In der Pandemie sinken die Emissionen. Doch einen langfristigen Effekt hat das nicht, warnen Experten. Manche Konzerne fordern gar Aufschub bei den Klimazielen. Bleibt der Klimaschutz in der Corona-Pandemie auf der Strecke?
Stuttgart - Auf dem weißen Blatt Papier stehen in dünnen Lettern drei Worte: „Skolstrejk for Klimatet“, Schulstreik fürs Klima. Greta Thunberg hält das Blatt direkt neben ihr Gesicht. Freitag für Freitag postet sie ein solches Bild auf der Online-Plattform Instagram. „In einer Krise passt man sich an und verändert sein Verhalten“, schreibt sie darunter.
Zuletzt ist es ruhig geworden um Greta Thunberg und die Fridays-for-Future-Bewegung. Während das Jahr 2019 geprägt war durch die Klimakrise, wird 2020 wohl ganz im Zeichen der Corona-Pandemie stehen. Großdemonstrationen und Protestzüge sind in Zeiten von Kontaktbeschränkungen undenkbar. Die Aktivisten haben ihr Engagement deshalb ins Netz verlagert, digitale Seminare initiiert und virtuelle Konferenzen abgehalten. Doch von der breiten Öffentlichkeit wird das bislang kaum wahrgenommen. „Die Menschen wollen gerade nichts über die Klimakrise hören“, hat Greta Thunberg kürzlich in einem Podcast gesagt. „Das verstehe ich komplett. Aber wir müssen sichergehen, dass sie nicht vergessen wird. Wir müssen beide Krisen gleichzeitig angehen, denn die Klimakrise wird nicht weggehen.“
Die Klimakonferenz wurde verschoben
2020 sollte ein entscheidendes Jahr für den Klimaschutz werden. Doch die für November geplante Klimakonferenz in Glasgow wurde aufs kommende Jahr verschoben. Dort sollten die Staaten neue, ambitioniertere Klimaziele vorgelegen, um die Erderwärmung auf unter zwei Grad zu begrenzen. Bislang haben das nur wenige Staaten getan, und der politische Druck fällt ohne den Gipfel weg, befürchten Klimaforscher. Auch die EU-Kommission könnte Teile des Green Deals aufschieben, etwa Strategien für mehr Klimaschutz in Landwirtschaft und Verkehr. Manche Autokonzerne fordern unterdessen, EU-Pläne für strengere Grenzwerte beim CO2-Ausstoß zu kippen. Und laut dem Politbarometer von RTL und NTV von Ende März räumen nur noch neun Prozent der Deutschen dem Klimaschutz oberste Priorität ein. Bleibt der Klimaschutz wegen Corona auf der Strecke?
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Tatsächlich könnte die Pandemie eher eine Chance sein, sagt Jan Peter Schemmel vom Öko-Institut in Berlin. „Vor allem dann, wenn es gelingt, Parallelen zwischen beiden Krisen zu ziehen.“ So lerne man in der Corona-Krise gerade, dass es sich auszahle, früh Maßnahmen zu ergreifen. „Das gilt auch für den Klimaschutz.“ Gleichzeitig sei interessant: Während drastische politische Maßnahmen oder gar Einschränkungen in der Klimapolitik bislang sehr verrufen waren, zeige sich in der Corona-Krise eine große Akzeptanz dafür. „Die Unmittelbarkeit der Gefahr ist bei Corona natürlich viel deutlicher zu sehen und zu spüren als beim Klima. Aber langfristig werden auf der Welt durch nicht erfolgten Klimaschutz mehr Menschen sterben als durch die Corona-Pandemie“, sagt der Politikwissenschaftler.
Zwar müsse man sich im Zusammenhang mit Klimaschutz nicht ähnlich einschränken wie aktuell in der Coronakrise – etwa beim Aufbau einer nachhaltigen Infrastruktur oder emissionsfreier Produktionsmuster. „Doch die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus zeigen uns, dass wir auf manche Dinge auch gut verzichten können.“ Beispiele sind etwa viele Dienstreisen, für die Flüge oder weite Fahrten nötig sind. Schon jetzt gebe es Signale von Unternehmen, virtuelle Meetings verstärkt auch nach der Corona-Krise beizubehalten – auch, weil sich damit schlicht Geld sparen lasse.
Sinkende Emissionen in der Krise sind nur kurzfristig
Dass große Teile der Wirtschaft und des öffentlichen Lebens stillstehen, hat unmittelbare Auswirkungen auf die Treibhausgasemissionen. Weltweit könnte deren Ausstoß 2020 gegenüber dem Vorjahr vier bis sechs Prozent zurückgehen, haben Institute ausgerechnet – je nachdem, wie lange der Stillstand dauert. Dieser Rückgang wäre der stärkste seit dem Zweiten Weltkrieg. Prognosen zufolge wird Deutschland dieses Jahr nun doch noch seine Klimaziele erreichen: Eine Reduktion der Treibhausgasemissionen um mehr als 40 Prozent gegenüber 1990. Viele Klimaforscher warnen aber, dass die Corona-Krise nur einen einmaligen Effekt habe. Einige fürchten einen Reboundeffekt nach der Krise, weil Unternehmen Verluste wettmachen wollen oder der Konsum anzieht. Auch Umweltministerin Svenja Schulze äußerte sich zurückhaltend: Es gehe nicht um einen Stillstand der Wirtschaft, sondern darum, das Leben insgesamt nachhaltiger zu gestalten.
„Entscheidend ist jetzt die Frage, wo die Summen reingehen sollen, die wir jetzt in die Hand nehmen“, sagt Jan Peter Schemmel vom Öko-Institut. Damit ist er nicht alleine: Erst vor wenigen Tagen haben Politiker, Unternehmenschefs, Gewerkschaften, Verbände und Experten aus ganz Europa einen Aufruf veröffentlicht, in dem sie eine nachhaltige Post-Corona-Strategie fordern. „Nach der Krise wird die Zeit des Wiederaufbaus kommen“, heißt es dort. Die massiven Investitionen und die Pläne für Aufschwung auf allen Ebenen müssten Klimaschutz und den Erhalt der Ökosysteme zum zentralen Teil der Wirtschaftspolitik machen.
Auch der baden-württembergische Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) forderte bereits, das wirtschaftliche Konjunkturprogramm für eine „ökologische Modernisierung“ zu nutzen. Man arbeite im Umweltministerium gerade an Ideen zur Umsetzung, sagte Untersteller. Und Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut kündigte an, dass der Klimaschutz eine wichtige Rolle bei den Überlegungen zu wirtschaftspolitischen Maßnahmen im Zusammenhang mit der Corona-Krise spielen werde.
Finanzielle Mittel sollten sinnvoll eingesetzt werden
Um die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie in Deutschland abzumildern, will der Staat Milliarden von Euro in die Hand nehmen. „Wenn wir diese Mittel jetzt nicht sinnvoll nutzen, fehlen sie uns in den kommenden Jahren“, sagt Manfred Fischedick vom Wuppertal-Institut in einem von Fridays for Future organisierten Online-Seminar. Wichtig sei es, das Konjunkturprogramm so zu steuern, dass es einen Beitrag zu einer nachhaltigeren, krisenfesteren Wirtschaft und zum Klimaschutz leiste – zum Beispiel durch Investitionen in den Ausbau von erneuerbaren Energien, in die energetische Gebäudesanierung, die Mobilitätswende und in strukturelle Veränderungen, etwa den Aufbau einer Kreislaufwirtschaft.
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Wenn hier gut geplant werde, sagt Fischedick, seien Versäumnisse vermeidbar, die in der Finanzkrise vor elf Jahren gemacht wurden. „Damals wurde eine Abwrackprämie ohne dezidierte Lenkungswirkung aufgelegt.“ In der Folge kauften die Menschen stärker motorisierte Autos mit höherem CO2-Ausstoß. Das könnte dieses Mal anders sein. „Es stimmt mich hoffnungsvoll, dass wir derzeit eine so wissenschaftsbasierte Politik haben, die von der Gesellschaft mitgetragen wird“, sagt Schemmel. „Warum sollte das in einer existenziellen Krise gehen, in der anderen aber nicht?“