Noch vor einem Jahr klagten die Unternehmen über Fachkräftemangel. Mit der Pandemie hat sich die Arbeitswelt verändert. Doch auch Corona darf für Unternehmen kein Grund sein, ausgelernte Azubis nicht zu übernehmen, meint Inge Nowak.
Stuttgart - Wer erinnert sich nicht an die Klagen der Unternehmen über den Fachkräftemangel und über unbesetzte Ausbildungsplätze. Gerade mal zwölf Monate ist das her. Natürlich gibt es auch jetzt noch Branchen, die recht problemlos durch die Krise kommen. Die Baubranche etwa gehört dazu. Doch insgesamt haben die Konjunkturdelle und vor allem das Coronavirus innerhalb kürzester Zeit zu erheblichen Verwerfungen geführt. Die Zukunftsaussichten für junge Menschen haben sich eingetrübt – trotz der demografischen Entwicklung, die doch eigentlich für sie sprechen sollte.
Nur knapp zwei Drittel der Ausbildungsbetriebe wollen ihre jungen Fachkräfte nach bestandener Prüfung in diesem Jahr übernehmen, hat eine Umfrage ergeben. Halten Corona-Krise und Konjunkturschwäche an, werden es künftig noch weniger sein, ist zu befürchten. Keine Frage, für viele Unternehmen ist es eine äußerst schwierige Entscheidung. Vor allem der Industrie in Baden-Württemberg fehlen Aufträge, die Kurzarbeit ist umfassend, viele Unternehmen schreiben Verluste und haben drastische Sparprogramme angekündigt. Und wenn die Konjunktur nicht anspringt, müssen die Firmen den Sparkurs wohl verschärfen – Kündigungen vermutlich inbegriffen. Sollen sie in einem solchen Umfeld ihre frisch gekürten Fachkräfte übernehmen?
Negative Folgen überwiegen
Die Antwort kann nur Ja heißen. Alles andere hätte massive negative Folgen für die Gesellschaft im Allgemeinen und die jungen Leute im Besonderen. Wo sollen sie denn hin, wenn ihr Ausbildungsbetrieb ihnen jetzt keine Chance gibt? Die Zahl der offenen Stellen ist gering, die Chance auf einen alternativen Job entsprechend niedrig. Verschärfend kommt hinzu, dass Corona dazu geführt hat, dass Transformation und Digitalisierung an Fahrt aufnehmen. Soll heißen: Die Halbwertszeit des erworbenen Wissens sinkt.
Deshalb sollten Unternehmen jetzt alle Möglichkeiten der Agentur für Arbeit nutzen. Auch Berufseinsteiger können kurzarbeiten. Auch Berufseinsteiger können – öffentlich unterstützt – qualifiziert werden. Es spricht nichts dagegen, junge Menschen zumindest befristet zu übernehmen. Selbst wenn sich die Krise verschärfen sollte, haben sie zumindest erste Berufserfahrung gesammelt, was ihre Chancen erhöht – und den künftigen Fachkräftemangel reduziert.