Das Auto muss glänzen: Mitarbeiter im Werk Sindelfingen polieren am Band 5 einen Mercedes 220. Das Bild stammt aus dem Jahr 1951 Foto: Mercedes-Benz Classic Media

Mit interaktiver Grafik - Seit 100 Jahren betreibt Daimler ein Werk in Sindelfingen. Mit 37 000 Mitarbeitern und über 360 000 gefertigten Autos pro Jahr ist es der größte Standort des Konzerns. An diesem Freitag wird gefeiert.

A wie Anfang: 1915 wird das Werk durch die Daimler Motorengesellschaft gegründet. Anfangs werden in Sindelfingen Flugmotoren und Flugzeuge hergestellt . Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs verlassen rund 300 Flieger die Werkhallen. Im Jahr 1919 bauen die Mitarbeiter in Sindelfingen dann die ersten Fahrzeuge.

B wie Brown Field: Unter einem Brown Field versteht man ein über viele Jahre gewachsenes Industrieareal, das wegen seiner Gebäude und Platzverhältnisse modernen Produktionsbedingungen nur unzureichend gerecht wird. Bei der Modernisierung des Standorts Sindelfingen werden daher Teile der Produktion nach außen vergeben, um Platz für neue Hallen zu schaffen. Ziel sind Verhältnisse wie auf dem Green Field, also einem Werk auf der grünen Wiese.

C wie Crashtest: Im September 1959 beginnen die ersten systematischen Crash-Versuche mit Autos. Dabei geht es darum, Unfälle unter möglichst realen Bedingungen nachzustellen, um Erkenntnisse für Sicherheitsanforderungen zu erhalten. Dies gilt bis heute. So ließ Mercedes jüngst werbewirksam einen Smart auf eine S-Klasse prallen, um die Sicherheit der Tridion-Zelle des Kleinstwagens zu demonstrieren. D wie Daten: Das Auto der Zukunft wird ein fahrender Computer sein, das ständig Daten sammelt – etwa über den Standort des Fahrzeugs, Geschwindigkeit, Zustand der Reifen oder Parkgewohnheiten. Noch ist ungeklärt, was mit all diesen Daten passieren soll und wie Autohersteller sie nutzen können.

E wie Einfahrbahn: Auf der Einfahrbahn beim Werk Sindelfingen mit ihren Steilkurven werden sowohl Entwicklungsfahrzeug als auch Neuwagen erprobt. Daimler baut derzeit aber auch eine neue Teststrecke in Immendingen bei Tuttlingen. Dort können nahezu alle Straßenverhältnisse getestet werden. Eröffnung soll im Jahr 2017 sein.

F wie Flügeltürer: Der in Sindelfingen produzierte 300 SL wird zum Inbegriff eines formschönen Sportwagens. Er macht nicht nur auf der Rennstrecke eine gute Figur, sondern auch auf der Straße. Vom Flügeltürer werden von 1954 bis 1957 rund 1400 Exemplare gebaut. 2010 erfolgt mit dem SLS AMG die Neuauflage eines Flügeltürers.

G wie Gastarbeiter: Immer wieder greift Daimler auf ausländische Arbeitskräfte zurück. Während des Zweiten Weltkriegs sind sie zwangsweise hier und kommen vor allem aus Russland, Frankreich und Holland. In den 60er Jahren kommen – freiwillig – die Gastarbeiter aus Portugal, Spanien, der Türkei und Jugoslawien. Heute sind im Werk 90 Nationalitäten vertreten.

H wie Hybrid: Der S 500 Plug-in-Hybrid war der erste Mercedes mit Verbrennungsmotor und Batterie, die an einer Steckdose aufgeladen werden kann. Das senkt den Ausstoß klimaschädlicher Gase und den Flottenverbrauch – wichtig für die Einhaltung der EU-Grenzwerte. Bis 2017 sollen es dann bereits zehn Modelle mit Plug-in-Hybrid sein. Daimler-Chef Dieter Zetsche sieht dies als wichtige Übergangstechnologie auf dem Weg zum rein elektrischen Fahren.

I wie Intelligent Drive: Das autonome Fahren ist das beherrschende Thema für die Zukunft der Automobilhersteller. Wer hier nicht mitmischt, hat auf Dauer wohl schlechte Karten. Schon vor zwei Jahren schickte Daimler eine S-Klasse auf die historische Strecke zwischen Mannheim und Pforzheim, auf der Bertha Benz 1888 fuhr. Dank vieler Assistenzsysteme musste der Fahrer in der S-Klasse nicht eingreifen. Mercedes nennt das Intelligent ­Drive – also intelligentes Fahren.

J wie Jubiläum: Das eigentliche Jubiläum wird mit einem Festakt im Beisein von Daimler-Chef Dieter Zetsche und dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann an diesem Freitag vor geladenen Gästen begangen. Daneben sind über das ganze Jahr hinweg Veranstaltungen geplant, so etwa eine Ausstellung in der Galerie der Stadt Sindelfingen, die im Oktober startet. Außerdem rollt in diesen Tagen das 20-millionste Auto vom Band.

K wie Kundencenter: Für viele Mercedes-Fahrer ist es liebgewonnenes Ritual. Wenn sie ihren neuen Daimler abholen, verbinden sie dies mit einer Fahrt ins Sindelfinger Werk. Dort bekommen sie nicht nur den Schlüssel ihres Wagens überreicht, sondern beispielsweise auch eine Führung durch die Produktion.

L wie Leichtbau: In Zeiten strenger CO2-Grenzwerte spielt das Gewicht eines Autos eine immer wichtigere Rolle bei der Senkung des Verbrauchs. Der Leichtbau mit Carbon oder Aluminium wird daher immer bedeutender. Trotz deutlich mehr Technik wiegen neue Modelle heute teilweise über 100 Kilogramm weniger als ihre Vorgänger.

M wie Modelle: Derzeit rollen in Sindelfingen die S-Klasse, das S-Klasse-Coupé, der Mercedes-Maybach S-Klasse, die S-Klasse Pullman, die E-Klasse (Limousine und T-Modell), CLS-Klasse, CLS Shooting Brake und Mercedes-AMG GT vom Band. Bald soll noch ein ganz neues Modell hinzukommen. Dabei könnte es sich Spekulationen zufolge um eine viertürige Variante des AMG GT handeln, die dem Porsche Panamera Konkurrenz machen soll.

N wie Natur: Das drei Quadratkilometer große Werkgelände ist Arbeitsstätte für 37 000 Menschen. Doch zwischen all den Gebäuden ist auch noch Platz für ein bisschen Natur. So brüten hier 36 Vogelarten. 180 verschiedene Insektenarten wurden auf den Grünflächen und bewachsenen Dächern gezählt.

O wie Oberklasse: Aus Sindelfingen kommen traditionell die Luxusautos der Marke, die auch das meiste Geld bringen. Dazu zählt vor allem die S-Klasse, die bisher ausschließlich in Deutschland produziert wird, aber auch die verlängerte Maybach-Version oder ganz aktuell die noch größere Pullman-Variante für Staatsmänner und -frauen.

P wie Patente: Am Standort Sindelfingen arbeiten rund 10 000 Mercedes-Mitarbeiter in der Forschung und Entwicklung. Sie erfinden quasi täglich das Automobil neu. Das Patentportfolio der Daimler AG umfasst aktuell über 20 000 Patente und Patentanmeldungen. Allein in der neuen S-Klasse sind 800 Innovationen geschützt.

Q wie Qualität: Das Qualitätsmanagement wird in Zukunft noch wichtiger als bisher. Weil immer mehr gleiche Teile in den Autos verbaut sind, besteht die Gefahr großer Rückrufaktionen, falls sich mal ein Fehler eingeschlichen hat. Deshalb überprüft Daimler nicht nur die eigene Arbeit akribisch, sondern auch die seiner Zulieferer. R wie Roboter: Die Horrorvision aus den ­80er Jahren von menschenleeren Fabriken ist vom Tisch. Dennoch werden Roboter in Zukunft immer wichtiger. In der Industrie 4.0 arbeiten sie etwa Hand in Hand mit dem Menschen. Schon jetzt sind die Maschinen in der Lage, etwa Teile aus einem tiefen Karton zu reichen und so den Rücken des Montage-Mitarbeiters zu schonen. Eine Trennwand, um Verletzungen zu vermeiden, braucht es nicht mehr.

S wie Stadt Sindelfingen: Stadt und Werk sind seit den Anfängen aufs Engste miteinander verflochten. Das gilt für die positiven wie die negativen Seiten. Sindelfingenprofitierte vor allem in den 80ern von hohen Gewerbesteuereinnahmen. Geradezu legendär ist der Zebrastreifen aus Marmor. Andererseits sorgt das Werk mit seinen 37 000 Mitarbeitern für Verkehrsprobleme und hohe Mieten.

T wie Tarnung: Bevor ein neues Modell auf die Straße kommt, wird es umfassend getestet. Dafür werden die Autos mit Tarnfolie beklebt und auf verschiedenen Strecken in und um Stuttgart gefahren. Der Anblick solcher Erlkönige ist in der Region vertraut. Da Daimler die Erprobung in Zukunft auf die Teststrecke in Immendingen verlagert, sind die schwarzen Autos bald seltener zu sehen.

U wie Unfallforschung: Wenn irgendwo um Stuttgart herum ein Mercedes in einen Unfall verwickelt ist, rücken die Forscher aus der Entwicklungsabteilung in Sindelfingen an. Sie vermessen das demolierte Fahrzeug, um Erkenntnisse über das Verhalten während des Crashs zu erhalten. Diese fließen dann wiederum in die passive Sicherheit der zukünftigen Modelle ein.

V wie Volkswagen: Neben der Produktion eigener Modelle war das Werk in Sindelfingen auch an der Entwicklung von Hitlers Prestige-Projekt, dem Volkswagen, beteiligt. 1936 wurden die ersten 30 Karosserie-Prototypen des KdF-Wagens gebaut. Sindelfingen darf daher auch als Geburtsstätte des legendären Käfers gelten.

W wie Werkfeuerwehr: Bereits seit den Anfängen des Werks ist auch eine eigene Feuerwehr im Einsatz. Die rund 40 Mitglieder absolvieren rund 2500 Einsätze pro Jahr. So gab es etwa im März 2011 im Parkhaus am Tor 7 mit 7000 Stellplätzen einen Großbrand, bei dem 90 Fahrzeuge zerstört wurden, im Juni 2013 einen Wasserschaden in der Steuerzentrale.

X wie Car to X: Auch in Sindelfingen wird an der Zukunft des Fahrens gebastelt. Spätestens in zehn Jahren soll ein Mercedes nicht nur automatisiert fahren, sondern in ständigem Datenaustausch mit anderen Fahrzeugen stehen – und auch mit der Infrastruktur. Dabei überträgt etwa eine Ampel den Beginn ihrer Grünphase an das heranfahrende Auto. Diese Art der Kommunikation bezeichnet man als Car to X.

Y wie Youngtimer: In vielen Ranglisten zählt Mercedes regelmäßig zu den wertbeständigsten Automarken. Bevor ein Modell das Alter von 30 Jahren erreicht und offiziell Oldtimer wird, zählt es zu den Youngtimern. Begehrt sind etwa alte E-Klasse- oder S-Klasse-Fahrzeuge sowie die SL-Roadster.

Z wie Zukunft: Derzeit macht Daimler alle seine deutschen Standorte mit Milliardeninvestitionen fit für die Zukunft. Von den Mitarbeitern wird dabei im Gegenzug mehr Flexibilität eingefordert, die Fertigungstiefe reduziert, also weitere Arbeiten an Zulieferer vergeben. Teil des Deals für Sindelfingen sind ein neuer Rohbau, eine neue Lackiererei und eine Montagehalle für die neue Generation der E-Klasse.

Texte und Bilder sind teilweise angelehnt an das von Daimler aus Anlass des Jubiläums herausgegebene Buch „JahrHundertWerk – 100 Jahre Standort Sindelfingen.“ Es ist im Verlag Hatje-Cantz erschienen (ISBN 978-3-7757-3909-2) und kostet im Buchhandel 29,90 Euro.