Unter der Führung von Dieter Zetsche hat Daimler eine atemberaubende Entwicklung hingelegt. Foto: AFP

Daimler-Chef Dieter Zetsche befindet sich auf dem Endspurt einer fulminanten Karriere. Doch das Dieselproblem könnte ihm auf den letzten Metern gefährlich werden, kommentiert Anne Guhlich.

Stuttgart - Als Dieter Zetsche am 5. Mai seinen 65. Geburtstag feierte, gab es für den Chef des Autobauers Daimler nur schmeichelnde Worte. Er hätte den Konzern gerettet und aus Daimler eine Perle gemacht, lobten die Experten. Und in der Tat: Seit Zetsche 2006 bei Daimler die Führung übernommen hat, hat der Konzern eine atemberaubende Entwicklung hingelegt. Und das war längst kein Selbstläufer.

Zur Erinnerung: Geschwächt von der Chrysler-Liason rasselte Daimler zu Beginn von Zetsches Amtszeit erst einmal völlig unvorbereitet in die Finanzkrise. Die Modellpalette war verstaubt und auf dem wichtigen Markt China fuhr die Konkurrenz den Stuttgartern davon. Doch Zetsche hatte die richtigen Antworten parat: Er startete eine Verjüngungskur der Kompaktklasse, baute in China einen eigenen Vorstand und einen neuen Vertrieb auf, startete eine Offensive bei den immer beliebter werdenden sportlichen Geländewagen und leitete einen radikalen Kulturwandel ein. Das Ergebnis von Zetsches Arbeit: 2017 verbuchte der Daimler-Konzern sein siebtes Rekordjahr in Folge und schaffte es vier Jahre früher als zunächst angekündigt, die Rivalen Audi und BMW abzuhängen.

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Eigentlich wäre nun die Zeit gekommen, den Erfolg zu genießen

Nun wäre für Zetsche eigentlich die Zeit gekommen, seine ganze Kraft in die Zukunftsthemen Elektromobilität und autonomes Fahren zu stecken – und ansonsten den Erfolg der vergangenen Jahre zu genießen. Bis Ende 2019 läuft Zetsches Vertrag noch – er befindet sich also auf dem Endspurt einer fulminanten Karriere mit Ausblick auf den Posten als Aufsichtsratsvorsitzender nach einer Abkühlungsphase von zwei Jahren. Doch das Dieselproblem könnte ihn auf den letzten Metern noch zum Stolpern bringen. Wenn sich die Vorwürfe der Behörden erhärten, dass auch bei Daimler systematisch getrickst wurde, wäre die Bilderbuchkarriere abrupt zu Ende. Zetsche könnte dann nicht mehr Aufsichtsratschef werden und wäre als Vorstandsvorsitzender nicht mehr zu halten. Seine Erfolgsgeschichte bei Daimler wäre dann nur mehr der Schatten eines Betrugs.

Der Diesel ist für Zetsche ein Schicksalsthema geworden

Für Zetsche also geht es um alles, was er in den vergangenen Jahren aufgebaut hat. Und so wird es für ihn zu einer Schicksalsfrage, wann die Behörden in Deutschland oder in den USA bei Daimler zu einem Ergebnis kommen. Klar ist dabei aber auch: Dass Zetsche ein zunehmendes Glaubwürdigkeitsproblem bekommt, ist eine Entwicklung, mit der er sich schon heute auseinandersetzen muss. Das gilt für seine Kunden, aber auch für seine Mannschaft. Eine Möglichkeit, dem Vertrauensverlust zu begegnen, wäre, wenn Zetsche seine Führungsqualitäten auch bei der Aufarbeitung des Abgasproblems unter Beweis stellen – und einmal so engagiert aufklären würde wie er heute schweigt. Bei seinem Treffen mit Verkehrsminister Scheuer böte sich die nächste Gelegenheit dazu.

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