da sei es außerordentlich wertvoll, wenn sich der Konzernvorstand auch um das operative Pkw-Geschäft kümmere. „Wir machen das ja nicht aus Jux und Tollerei“, sagt Bischoff und verweist auf Konkurrenten wie BMW oder VW, bei denen es ebenfalls Doppelfunktionen gebe. Um eine Nachfolge werde man sich selbstverständlich rechtzeitig kümmern. „Derzeit aber stellt sich die Frage nicht.“

Die Zukunftsdebatte

Vielleicht geht es nur deshalb ums Personal, weil es am Kurs von Daimler sonst nur wenig zu mäkeln gibt. „Die Produkte und Technologien, von denen wir heute profitieren, gehen auf strategische Entscheidungen der Vergangenheit zurück“, sagt Dieter Zetsche mit Blick auf das abgelaufene Jahr. Die neue S-Klasse, die neue C-Klasse, der kompakte Geländewagen GLA oder der Familientransporter V-Klasse verkaufen sich glänzend und tragen den Stern von einem Absatzrekord zum nächsten. Weil Audi in diesem Jahr kaum echte Premieren entgegenzusetzen hat, könnte Mercedes in diesem Jahr an dem Rivalen aus Ingolstadt vorbeiziehen. Bis 2020 will Mercedes zwölf komplett neue Fahrzeuge an den Start bringen. Eines davon soll eine Mischung aus Sportcoupé und Geländewagen im Stile des BMW X 6 sein. Ein entsprechendes Konzeptfahrzeug soll an Ostern auf der Motorshow in Peking vorgestellt werden. Es könnte 2015 in Serie gehen.

Gerade China wird für Daimler immer wichtiger, nachdem das Unternehmen dort nur langsam in Fahrt kam. Bis 2015 sollen die Kapazitäten im Pekinger Werk, wo E- und C-Klasse, der Geländewagen GLK und demnächst auch der GLA produziert werden, auf 200 000 Autos steigen. Das Händlernetz wird allein in diesem Jahr um 100 auf über 400 wachsen. Der Absatz im ersten Quartal stieg mit rund 67 000 Fahrzeugen im Vergleich zum Vorjahr um fast 50 Prozent.

Außerdem will Zetsche die Technologieführerschaft etwa auf dem Gebiet des autonomen Fahrens ausbauen und auch als Anbieter von Mobilitätslösungen wie etwa Car2go oder dem Online-Serviceportal Mercedes me weiter wachsen. Neben den Kompaktmodellen sollen gerade diese Angebote dazu beitragen, die Marke zu verjüngen und neue Kunden zu erschließen. Absatz, Umsatz und Gewinn sollen deshalb vor allem im Pkw-Bereich im Jahr 2014 deutlich wachsen.

Am Ende der langen Reihe von Aktionärsreden taucht ein Herr auf, der ankündigt, für die erhöhte Dividende Dieter Zetsche und Manfred Bischoff später die Hand schütteln zu wollen. „Das können sie gleich erledigen“, sagt Bischoff trocken. Ein wenig haben sie sich also doch feiern lassen – dafür, dass der Stern wieder glänzt.

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