Im Urlaub denkt keiner an den Tod. Niemand lässt es kalt, wenn Urlauber ihr Leben lassen.

Was ist reisen? Ist fröhlich leben!“, wusste schon Goethe. Weniges ist so positiv besetzt, mit vielen Sehnsüchten und Erwartungen behaftet wie der Urlaub. In den Ferien hat der Tod keinen Platz. Da wollen wir aufleben, uns spüren, wollen nachholen, was der Alltag uns versagt. Wir wollen frei von Sorgen sein, Abenteuer erleben, in den Tag hinein leben, ohne an Schlimmes erinnert zu werden.

Ein Tod auf Reisen ist fast immer ein vollkommen unerwartetes Ableben. Es gibt Ausnahmen. Menschen, die die perfekte Kulisse für einen Freitod suchen, chronisch Kranke, die in Erwartung ihres nahen Endes jenen Ort aufsuchen, von dem sie immer schon geträumt haben oder an dem sie die schönsten Tage ihres Lebens verbrachten.
Doch diese Fälle sind rar. Fast immer kommt der Tod unterwegs jäh, unangekündigt und mit rasender Eile, die keine Chance auf Rettung mehr lässt. Manchmal reißt er viele mit sich, ist tage- oder wochenlang in den Medien präsent. Untergegangene Schiffe, abgestürzte Flugzeuge, schwere Zugunglücke, Massenkarambolagen lassen niemanden kalt. Sie erinnern uns kollektiv an die Endlichkeit, lassen uns für ein Pausenzeichen die eigene Lebendigkeit kostbar erscheinen, bevor wir uns wieder in den Fallstricken des Alltags verfangen.

Fern des Alltags glauben wir uns mit magischen Kräften behaftet

Die Wahrscheinlichkeit, einer solchen Katastrophe zu erliegen, ist denkbar gering. Trotzdem fürchten wir sie mehr als den eigenen Leichtsinn. Was sonst lässt uns mit überhöhter Geschwindigkeit in Nebelbänke rasen, in riskanten Situationen überholen, Kilometer schrubben ohne Pause? Fern des Alltags glauben wir uns mit magischen Kräften behaftet. Wir haben Sehnsucht nach Intensität, wollen die Elemente spüren: die Hitze, die Kühle des Meeres, den Höhenrausch des Gipfelsturmes. Heute hier, morgen dort. Grenzen sollen auslotet werden. Je intensiver wir uns spüren, desto näher scheinen wir der Unsterblichkeit.

Die schlimmsten Fälle, die in den Notrufzentralen der Automobilclubs gemeldet werden, sind solche, die mit der Schuld am Tod der eigenen Angehörigen einhergehen. Schuld ist schlimmer als Tragik. Familienväter, die mit riskanter Fahrweise Frau und Kinder ums Leben bringen, sind so ein Fall. Oder Mütter, die die Kleinen für einen Moment am Pool des Ferienhauses allein oder am Strand aus den Augen lassen und nur Minuten später in sprachlosem Entsetzen den leblosen Körper an sich pressen. Oder Eltern, die ihre Kinder aus grobem Leichtsinn oder Egoismus verlieren oder verstümmeln. Nachts um vier wird ein Schweizer Arzt in das kleine Krankenhaus eines Ortes gerufen. Einem vier Monate alten Säugling müssen beide Beine bis zum Rumpf amputiert werden. Die Eltern sind den ganzen Tag mit dem Baby im Tragegestell auf Skitour gegangen. Dem Kind sind dabei die Beine erfroren.

Manchmal kommt der Tod unterwegs nicht anders als zu Hause auch. Ein alter Mensch erleidet einen Herzinfarkt, selbst schnelle und professionelle Hilfe vermag ihn nicht mehr zu retten. Fast ein Routinefall für Ärzte, Behörden und Reiseveranstalter. Nur für die Angehörigen nicht, die sich in dieser Situation völlig alleingelassen fühlen, obwohl alles seinen Gang geht. Seit 1936 regelt ein weltweit gültiges Gesetz das folgende Prozedere. Ein Arzt stellt einen Totenschein aus, im Zweifelsfall folgt vor Ort eine Obduktion. Der Verstorbene erhält einen international gültigen Leichenpass als Rückreisedokument. Er wird in einem verlöteten Zinksarg transportiert, in der Regel mit dem Flugzeug; der Frachtpreis wird nach Kilogramm berechnet.

Manchmal kommt der Tod auf Reisen ohne Zeugen


Die meisten Todesfälle auf Auslandsreisen sind durch Herz-Kreislauf-Versagen verursacht; diese Todesart macht rund die Hälfte aller erhobenen Fälle aus. Ihre Zahl wird vermutlich steigen, da der Bevölkerungsanteil der Senioren und deren Reiselust ständig zunimmt. Die Hoteliers sowie die örtlichen Bestattungsunternehmer in Urlauberzentren sind längst auf diese Probleme eingestellt. Sie wissen, was zu tun ist. Kreuzfahrtschiffe mit ihrer zum Teil hochbetagten Klientel sind gleichfalls vorbereitet. Viele haben spezielle Kühlkammern für Leichen eingebaut. Manchmal kommt der Tod auf Reisen ohne jeden Zeugen, lässt den Hinterbliebenen nicht einmal einen Leichnam zum Betrauern.

Ein Frankfurter Lehrer bricht zu einer Bergtour in Tirol auf. Das Wetter ist gut, er kennt die Route, ist sie bereits mehrmals gegangen. Er kommt nie in der Hütte auf der anderen Flanke des Gebirges an. Nichts wird gefunden, nicht einmal ein Stück seiner Ausrüstung. Zehn Jahre lang gilt der erfahrene Bergsteiger offiziell als verschollen, bevor er durch Gerichtsentscheid für tot erklärt wird. Er liegt irgendwo in der Bergeinsamkeit der Hochalpen.

So wie es der „Mann aus dem Eis“ über 5000 Jahre lang tat, bevor ihn das Abschmelzen der Gletscher 1991 zwei Tourengängern vor die Füße legte. Die gut erhaltene Mumie ist heute im Archäologiemuseum in Bozen in einem gekühlten gläsernen Schrein ausgestellt. Der nackte Eismann ist das älteste Zeugnis eines Todesfalles unterwegs, das wir kennen. Bei seinem Anblick werden selbst lärmende Schulkinder still. Nach einer langen Reise durch die Zeit ist er zu den Menschen zurückgekehrt.

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