Wenn ein Covid-Patient stirbt, dürfen Angehörige nicht dabei sein. Der medizinische Geschäftsführer des Robert-Bosch-Krankenhauses, Dominik Alscher, beschreibt, wie die vierte Welle die Mitarbeiter zermürbt.
Stuttgart - Angehörige dürfen nicht dabei sein, wenn ein Covid-Patient stirbt. Dominik Alscher, der medizinische Geschäftsführer des Robert-Bosch-Krankenhauses, weiß, wie die vierte Corona-Welle die Mitarbeiter zermürbt.
Herr Alscher, an Covid-19 verstirbt man zumeist im Krankenhaus. Wie viele sind im Robert-Bosch-Krankenhaus bis jetzt gestorben?
In der Nacht auf Dienstag kam ein Verstorbener dazu, damit sind wir bei bisher 225 Todesfällen. Vier von zehn Intensivpatienten sterben trotz Behandlungsfortschritten. Leider sehen wir immer wieder schwere Verläufe bei Jüngeren. Vor wenigen Wochen starb ein 34-jähriger Familienvater ohne Vorerkrankungen.
Ist die vierte Welle schlimmer als die zweite?
Die zweite Welle war heftiger, aber die Mitarbeiter waren damals noch leistungsfähiger. In der Betreuung sind Covid-19-Patienten etwa um den Faktor 2 aufwendiger. Dass so viele Ungeimpfte unter den Patienten sind, ist teilweise schwierig zu akzeptieren. Der Herbst 2021 ist nicht einfach nur ein Déjà-vu. Die Belegschaft hatte große Hoffnung, dass das Impfen die vierte Welle verhindert. Wir hatten ja ein großes Impfzentrum im Haus. Leider ließen sich zu wenige impfen.
Wie ist das, an Covid-19 zu versterben?
Oft liegen die Menschen wochenlang auf Intensivstation. In der Regel liegen sie im künstlichen Koma und werden künstlich beatmet. Man macht das, bis die Lunge sich erholt hat. Aber so eine Behandlung stresst den Kreislauf, es können zusätzliche Komplikationen entstehen, die man manchmal nicht wieder einfängt. Wenn jemand stirbt, ist er in der Regel nicht bei Bewusstsein. Zudem gilt im Covid-Bereich eine Kontaktsperre. Das ist für das Personal so nervenaufreibend wie für die Angehörigen. Wenn jemand nach wochenlanger intensiver Behandlung stirbt, ist es zermürbend.
Wenn jemand genesen oder verstorben ist – wie schnell ist sein Intensivbett wieder belegt?
Innerhalb einer halben Stunde. Wir sind aktuell in der Situation, dass wir regelmäßig die relativ Gesündesten von der Intensiv- auf die Überwachungsstation verlegen, um wieder ein Bett zu erhalten. Das ist noch keine Triage, wir verweigern niemandem die Behandlung. Aber wir können oft nicht die optimale Behandlung anbieten. Das betrifft nicht nur Coronapatienten. Wir haben 200 Patienten auf der Warteliste der Herzchirurgie, die auf eine Operation warten. Davon sind am Montag zwei verstorben. Solche Fälle tauchen nicht in der Statistik auf. Mein Eindruck ist, dass wir das Problem derzeit unterschätzen.
Was würde rasch helfen?
Uns fehlen die Intensivpfleger, weshalb wir derzeit nicht alle Intensivbetten in Betrieb haben. Da gibt es offene Stellen, aber die zu besetzen, dauert – allen Kliniken fehlt Personal. Intern bilden wir andere Kräfte so aus, dass sie mit erfahrenen Intensivpflegern auf der Intensivstation eingesetzt werden können. Wir stopfen notdürftig die Lücken. Aber die einzige schnelle Lösung ist, die Kontakte und damit die Zahl der Patienten zu senken. Wenn wir heute einen Lockdown machen, sinken die Zahlen an Weihnachten.