Risikogruppen können in der Krise mit ihren Liebsten in Kontakt bleiben. Foto:  

Eine Altersforscherin untersucht, wie ältere Menschen das Internet nutzen. Werden sie in der Corona-Krise digital abgehängt?

Berlin - Cordula Endter (38) ist Kulturanthropologin und Psychologin. Sie arbeitet seit 2018 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA) in Berlin und veröffentlichte kürzlich mit zwei Kollegen eine Studie mit dem Titel „Ältere Menschen und ihre Nutzung des Internets: Folgerungen für die Corona-Krise“. Wir haben mit ihr über die Ergebnisse gesprochen.

Frau Endter, Sie und Ihre Kollegen haben sich die Frage gestellt, wie ältere Menschen das Internet nutzen und welche Folgerungen sich für die Coronakrise ergeben. Was waren die wichtigsten Ergebnisse?

Für unsere Untersuchung haben wir Ergebnisse verschiedener Studien, vor allem die des Deutschen Alterssurveys, herangezogen. Final können wir noch keine zusammenfassende Aussage über die gesamte Coronazeit treffen, schließlich befinden wir uns noch mitten darin. Was sich allerdings herausstellt ist, dass von der Digitalisierung hauptsächlich diejenigen profitieren, die bereits einen Internetzugang haben und digitale Medien nutzen.

Was meinen Sie damit?

Covid-19 verläuft vor allem bei Personen mit Vorerkrankungen, wie sie häufig bei Senioren vorkommen, schwer. Daher ist es vor allem für sie wichtig, alternative Wege zur Kommunikation und Information nutzen zu können. Es herrscht allerdings ein sogenannter Digital Gap, gerade auch in der älteren Bevölkerungsgruppe. Das heißt, nicht alle älteren Menschen nutzen Onlineangebote im gleichen Maße. Ressourcenschwache Senioren, Menschen mit einer niedrigen Bildung und hochaltrige Frauen nutzen das Internet weniger als andere. Aber auch Menschen, die in einem Pflegeheim untergebracht sind, haben seltener Internetzugriff.

Können Sie diesbezüglich eine Verbesserung durch die Coronazeiten erkennen? Gibt es eine Art Digitalisierungsschub – auch unter den Senioren ?

Unsere These ist, dass die genannten Exklusionsfaktoren in der Coronakrise bisher konstant geblieben sind oder sich gar verschärft haben. Ältere Menschen haben ein großes Interesse an gesundheitsbezogenen Themen im Internet – während der Pandemie natürlich noch mehr als sonst. Wer einen Zugang zum Internet hat und sich informieren kann, fühlt sich befähigt und selbstbewusst. Wem dies nicht möglich ist, fühlt sich uninformiert und ausgeschlossen. Aus diesem Grund sehe ich auch viele Corona-Maßnahmen kritisch, zum Beispiel, wenn Eintrittskarten nur noch online verkauft werden. Hier wird eine gesellschaftliche Gruppe ausgeschlossen. Senioren, die aufgrund fehlender Internetzugänge oder fehlender Online-Kompetenzen nicht am öffentlichen Leben teilhaben können, könnten sich fragen: Welchen Stellenwert habe ich noch in dieser Gesellschaft? Leider werden diese Probleme in der aktuellen Debatte über die Corona-Maßnahmen noch viel zu selten aufgegriffen.

Was müssen Politik und Gesellschaft tun?

Digitalisierung ist nur dann etwas Gutes, wenn sie begleitet durchgeführt wird. Ältere Menschen müssen an Online-Medien langsam herangeführt und darin geschult werden. In Corona-Zeiten gab es diesbezüglich einige Leuchtturmprojekte, wie zum Beispiel Vereine, die Seniorenkurse angeboten haben, aber das reicht nicht aus. Wir brauchen langfristige und nachhaltige Maßnahmen, die die Digitalisierung als Teil der Daseinsvorsorge anerkennen. Hierzu müssen leistungsstarke Internetzugänge, auch in ländlichen Regionen und Pflegeeinrichtungen ausgebaut werden. Momentan fängt die Zivilgesellschaft sehr viele der Probleme auf, eigentlich ist es aber Aufgabe der Politik, einen gesellschaftlichen Diskurs und eine Sensibilisierung innerhalb der Gesellschaft zu schaffen.

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