Im Internet werden Schnelltest angeboten, mit denen Antikörper auf das Coronavirus aufgespürt werden sollen. Doch die Ergebnisse sind mitunter falsch-positiv. Foto: imago images/Future Image/Christoph Hardt

Antikörpertests sollen ein klareres Bild der Corona-Pandemie liefern. In Stuttgart sind nun 5000 Menschen dazu aufgerufen, an einer repräsentativen Studie teilzunehmen. Auch Unternehmen bieten Antikörpertests an. Doch welche davon sind wirklich zuverlässig?

Stuttgart - Es klingt verlockend: mit einem kleinen Piks und einem Tropfen Blut erfahren, ob man unbemerkt bereits eine Infektion mit dem Coronavirus überstanden hat – und ob der eigene Körper Antikörper dagegen gebildet hat. In Tübingen kann man sich beim Biotechunternehmen Cegat für 25 Euro testen lassen, am Stuttgarter Flughafen kostet dies 60 Euro. Auch im Netz werden Tests angeboten. Doch wie zuverlässig sind sie? Die wichtigsten Antworten dazu.

 

Das Stuttgarter Klinikum macht eine Antikörperstudie. Was geschieht dort?

Mindestens 1000 Stuttgarter sollen in einer repräsentativen Stichprobenuntersuchung auf Antikörper gegen das neuartige Coronavirus getestet werden. Darüber hinaus sollen mindestens 400 bereits positiv auf Sars-CoV-2 getestete Personen auf Antikörper untersucht werden. Die sogenannte CoKoS-Studie ist ein Gemeinschaftsprojekt des Klinikums Stuttgart, des Universitätsklinikums Tübingen und des Gesundheitsamts Stuttgart. Dazu wurden 5000 zufällig ausgewählte Stuttgarter ab fünf Jahren kontaktiert. Der Rücklauf sei hervorragend, heißt es vom Klinikum Stuttgart. Denjenigen, die teilnehmen, wird im Klinikum oder zu Hause Blut abgenommen, das dann im Labor mittels Antikörpertest untersucht und bei einem positiven Ergebnis noch zusätzlich validiert wird. Parallel dazu will die Uniklinik Tübingen mit Fragebögen Daten zu psychisch-mentalen Folgen der Pandemie erheben.

Welche Erkenntnisse erhofft man sich von den Antikörpertests?

Ziel der Studie ist es, möglichst genaue Daten zur Durchseuchung der Bevölkerung mit Sars-CoV-2 zu erhalten. Dies ist wichtig, weil viele Infizierte keine oder nur schwache Symptome aufweisen und daher leicht übersehen werden. „Die Häufigkeit des Vorkommens von Antikörpern und die Ausbreitungsrate des Virus zu kennen ist dringend nötig für die weitere Steuerung der Pandemie“, sagt Jan Steffen Jürgensen, Medizinischer Vorstand im Klinikum Stuttgart. Zudem ist davon auszugehen, dass Personen, die Antikörper haben, zumindest eine Zeit lang immun sind – wie lange, ist noch unklar.

Allerdings sind Antikörper erst sieben bis 14 Tage nach der Infektion nachweisbar. Entsprechende Tests eigenen sich daher nicht zur Erkennung akuter Infektionen. Hierzu dienen sogenannte PCR-Tests, die das Viruserbgut aufspüren. Mit ihnen lassen sich infizierte Personen schnell ausfindig machen und isolieren, bevor sie andere anstecken.

Wie funktionieren Antikörpertests?

Zum Nachweis von Antikörpern gegen das Coronavirus dienen meist sogenannte Elisa-Tests an Blutproben. In den Reaktionsgefäßen befindet sich dabei eine für das Virus typische Eiweißverbindung (Protein). Enthält eine Probe Antikörper gegen Sars-CoV-2, heften diese sich an das Virusprotein. An diesen ersten Antikörper dockt ein zweiter an, der über ein Enzym eine Farbreaktion auslöst. Daran lässt sich ablesen, ob Corona-Antikörper im Blut sind. Bei dem entsprechenden Test von Roche werden die gebundenen Antikörper in einem Magnetfeld dazu gebracht, Licht zu emittieren, das von einem Detektor erfasst wird.

Wie aussagekräftig sind die Tests?

An zwei Werten lässt sich ablesen, wie genau ein Test ist: Spezifität und Sensitivität. Die Spezifität sagt aus, wie viele Nichtinfizierte – also gesunde Menschen – auch tatsächlich als gesund erkannt werden. Ein Test mit einer Spezifität von 99 Prozent liefert bei einer von 100 nicht infizierten Personen fälschlicherweise ein positives Ergebnis. Eine derart hohe Genauigkeit gibt etwa Roche für seinen Test Elecsys Anti-Sars-CoV-2 an. Die Sensitivität steht dagegen für die Erkennungsrate, also für den Prozentsatz der Betroffenen, bei denen eine überstandene Infektion auch tatsächlich festgestellt wird. Bei einer Sensitivität von 95 Prozent werden 95 von 100 dieser Fälle erkannt. Für den entsprechenden Test des Konzerns Roche, der nun auch in Deutschland verfügbar ist, beträgt die Sensitivität nach Firmenangaben sogar 100 Prozent.

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Ist die Sensitivität hoch, aber die Spezifität nur gering, kann es viele falsch-positive Befunde geben. Damit würden etlichen getesteten Personen Antikörper bescheinigt, obwohl sie gar keine haben – mit dem Risiko, dass diese Menschen sich nicht mehr an Kontaktbeschränkungen halten, weil sie glauben, immun zu sein. Dabei können sie sich weiterhin infizieren und das Virus an Risikogruppen weitergeben.

In Forschungsstudien sind falsch-positive Test-Ergebnisse dagegen nicht so problematisch: Die Fehler werden dabei einfach herausgerechnet. So ermöglichen die Tests dennoch einen guten Eindruck der Pandemie-Entwicklung und der Dunkelziffer.

Wie wird die Qualität der Tests geprüft?

„Die Diagnostiklabore, die diese Antikörpertests durchführen, werden begutachtet, sind qualitätsüberprüft und dürfen nur zugelassene Diagnostiktest durchführen“, sagt Silke Fischer vom Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg. Welcher Anbieter aber welchen Test anbiete, werde nicht abgefragt. „Meist liegt eine hohe Sensitivität vor, die Spezifität ist wegen Kreuzreaktionen mit anderen derzeit zirkulierenden Coronaviren meist geringer“, so die Leiterin des Referats Hygiene und Infektionsschutz. Beim Robert-Koch-Institut heißt es, dass Spezifität und Sensitivität kommerzieller Elisa-Tests „in Studien belegt und im Hinblick auf die Fragestellung berücksichtigt werden müssen“.

Wie ist das bei der Studie am Klinikum Stuttgart?

Die Sensitivität des dabei eingesetzten Elisa-Tests der Firma Euroimmung werde laut Klinikum Stuttgart mit 93,8 Prozent angegeben, die Spezifität mit 99,6 Prozent. „Ähnliche Ergebnisse wurden auch in vergleichbaren Studien, zum Beispiel der Heinsberg-Studie, erzielt“, sagt Jan Steffen Jürgensen. „Zur Validierung werden in unserem Ansatz jedoch positive Antikörpernachweise noch mit dem aufwendigen Neutralisationsassay überprüft.“

Inzwischen gibt es etliche Schnelltests auf Corona-Antikörper – auch im Internet. Was ist davon zu halten?

Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) weist darauf hin, dass die Validierung kommerzieller Tests, wie sie etwa im Netz angeboten werden, nicht immer gesichert sei. Über die Zuverlässigkeit von Schnelltests könne keine Aussage getroffen werden, da „entsprechende Untersuchungen noch nicht durchgeführt wurden“. Die Hersteller können solche Tests laut PEI noch bis Mai 2022 selbst zertifizieren. Das Institut weist auch darauf hin, dass die Validierung von Tests, die etwa im Internet angeboten werden, wegen der bestehenden Möglichkeit der „Selbst-Zertifizierung“ nicht immer gesichert sei: Es gebe hier nachweislich auch gefälschte Zertifikate.

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Wer zahlt die Antikörpertests – und gibt es ausreichend Testkapazitäten?

Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Baden-Württemberg werden die Tests seit einigen Tagen in bestimmten Fällen von den Krankenkassen bezahlt. Grundlage dafür sei ein begründeter Verdacht – etwa, weil entsprechende Symptome aufgetreten seien. Ärzte hätten hier einen gewissen Ermessensspielraum. Zugleich warnt die KV davor, sich nach einem positiven Antikörpertest in Sicherheit zu wiegen, da noch nicht bekannt sei, wie lange die damit verbundene Immunität hält. An fehlenden Laborkapazitäten würden umfangreiche Antikörpertests indes nicht scheitern, versichert der Laborarzt Jan Kramer, Vorstandsmitglied des Berufsverbands Akkreditierter Labore in der Medizin: „Engpässe wie bei der PCR-Testung im akuten Verdachtsfall auf Covid-19 sind nicht zu erwarten.“