Geisterspiele, wie hier in der Partie des 1. FC Köln gegen Borussia Mönchengladbach am 21. Spieltag, warten auch auf den VfB. Foto: dpa/Roland Weihrauch

Wegen des Coronavirus’ werden national wie international reihenweise Veranstaltungen abgesagt. Eine im Netz kursierende Grafik verspricht, zu erklären, warum das der Fall ist. Was zeigt der sogenannte „Flattening the Curve“-Graph?

Stuttgart - Geisterspiele beim VfB Stuttgart, Ausfall der weltweit größten Spielemesse E3 in Los Angeles und nun auch noch die Absage des Stuttgarter Frühlingsfestes: Wegen der neuartigen Lungenkrankheit Covid-19 werden derzeit allerorts Veranstaltungen abgesagt, bei denen ungewöhnlich viele Menschen aufeinandertreffen würden. Im Netz stößt man zur Erklärung dieser Maßnahmen schnell auf die sogenannte „Flattening the Curve“-Grafik, zu deutsch „Verflachung der Kurve“-Grafik. Was hat es damit auf sich?

Entwickelt wurde die Grafik erstmals von Drew Harris, Professor an der Thomas Jefferson University in Philadelphia. Die Universität aktualisiert seit einiger Zeit eine weltweite Live-Karte zur Verbreitung des Coronavirus’. Die genannte Grafik besteht nun aus einem Graphen, der besonders einfach und anschaulich mögliche Verbreitungsszenarien der Lungenkrankheit in Form zweier Kurven erklären soll.

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Die kritische Kapazität des Gesundheitswesens

Auf der y-Achse des Graphen finden sich die Menge an Krankheitsfällen, auf der x-Achse wiederum die Zeit seit dem ersten Infizierten. Die rote Kurve steht für den Fall, dass keine Maßnahmen gegen die Verbreitung des Virus’ getroffen werden. Die blaue Kurve behandelt den Verlauf der Krankheitsausbreitung in dem Fall, dass schützende Maßnahmen angewandt werden. Eine gestrichelte Linie parallel der x-Achse verdeutlicht schlussendlich die Kapazität des Gesundheitswesens.

Klar zu erkennen: Die rote Kurve, in dessen Szenario keine Maßnahmen ergriffen werden, verläuft zwar deutlich kürzer als die blaue Kurve, übersteigt selbe allerdings um das doppelte an Fallzahlen. Zusätzlich schießt die rote Kurve weit über die Kapazität des Gesundheitssystems heraus.

Parkplatz oder Intensivstation?

Laut Harris ist es bei der Analyse der Grafik wichtig, nicht zu vergessen, dass „Kontrollmaßnahmen die Krankheitsfälle lediglich verzögern und nicht verhindern könnten.“ Allerdings würde eine langsamere Ausbreitung dazu führen, einem unkontrollierten Anstieg der Fallzahlen zu entgehen. Krankenhäuser hätten somit mehr Zeit, sich auf die Behandlung von Patienten vorzubereiten und, die bestehenden Infizierten ausreichend zu versorgen.

Andernfalls drohe nach Angaben von Experten das Gesundheitssystem zu überlasten und die Sterblichkeitsrate an der Lungenkrankheit wegen unzureichenden Versorgungsmöglichkeiten stark zu steigen. „Es ist der Unterschied, entweder ein Bett samt Beatmungsmaske auf der Intensivstation zu bekommen, oder in einem Zelt auf einem Parkplatz behandelt zu werden“, sagt Harris. Letzteres wäre laut ihm der Fall, wenn nichts gegen die Verbreitung des Virus’ unternommen werden würde – wenn die Kurve also nicht abflacht.

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Etwa 20 Prozent erkranken schwerer

Um eine Abflachung der Kurve zu gewährleisten, rät Gérard Krause, Leiter der Abteilung Epidemiologie am Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung, zu einem „Bündel von Maßnahmen“ vom Händewaschen bis zum Veranstaltungsverbot. Es sei aber ebenso wichtig, diese Maßnahmen bei Bedarf neu anzupassen und dabei auch ihre möglichen unerwünschten Wirkungen im Auge zu behalten. „Wenn Arbeits- oder Transportbeschränkungen zum Beispiel dazu führen könnten, dass essenzielle Medikamente oder wichtige medizinische Operationen nicht mehr verfügbar würden, dann könnten die Maßnahmen zum Schutz der öffentlichen Gesundheit vielleicht mehr schaden als die direkten Folgen der Epidemie selbst“ warnt er. „Ein mehr an Maßnahmen bedeutet nicht notwendigerweise ein mehr an Nutzen.“

Gerät aber die Zahl der Ansteckungen außer Kontrolle, könnte auch das deutsche Gesundheitssystem ins Wanken geraten. Für die meisten Infizierten verläuft die Krankheit zwar weitgehend harmlos, einige werden sie noch nicht einmal bemerken. Doch etwa 20 Prozent erkranken schwerer. Auf die Krankenhäuser könnten daher viele zusätzliche Patienten zukommen.

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