Gefährliche Online-Flirts: Jedes dritte Mädchen und jeder vierte Junge wurde 2023 laut einer Studie im Netz sexuell belästigt. Foto: dpa

Junge User können sich im Netz leicht im Netz von Straftätern verfangen. Gegen diese und andere Risiken gibt der Medienmentor Holger Wunderlich Tipps für Cybersicherheit.

Online lauern viele Gefahren. Kinder und Jugendliche können sich im weltweiten Netz verlieren. Vereinsamung, Kontakt zu Kriminellen, Mobbing, Realitätsverlust drohen. Medienmentor Holger Wunderlich aus Esslingen gibt Eltern Tipps für eine höhere Cybersicherheit ihrer Kinder.

 

Mit 200 Stundenkilometern ohne Führerschein und Sicherheitsgurt im Auto dahinrasen. Mit diesem einprägsamen Bild vergleicht Holger Wunderlich das Verhalten sehr vieler Eltern. Denn nur 15 Prozent der Mütter und Väter würden kontrollieren, was ihre Kinder mit Geräten wie Smartphones oder Handys anstellten und auf welchen Portalen sie unterwegs seien, zitiert er aus einer Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest (MPFS). Fehlende Überprüfung aber sei riskant. Denn: „Im Internet gibt es keinen Jugendschutz.“

Damit das Internet nicht zur bedrohlichen Falle wird, rät Medienmentor Holger Wunderlich Eltern, auf Warnsignale zu achten. Foto: Roberto Bulgrin

Junge User seien so allein und ungeschützt auf einem unübersehbaren Datenhighway unterwegs. 224 Minuten pro Tag waren Jugendliche im Jahr 2023 durchschnittlich online, zitiert Holger Wunderlich einen weiteren Wert von MPFS, der seit 1998 die Mediennutzung von Kindern, Jugendlichen oder Kleinkindern untersucht. In dieser Studie wird auch ein Ranking ihrer virtuellen Favoriten aufgestellt: WhatsApp auf Platz eins werde von 94 Prozent der Teenager regelmäßig genutzt, Instagram von 62 Prozent, TikTok von 59 Prozent.

Fast ein Viertel der Kinder wurde in einem Monat mit Pornografie konfrontiert

Das birgt Risiken. Holger Wunderlich spricht von unwiederbringlichen Verlusten an Lebenszeit, fehlenden sozialen Kontakten, Vereinsamung, Beeinflussung durch Fake News. Er verweist zudem auf Chats von Schulklassen, die nicht immer nur zum Abklären gemeinsamer Unternehmungen genutzt werden. In diesem Raum könnten rassistische Postings kursieren, Mitschüler gemobbt, frauenfeindliche oder pornografische Darstellungen verbreitet werden. Jugendliche würden so mit Inhalten konfrontiert, die für ihre Altersklasse ungeeignet wären. In der MPFS-Studie wird eine weitere Gefahr thematisiert: „Jedes dritte Mädchen und jeder vierte Junge wurde 2023 im Netz schon einmal sexuell belästigt“. 23 Prozent seien im Monat vor der Befragung ungewollt mit pornografischen Inhalten konfrontiert worden.

Zahlen, die bei Holger Wunderlich sämtliche Alarmglocken schrillen lassen. Bis zum 13., 14. Lebensjahr, so meint der Medienmentor, sollten Kinder und Jugendliche keine Smartphones bekommen. Teile der Politik fordern sogar, den Zugang zu sozialen Medien erst ab 16 Jahren zu ermöglichen.

Zu einem Smartphone-Stundenplan rät Holger Wunderlich Eltern von älteren Jugendlichen. Die Zeiten für die Nutzung sollten eingeschränkt und geregelt werden, um ein ausuferndes Surfen zu verhindern. Er verweist auch auf die Vorbildfunktion von Vätern und Müttern. Wer selbst die Finger kaum von der Tastatur lassen könne, animiere den Nachwuchs zur Nachahmung. Das Aufstellen verbindlicher Regeln könne ebenfalls hilfreich sein. Ein Beispiel: „Während des Essens bleibt das Handy aus.“

Ständig online: 224 Minuten verbrachten Kinder und Jugendliche 2023 durchschnittlich pro Tag im Internet, sagt eine Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest (MPFS). Foto: Nicolas Armer/dpa

Die ständige Nutzung sozialer Medien könnte bei Kindern und Jugendlichen auch ein Hilfeschrei oder ein Hinweis auf fehlende Aufmerksamkeit sein. Darum rät er Eltern, genügend Zeit mit dem Nachwuchs zu verbringen. Zudem sollten sie genau hinschauen, auf welchen Apps ihre Kinder und Jugendlichen unterwegs sind und sie bei Bedarf sperren.

Online-Flirten kann zu einer beängstigenden Falle werden - Cybergrooming ist eine virtuelle Bedrohung. Straftäter versuchen dabei, virtuell das Vertrauen von Kindern und Jugendlichen zur Anbahnung sexueller Kontakte zu erschleichen. Früher seien Kinder davor gewarnt worden, mit Fremden mitzugehen, weiß Holger Wunderlich. Diese Warnung gelte nach wie vor – sollte aber um eine virtuelle Dimension ergänzt werden. Kindern und Jugendlichen sollte vermittelt werden, dass am besten nur mit persönlich bekannten Personen gechattet werde.

Aufdringliche Chatpartner im Internet: Hier ist Gefahr im Verzug

Vorsicht sei generell geboten, wenn online über Sexualität oder den Körper des Chatpartners gesprochen werden solle. Werden Fotos oder Videos verlangt und persönliche Daten wie Adressen erfragt, könne es sich ebenfalls um Cybergrooming handeln. Das Drängen, die Webcam anzuschalten, Angebote von Geld oder Geschenken, Aufdringlichkeit oder die Weigerung, ein „Nein“ zu akzeptieren, seien ebenfalls Alarmsignale. Auf sie sollte geachtet werden, damit sich junge Menschen nicht im Digital-Dschungel verirren.

Eltern gehen online

Angebot
Holger Wunderlich als vom Landesmedienzentrum zertifizierter Medienmentor möchte ein regelmäßiges Angebot zum direkten Austausch zwischen Eltern über Cybersicherheit etablieren. Näheres auch unter der E-Mail-Adresse Letsgetdigital@web.de.

Mentorenprogramm
Damit Eltern ihre Kinder beim sicheren Umgang mit Medien unterstützen können, müssen sie die Medienwelt kennen. Das Landesmedienzentrum bietet dafür ein Eltern-Medienmentoren-Programm zur Unterstützung der Medienerziehung in der Familie an. Mehr Infos gibt es auch unter Letsgetdigital@web.de.