Eine neue Studie zeigt: Schon in der Grundschule werden Schüler per Whatsapp terrorisiert. Doch Kinder und Jugendliche können sich schützen. Fragen und Anworten zum Thema.
Stuttgart - Das Schicksal des elfjährigen Mädchens, das vergangene Woche vermutlich wegen Mobbings an seiner Berliner Grundschule Suizid begangen hat, bewegt viele Menschen. Solches Mobbing betrifft viele Schüler. Das zeigt auch die aktuelle Umfrage Digital Na(t)ives. Das Mobbing beginne schon in der Grundschule, sagt Polizeihauptkommissar Peter Siebert, der das Projekt begleitet. Befragt wurden 3643 Kinder und Jugendliche im Landkreis Emsland (Niedersachsen). Die wichtigsten Fragen und Antworten dazu.
Was verängstigt Kinder?
Kettenbriefe, die meist über Whatsapp versandt werden, verängstigen vor allem die Jüngeren. Die Täter drohen damit, dass dem Kind oder seiner Familie etwas Schlimmes passiert, wenn es diese Nachricht nicht an andere Kinder weiterleitet. 49 Prozent der befragten Zehnjährigen gaben an, innerhalb des vergangenen Jahres einen Kettenbrief erhalten zu haben, der ihnen Angst gemacht hat. Mitunter trauen sich die Kinder nicht mehr aus dem Haus.
Werden Schüler online sexuell belästigt?
21 Prozent der Befragten wurden online bereits nach Nacktbildern gefragt. Dabei kannten 42 Prozent der Betroffenen den Anfragenden persönlich. Kommissar Siebert geht davon aus, dass es sich dabei um Freunde und Mitschüler handelt. Die Anzahl der Anfragen steigt mit dem Alter: In Klasse 10 sind schon 51 Prozent der Mädchen betroffen. Zehn Prozent der Schüler haben schon einmal eigene, freizügige Fotos von sich über das Smartphone verschickt. Siebert versucht den Schülern klarzumachen: „Ist ein solches Bild von dir im Netz, wirst du erpressbar.“
Sind das Einzelfälle?
Nein, sie sind Alltag. Für den Cyberkriminologen Thomas-Gabriel Rüdiger von der Fachhochschule der Polizei des Landes Brandenburg ist klar: „Es ist ein Trend der sowohl in der Polizeilichen Kriminalstatistik als auch in unterschiedlichen Dunkelfeldstudien nachgewiesen wurde.“ Er geht davon aus „dass kaum ein Kind im digitalen Raum aufwachsen kann, dass nicht einmal mit so einem Täter konfrontiert wird“.
Was sind die Gründe dafür?
Einen Grund für diese Entwicklung vermutet Rüdiger darin, dass Kinder immer früher Smartphones bekommen: „Viele Eltern geben ihren Kindern Smartphones, ohne den Kindern die dafür notwendige Medienkompetenz zu vermitteln.“ Inzwischen habe jedes Kind von der 5. Klasse an ein Smartphone, wobei die Kinder nur annähernd wissen, was überhaupt rechtlich erlaubt ist. Hinzu komme, dass Anbieter wie Instagram die Täter zu wenig sanktionierten. Rüdiger fordert eine „digitale Polizei“, die öfter Stichprobenkontrollen mache und so für Täter ein Risiko darstelle.
Was können Eltern tun?
Der Kriminalhauptkommissar Uwe Belz von der Polizeidirektion Waiblingen hat zusammen mit seinem Sohn das Webangebot www.schutz-vor-schmutz.info entwickelt, bei dem sie für Eltern die wichtigsten Informationen aufgearbeitet und wichtige weiterführende Angebote verlinkt haben. Für Belz ist klar: „Medienkompetente Kinder brauchen medienkompetente Eltern.“ Belz hält an Schulen häufig Elternvorträge und stellt dabei immer wieder fest, dass viele Väter und Mütter Smartphone-Filter noch gar nicht kennen: „Das wird zu wenig genutzt. Aber von 50 interessierten Eltern an einem Elternabend haben vielleicht fünf bis zehn einen Filter installiert.“
Was können die Schulen tun?
„Schulen dürfen weder bei realem noch digitalem Mobbing wegsehen“, fordert Caroline Brandes, die Eltern in Mobbingfällen beisteht und das KJH-mov(e)-Onlineportal betreibt. Brandes musste schon Eltern helfen, deren Kind von der Schule einen verschärften Verweis erhalten hatte. Dabei war der Siebtklässler doch selbst Opfer einer Mobbingaktion in einer Whatsapp-Schülergruppe geworden. Nach einem Schulwechsel „geht es ihm von einem Tag auf dem anderen Tag gut, er schreibt plötzlich mehrere Einsen, hat Freunde, die ihn besuchen. Sein Status als Sündenbock war im Nu vorbei“, so Brandes.
Wie können sich die Schüler wehren?
Im Rahmen des Projekts Digital Na(t)ives werden in den Klassen 5, 6 und 7 von Polizeibeamten mehrstündige Unterrichtseinheiten angeboten. Der Projektname ist ein Wortspiel. Es arbeitet mit den englischen Wörtern digitale Naive (naives) und digitale Eingeborene (natives), das heißt Menschen, die schon im digitalen Umfeld aufgewachsen sind. Inzwischen wendeten sich bereits 75 Prozent der Schüler an die Lehrer, um einem Mobbingopfer zu helfen, sechs Prozent mehr als vor drei Jahren. Kommissar Siebert sagt, dass mindestens 90 Prozent der Schulen inzwischen Smartphone-Regelungen bis zur Oberstufe erlassen haben.