Der Satiriker Loriot nahm die Deutschen gern von seinem berühmten Sofa aus aufs Korn. Mehr berühmte Sofas zeigen wir Ihnen in unserer Bildergalerie. Foto: dpa

Von faulen Adligen bis zu den Neo-Biedermeiern heute: Die Couch ist wie kein anderes Möbel Ausdruck ihrer Zeit.

Ein Mann, ein Sofa. Zu Beginn des Films „Broken Flowers“ macht Don Johnston, die Hauptfigur, vor allem eines: Er sitzt oder liegt auf dem Sofa. Mal schläft er auch dort, mal schaut er fern oder nippt an einem Champagnerglas. Bill Murray gibt in dem Jim-Jarmusch-Streifen 2005 den betuchten IT-Spezialisten. Der ist ebenso in die Jahre gekommen wie seine rötlich-braune Ledercouch. Das Gesicht ein wenig verknautscht, aber immer noch attraktiv. Stoisch scheint er das Leben an sich abgleiten zu lassen (die Trennung von der Freundin, die Nachricht, dass er einen 19-jährigen Sohn hat). Aber irgendwo unter der Oberfläche – man ahnt es – bahnt sich eine Krise an. Die Wohnlandschaft als Seelenlandschaft.

Das war nicht immer so. Bevor es das Sofa gab (vom Arabischen „suffa“ für Ruhebank), waren Möbel eine rationale Notwendigkeit. Sie hatten einen Zweck und halfen den Menschen beim Überleben: Am Tisch wurde gegessen, im Bett geschlafen und Kinder gezeugt. Auf dem Stuhl saß man, zum Beispiel an der Nähmaschine. Sich tagsüber auszuruhen, zu chillen, wie es heute heißt, dazu hatte der gemeine Mensch weder die Zeit – noch die göttliche Erlaubnis .

Es waren dann ein paar faule Adlige, die sich als Erste einen gepolsterten Hocker vor ihren Sessel schieben ließen, um die Füße hochzulegen. Der Vorläufer der Chaiselongue (franz. langer Stuhl) war erfunden. Hier ließ sich ein allzu üppiges Mahl verdauen. Hier konnte man ruhen, lesen, träumen, einfach nichts tun und sich des eigenen, komfortablen Lebens erfreuen. Wenn man es so will, ist die Geschichte des Sofas also auch die Möbel gewordene Historie des Hedonismus und Müßiggangs. Vom Privileg weniger zum Lebensgefühl der Masse.

Auf dem Sofa wurde die bürgerliche Familie erfunden

Im 19. Jahrhundert entdeckte das erstarkende Bürgertum die neue Sitz- und Liegegelegenheit für sich. Während die Heimarbeiter in einem Raum lebten und rackerten, legte der selbstbewusste Bürger Wert auf die Trennung von Arbeiten und Wohnen. „Bürgerliche Wohnungen waren viel differenzierter. Sie umfassten neben Küche, Wohn- und Schlafzimmer häufig auch Kinder-, Herren- und Damenzimmer sowie einen Salon“, schreibt der Historiker Peter Steinbach. Das Wohnzimmer war der Mittelpunkt des Familienlebens. Hier kamen sie alle zusammen: die Großeltern, Eltern, Kinder, der Hund – bisweilen auch das Dienstmädchen. Hier wurde gelesen, musiziert, gestickt, gelebt. Auf dem Sofa, das mittlerweile mit Rückenlehne und Sprungfedern schon so aussah wie heute noch, wurde sozusagen die bürgerliche Familie erfunden.

Bis ins 20. Jahrhundert hinein blieb es ein Luxusgut. Wer es sich leisten konnte, wollte es herzeigen. Er stellte es in die gute Stube und empfing seine Gäste zu besonderen ­Anlässen darauf. Man trank Tee, führte ein gepflegtes Gespräch. Danach schlossen sich die Stubentüren wieder. Später dann, als der Fernseher die Menschen längst täglich auf die Polster zwang, schützten die es mit durchsichtigen Schonbezügen aus Plastik. Das Möbel wurde schon behäkelt und bestickt, schamponiert und gebürstet, mit Spitzendeckchen, selbst gemachten Puppen und Teddybären beladen.

Namen: Vom Diwan bis zur Polstergarnitur

Es liegt vielleicht an dieser emotionalen Bindung des Menschen zu seinem bequemen Begleiter, dass das Sofa auf so viele unterschiedliche Namen hört. Ein Tisch ist ein Tisch ist ein Tisch. Aber die Nachfolger der blaublütigen Behelfskonstruktion haben durch die Zeitläufte hindurch viele Bezeichnungen gesammelt. Die Franzosen brachten das arabische Wort Diwan nach Deutschland, das ein niedriges Polstermöbel in einer osmanischen Amtsstube bezeichnete. Noch in den 20er und 30er Jahren saß man in Süddeutschland auf einem Kanapee – ebenfalls eine Erinnerung an die französische Zeit.

Wer heute das Wort „Ohnmachtscouch“ hört, denkt an ein blasses Fräulein in zu engem Mieder. Die Polstergarnitur wiederum – bestehend aus einem Dreisitzer und zwei Sesseln – entführt in die Wirtschaftswunderjahre der BRD. Damals zog man sich nach der Essenseinladung mit Freunden zum gemütlichen Teil des Abends ins Wohnzimmer zurück. Auf dem Couchtisch eine Rauchgarnitur mit Zigarettenauswahl für die Gäste. Und wer das Wort Sofalandschaft hört, denkt vielleicht an die gedankenlosen 90er Jahre, in denen alles möglich groß sein musste: Das Haus. Das Auto. Das Boot. Das Sofa.

Auch heute noch lässt sich von einem Polstermöbel ganz gut auf dessen Besitzer schließen. Zwischen den blau-lila Plüschsofagebirgen der Hartz-IV-Familien in der Doku-Hölle von RTL 2 und dem Le-Corbusier-Klassiker in der Halbhöhenwohnung eines Gutverdienerpaares entspannt sich die ­ganze Auswahl der Sofas und sozialen Schichten­.

Film und Fernsehen haben die heimische Komfortzone deshalb schon lange als Stilmittel erkannt. Nicht nur Bill Murray in „Broken Flowers“ muss auf die Couch. Häufig illustriert das Sofa den Zustand einer Beziehung. Auf ihm nähern sich die Protagonisten schüchtern an, fallen leidenschaftlich übereinander her oder sitzen schweigend vor der Glotze, jeder in seiner Ecke.

Neues Statussymbol Küche

Mit dem Verlierer-Proll Al Bundy und seiner „schrecklich netten Familie“ aus der gleichnamigen US-Sitkom wollte wohl keiner gern auf der braun-gelb geblümten Couch sitzen. Zwischen die Freunde aus „Friends“ auf ihrem Kneipensofa hingegen hätten sich ­viele Fans gern gequetscht.

Das Sofa ist immer dann das Möbel der Wahl, wenn eine intime Bühne benötigt wird. Moderator Michel Friedman rückte in seiner Talkshow Gesprächspartnern auf einem gebogenen roten Polstermöbel auf die Pelle. Sein Kollege Thomas Gottschalk war auf der beige „Wetten, dass . .?“-Couch auf Du und Du mit den Stars – und blieb ihnen dennoch seltsam fern.

Auch Politiker nutzen das Sitzmöbel, wenn sie den Menschen in sich rauskehren wollen. US-Präsident George W. Bush kuschelte wie ein kleiner Bub mit seinem Hund Miss Beazley auf dem berühmten Sofa des Oval Office im Weißen Haus. Sein Nachfolger Barack Obama gibt darauf gern mit Frau und Töchtern den lockeren, modernen Familienvater. Auch Angela Merkel saß mit ihrem britischen Kollegen David Cameron mal auf dem gelben Zweisitzer in dessen Wohnküche in der Downing Street. Danach allerdings sprach niemand über die Politik, die darauf gemacht wurde, sondern nur über die Frage, ob das Teil von einem schwedischen Billig-Möbelhersteller stammt oder nicht.

Heute sitzt man mit Freunden lieber am Esstisch

Im Privaten hat das Sofa allerdings seinen Status als Ort der Repräsentation und des Gesprächs mit Freunden und Fremden eingebüßt. Ausgerechnet das frühere Schmuddelkind der bürgerlichen Wohnung, die Küche, hat ihm den Rang als Statussymbol abgelaufen. „Das Sofa ist heute ein rein privater Rückzugsraum. Mit Gästen sitzt man lieber am Esstisch in der offenen Küche, auf Stühlen, die wie bequeme Sessel sind“, sagt Ursula Geismann, Trend- und Designexpertin des Verbandes der Deutschen Möbelindustrie. Angefangen habe diese Entwicklung auf den Wohnlandschaften der 90er Jahre. „Sofas hatten teilweise eine Sitztiefe von 1,40 m, also wie ein kleines Doppelbett. Auf denen konnte man nur noch liegen“, sagt Geismann.

Die Fachfrau kann viele interessante Dinge über die Deutschen und das Sitzmöbel ­erzählen. Zum Beispiel, dass das durchschnittliche Sofa acht bis zwölf Jahre im Wohnzimmer steht. Oder dass die Deutschen Billigware aus China importieren und die Chinesen die hochpreisigen Edelcouchen deutscher Hersteller. Dass Frauen züchtig auf den Kissen sitzen und Männer eher in Lümmelposition. Und wer hätte gedacht, dass die Emanzipation der Frau auch das Ende der klassischen Polstergarnitur mit Dreisitzer und zwei Sesseln eingeleitet hat. „Der Mann braucht keinen eigenen Thron mehr“, sagt Geismann. Er sitzt jetzt gleichberechtigt mit Frau und Kindern auf der Couch.

Das Sofa ist heute Teil der Wohnkultur der sogenannten Neo-Biedermeier, sagt Geismann. Sie meint damit eine Generation, die sich in globalisierten Zeiten, politikverdrossen und auch ein bisschen ängstlich ob der weltpolitischen Probleme, die da plötzlich an ihre Haustür klopfen, ins Private zurückzieht.

Es wäre mal wieder Zeit aufzustehen

Das Sofa ist das Multifunktionsmöbel, von dem aus sich das Leben im Kokon organisieren lässt. Auf ihm kann man sich von Serien des Online-Senders Netflix berieseln lassen oder mit Freunden Whatsapp-Nachrichten austauschen. Man kann online einkaufen, man kann Musik hören, loungen und chillen und seit Sigmund Freud auch seine Profilneurosen darauf abladen. Dank integrierten Tischchen, Regalen und Stromanschlüssen ist das Sofa auch ein Ort zum ­Essen, Trinken und Arbeiten geworden.

Aber kein Trend ohne Gegentrend: Seit ­etwa einem Jahr, so Expertin Geismann, werden die Sofas wieder kleiner und filigraner, die Sitzposition wieder aufrechter. ­Einfach nur vor sich hin zu dämmern ist auf diesen neuen Polstermöbeln nicht mehr so einfach. Wer weiß, vielleicht ist es eben einfach mal wieder an der Zeit aufzustehen.

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