Den Abschied in einem Spitzenjahr hat Daimler-Chef Zetsche verpasst. Foto: AFP

Der Gewinn der Autosparte von Daimler ist 2018 eingebrochen. Zum Abschied verkündet Daimler-Chef Dieter Zetsche einige Hiobsbotschaften.

Stuttgart - Nach 13 Jahren an der Spitze gibt Daimler-Chef Dieter Zetsche das Steuer nach der Hauptversammlung am 22. Mai an Ola Källenius ab. Doch ausgerechnet im letzten Jahr seiner Amtszeit ist das Konzernergebnis von Daimler um fast ein Drittel auf rund 7,6 Milliarden Euro eingebrochen, obwohl der Umsatz um zwei Prozent auf 167,4 Milliarden Euro gestiegen ist. Es war der erste deutliche Gewinneinbruch nach den Verlusten 2009. „Hätten Sie heute gerne eine andere Bilanz vorgelegt? Es ist ja doch ein starker Gewinneinbruch. Geben Sie uns doch einen Einblick in Ihr Seelenleben“, ermunterte ein Journalist den Vorstandschef, bei der Vorlage seiner letzten Bilanz nicht nur nüchterne Zahlen vorzutragen.

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Doch der scheidende Daimler-Chef wollte nicht so recht darüber reden, ob er nach einer ganzen Reihe von Rekordjahren den besten Zeitpunkt für den Abschied verpasst hat. „Ich weiß nicht, ob es ein großes Interesse an meinem Seelenleben gibt. Es ist wichtig, wie sich das Unternehmen weiterentwickelt“, entgegnete Zetsche. In den vergangenen Jahren habe das gesamte Team sehr viele, sehr gute Grundlagen geschaffen, nun werde ein exzellentes Team in die Zukunft geschickt. „Und das bestimmt meine Gefühlslage. Deswegen bin ich sehr froh“, sagte Zetsche. Ob er nun mit einem Spitzenjahr abschließe oder nicht, sei dagegen unwichtig.

Källenius muss von seinem Vorgänger einen schweren Rucksack übernehmen

Källenius muss von seinem Vorgänger einen ziemlich schweren Rucksack übernehmen, wie aus Zetsches Ausführungen deutlich wurde. Die Automarke Mercedes-Benz hat den Absatz 2018 zwar leicht auf 2,3 Millionen Autos steigern können, damit das achte Rekordjahr hintereinander geschafft und den Pokal der absatzstärksten Premiummarke vor BMW und Audi verteidigt. Doch der Ertrag der mit Abstand wichtigsten Ertragssäule des Konzerns ist eingebrochen, die Umsatzrendite von 9,4 auf 7,8 Prozent abgerutscht.Im laufenden Jahr erwartet Daimler eine weitere Verschlechterung. Die Autosparte rechne nur noch mit einer Rendite zwischen sechs und acht Prozent, sagte Zetsche. Damit wird die Autosparte des Konzerns im ersten Jahr des neuen Daimler-Chefs die langfristige Zielrendite von acht bis zehn Prozent verfehlen. „Damit können und wollen wir nicht zufrieden sein“, sagte Zetsche. „Deshalb haben wir begonnen, umfassende Gegenmaßnahmen zu erarbeiten.“ Bis 2021 soll der angestrebte Renditekorridor wieder erreicht werden.

Umfassende Gegenmaßnahmen – da klingeln sämtliche Alarmglocken

Umfassende Gegenmaßnahmen – da klingeln bei Journalisten, die den Stuttgarter Konzern schon länger begleiten, sämtliche Alarmglocken. In den vergangenen Jahrzehnten hat es bei Daimler immer wieder einschneidende Sparprogramme gegeben. Kündigungen bei der Stammbelegschaft sind bis Ende 2029 ausgeschlossen, nicht jedoch Abfindungen. Und Leiharbeiter kann Daimler leicht nach Hause schicken. Allerdings weigerte sich Zetsche in der Pressekonferenz hartnäckig, Details zum geplanten umfassenden Sparprogramm zu benennen. „Sie können doch nicht den Mund spitzen und dann nicht pfeifen“, versucht ein Journalist, Zetsche aus der Reserve zu locken, nachdem dieser schon eine vorangegangene Nachfrage abgeblockt hatte. „Ich kann den Mund spitzen und nicht pfeifen“, sagte der schnauzbärtige Spitzenmanager. Zetsche begründet die Zurückhaltung damit, dass das Programm erst erarbeitet werde, der Umfang und die einzelnen Bestandteile noch nicht feststünden.

Ein Sprecher des Unternehmens erklärte nach der Pressekonferenz, dass kein Stellenabbau geplant sei. Mehr will jedoch auch er nicht sagen. Gesamtbetriebsratschef Michael Brecht war am Mittwoch für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. In einem Interview mit dem „Handelsblatt“ hatte Brecht in dieser Woche zu erkennen gegeben, dass der Betriebsrat Maßnahmen zur Verbesserung der Effizienz mittrage, solange keine Stellen gestrichen werden: „Alle Dinge, die man optimieren kann, ohne dass es gegen das Personal läuft, werden von uns unterstützt.“

Die Elektroautos kosten viel Geld – bringen aber keinen raschen Gewinn

Die Autosparte steht insgesamt mächtig unter Druck. Daimler muss viel Geld ausgeben, um seine geplante Flotte von Elektroautos zu entwickeln und auf den Markt zu bringen. Rasche Gewinne sind hier jedoch nicht in Sicht. Im Gegenteil: Manches läuft deutlich schwieriger als geplant. Im vergangenen Jahr hat der Geländewagen EQC als erstes Modell einer Elektroauto-Familie Premiere gefeiert, in den kommenden Monaten soll er auf den Markt kommen.

Das Interesse der Kunden sei groß, sagte Zetsche. Man habe mehr Bestellungen, als Autos in diesem und im nächsten Jahr produziert werden können. Das Unternehmen bemüht sich, mehr Autos zu produzieren als geplant. Doch dies ist offenbar schwierig, weil die Qualität nicht darunter leiden darf. Mercedes-Produktionschef Markus Schäfer hatte bei der Weltpremiere des EQC bereits darauf hingewiesen, dass die Koordination der zahlreichen Zulieferer, die Komponenten für das Batteriesystem herstellen, eine große Herausforderung sei.

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Zudem bereitete Zetsche darauf vor, dass auch die zweite Stufe der Umstellung auf schärfere Abgas-Prüfverfahren in diesem Jahr Probleme bereiten könnte. Die Abgasprüfungen nach diesem neuen Genehmigungsverfahren sind deutlich aufwendiger als nach dem bisherigen NEFZ-Verfahren. Seit September 2018 dürfen nur noch Neuwagen verkauft werden, die nach dem neuen Verfahren geprüft wurden.

Engpässe bei den Prüfständen führten im vergangenen Jahr zu Lieferengpässen, weil die Typgenehmigungen nicht rechtzeitig vorlagen. Kunden mussten lange warten oder mit hohen Rabatten dazu bewogen werden, statt ihrem Wunschauto ein verfügbares Modell zu kaufen. Ab September dürfen nur noch Neuwagen verkauft werden, die neben dem WLTP-Test im Labor auch einen RDE-Test auf der Straße absolviert haben. Also sind wieder neue Typgenehmigungen fällig. Zetsche deutete an, dass es erneut zu Verzögerungen kommen könnte. Allerdings dürften die Auswirkungen nach seiner Einschätzung nicht so stark sein wie im vorigen Jahr.

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