Horst Häfele mit seinem wichtigsten Arbeitsgerät – dem Computer. Foto: Gottfried Stoppel

Horst Häfele leitet die Waiblinger Kripo-Inspektion „Cybercrime und digitale Spuren“, die für den Rems-Murr-Kreis, den Ostalbkreis und den Landkreis Schwäbisch Hall zuständig ist. Er und seine rund 20 Kollegen jagen Hacker, Erpresser und sonstige Gauner in der virtuellen und der realen Welt.

Waiblingen - Auf den Schreibtischen von Horst Häfele und seinen Kollegen reiht sich Bildschirm an Bildschirm. Angeschlossen sind High-End-Recher, rund 14 000 Euro kostet ein solcher Arbeitsplatz. Häfele muss auf dem neuesten Stand sein, denn er ist Erster Kriminalhauptkommissar und leitet die Kripo-Inspektion 5, „Cybercrime und digitale Spuren“, die sich von Waiblingen aus um die Landkreise Rems-Murr, Ostalbkreis und Schwäbisch Hall kümmert. Die insgesamt 20 Polizisten suchen auf beschlagnahmten Computern nach Kinderpornos, werten Überwachungsdaten aus, und ermitteln nach Hackerangriffen. Auf einigen ihrer Rechner hantieren die Polizisten mit Schadsoftware. Würde ein solcher Virus oder Trojaner über das Netzwerk in die anderen Rechner der Polizeidirektion gelangen, wäre dies fatal. Die verschiedenen Computer sind daher streng voneinander getrennt.

Beweise sichern, Täter aufspüren

Cybercrime - der Name der Einheit mag futuristisch klingen. „Im Prinzip unterscheidet sich unsere Arbeit aber nicht viel von klassischer Polizeiarbeit“, sagt Häfele, ein Mann mit Schnauzbart und lachenden Augen: Beweise sichern, Täter aufspüren, Wohnungen stürmen und durchsuchen. „Wir sitzen aber schon längere Zeit vor dem Rechner, als andere Ermittler“, meint Häfele. Seine Leute sind Polizisten mit entsprechendem Interesse und Weiterbildungen, aber auch Informatiker. Zu tun haben sie genug: Fast jedes Verbrechen aus der realen Welt gibt es inzwischen auch im Cyberspace. Etwa Datendiebstahl, Erpressung, Nötigung. Im Darknet, einem Bereich des Internets, in den nur geladene Nutzer gelangen können, gibt es alles, was das Verbrecherherz begehrt. „Das läuft fast wie bei Amazon“, meint Häfele. Nur kauft man dort illegal Waffen, Drogen, Frauen. Oder bucht sogar Mörder.

Die Delikte im IT-Bereich haben im vergangenen Jahr zugenommen. Im Rems-Murr-Kreis verzeichneten die Ermittler 2015 beispielsweise 95 Fälle von Computerbetrug – das ist ein Plus von fast drei Vierteln gegenüber dem Vorjahr. „Wir gehen aber von einer sehr hohen Dunkelziffer aus“, erklärt der Leitende Kriminaldirektor Reiner Möller. Angezeigt werde wohl nur einer von zehn Fällen.

Besonders oft haben es die Ermittler in letzter Zeit mit Erpressungstrojanern, sogenannter Ransomware, zu tun. Mitte Februar gingen zwei Dutzend Anzeigen von kleinen und mittelständischen Firmen ein, deren Rechner mit der Schadsoftware „Locky“ infiziert waren. Der Trojaner verschlüsselt Daten und fordert die Betroffenen auf, einen Betrag in der virtuellen Währung Bitcoin zu zahlen, um die Dateien – oft sensible Kundendaten oder Produktionsprogramme – wieder zu entschlüsseln. Die Polizisten raten stets vom Bezahlen ab.

Der Trojaner „Locky“ hat neuerdings ein Geschwisterchen bekommen: „Petya“ funktioniert fast gleich, ist aber besser getarnt. „Diese Ransomware kommt als Bewerbung, mit der Bitte, die Unterlagen über einen Dropbox-Link herunterzuladen“, erklärt Häfele. Sobald etwa eine Sekretärin den Link öffnet, schlägt der Trojaner zu, ein falscher Mausklick genügt. „Es ist für Firmen sehr wichtig, das Personal für so etwas zu sensibilisieren“, rät der Ermittler. Allein auf Antivirensoftware solle man sich da nicht verlassen. Denn zwischen den Herstellern und den Hackern gebe es einen Wettlauf, die Virenscanner bräuchten einen bis drei Tage, um auf eine neue Bedrohung reagieren zu können.

Dreister Nachwuchshacker

Trotz der guten Ausstattung ist die Arbeit der Computerpolizisten eine Herausforderung. Oft mieten die Schurken Server in Russland oder der Ostukraine an. „Aber jeder Kriminelle macht irgendwann einen Fehler“, meint Häfele. Verzichtet etwa zwischendurch auf Maßnahmen zur Anonymisierung, weil sie den Datentransfer sehr langsam machen.

Jüngst haben sich die Cybercops ein Katz-und-Maus-Spiel mit einem „Script-Kiddy“ geliefert. Ein Nachwuchshacker hatte wichtige Zugangsdaten einer Frau ergattert und bestellte für sein Opfer immer wieder Blumen, Pizza oder Artikel auf Amazon – auf ihre Rechnung und gegen ihren Willen. „Der wollte sie fertig machen“, erzählt Häfele. Nachdem die Frau den jungen Mann angezeigt und ihre Zugangsdaten geändert hatte, hackte er sich wieder ein. „Er wurde richtig frech und hat sogar noch versucht, der Polizei einen Trojaner unterzujubeln“, sagt Häfele. Doch das misslang, stattdessen konnten die Beamten den Hacker ausfindig machen, als er unvorsichtig wurde. „Vielleicht hat er dadurch auf den richtigen Weg zurückgefunden“, hofft der Polizist. Talentiert sei der junge Täter ja gewesen – eine Karriere als Cybercop dürfte für ihn allerdings gestorben sein.

Cybercrime in der Statistik des Aalener Polizeipräsidiums

Aussagekraft
Die Fallzahlen in der Polizeilichen Kriminalstatistik spiegeln nicht das tatsächlich zu bearbeitende Fallaufkommen im Bereich des Cybercrime wider. Darauf weist das Polizeipräsidium Aalen hin, das auch für den Rems-Murr-Kreis zuständig ist. Der Grund dafür sei, dass die Statistik die erhebliche Anzahl von Straftaten mit ausländischem Tatort oder weltweit ungeklärtem Handlungsort nicht berücksichtige.

Zahlen
Die in die Statistik des Polizeipräsidiums Aalen eingeflossenen Fallzahlen der Internetkriminalität haben im vergangenen Jahr von 1699 auf 1883 Delikte und damit um 10,8 Prozent zugenommen. Die Computerkriminalität ist von 476 auf 561 Fälle (plus 17,9 Prozent) angestiegen. Als Grund für die starke Steigerung nennt die Polizei zwei umfangreiche Serienstraftaten im Raum Welzheim (45 Fälle) und Crailsheim (42 Fälle). Ohne sie bewege man sich auf Vorjahresniveau.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: