Mit dem letzten Katamaran über die Insel San Andres zum rettenden Flughafen nach Bogotá: Annette Schätzle aus Sindelfingen. Foto: /Schätzle

Eine reiselustige Rentnerin ist wegen des Coronavirus in Kolumbien gestrandet. Jetzt ist sie zuhause in Sindelfingen in Quarantäne. Wie hat sie das geschafft?

Stuttgart/Sindelfingen - Annette Schätzle lässt sich nicht so leicht ins Bockshorn jagen. Die 71-Jährige aus Sindelfingen-Goldberg hat fast die ganze Welt bereist und weiß, wie der Hase läuft. „Ich war in der Karibik, in Mittel- und Südamerika, in Afrika, Australien und Neuseeland. Und auf den Osterinseln bei meiner Tochter und meinem Enkel“, zählt sie nur einige ihrer Reiseziele auf. Jeden Winter macht sie sich für mehrere ­Monate auf – nur mit einem Rucksack, der gepackt kaum zwölf Kilogramm wiegt. Doch ihre letzte Reise war anders, ganz anders.

„Mich hat das Coronavirus auf Providencia eingeholt. Mit dem letzten Katamaran habe ich gerade noch den Absprung geschafft“, berichtet die agile Rucksacktouristin. Die Rückholaktion des Auswärtigen Amts hat sie zurück nach Hause gebracht. Aber der Reihe nach.

Das karibische Leben genossen

Im Januar war die Sindelfingerin mit den schicken, hennagefärbten Haaren zu ihrer Tochter auf die Osterinseln, die zu Chile ­gehören, gereist. Dann ging es weiter nach Santiago de Chile, wo sie Freunde hat. Über Bogotá führte sie ihr Weg weiter auf die kolumbianische Insel Providencia. „Ich habe dort wie immer in einem günstigen Hostel gewohnt und mich mit jungen Backpackern angefreundet“, sagt sie. Man habe das karibische Leben genossen. „Mitte Februar haben wir dann übers Smartphone erstmals von Corona gehört“, so Annette Schätzle. Was tun? „Ich dachte: Bleib, wo du bist“, so die 71-Jährige. Am besten wäre es doch, die Krise in der Karibik auszusitzen. Doch daraus wurde nichts. Ein Flug nach dem anderen sei storniert, die Grenzen dichtgemacht worden. In ihrem Hostel sei sie komisch angeschaut worden. „Als Europäerin hatte ich keine guten Karten.“

Also hüpfte sie auf den letzten Katamaran, der sie von Providencia nach San Andres brachte. „Dort waren die Strände gesperrt, es gab ein Ausgehverbot. Man wollte uns loshaben“, sagt die 71-Jährige. Also registrierte sie sich auf der Website des Auswärtigen Amts zur Rückholung.

190 000 Deutsche bislang zurückgeholt

Insgesamt befanden sich mehrere Hunderttausend Deutsche nach dem Corona-Ausbruch im Ausland. Inzwischen hat die Bundesregierung knapp 190 000 Personen mit etlichen gecharterten Maschinen nach Deutschland geholt. Rund zwei Wochen werde die Rückholaktion noch dauern. So lange werde man noch „sehr intensiv“ mit der Organisation der Sonderflüge beschäftigt sein, so ein Sprecher des Auswärtigen Amts.

Im Krisenreaktionszentrum des Auswärtigen Amts kümmern sich 50 Mitarbeiter im Schichtdienst 24 Stunden lang um die Operation Luftbrücke: Sie befassen sich derzeit mit 50 Ländern, in denen Deutsche gestrandet sind.

Anette Schätzle bekam am 15. März Nachricht von Außenminister Heiko Maas – mehr oder weniger jedenfalls. Ob sie in zwei Tagen am Flughafen in Bogotá sein könne? Sie konnte. Sie ergatterte in einem Hotel am Flughafen ein Zimmer. Und wartete. „Dort waren viele mitgestrandete Europäer“, erzählt sie.

„Allen wurde Fieber gemessen“

Am 19. März war es soweit: Eine von der Bundesregierung gechartete Maschine der chilenischen Latam-Airlines stand bereit. Am Flughafen in Bogotá kontrollierte ein Bundeswehrsoldat die Pässe Hunderter Deutsche, darunter auch den Annette Schätzles. „Allen wurde Fieber gemessen“, berichtet sie. Die Mitarbeiter der deutschen Botschaft hätten sich toll um sie gekümmert, sagt die Sindelfingerin.

Einen Tag später setzte der Flieger in Frankfurt auf. „Dort gab es überhaupt keine Kontrollen“, wundert sich die Rucksacktouristin. Sie setzte sich in den Zug nach Stuttgart, dann in die S-Bahn nach Sindelfingen. Eigentlich würde sie dort immer von einem betagten Freund an der Haltestelle abgeholt. Dieses Mal nicht. „Er war der erste Corona-Tote in Sindelfingen, leider“, sagt Annette Schätzle. Als sie schließlich Zuhause war, habe sie sich in eine zweiwöchige Quarantäne begeben. „Mir geht’s gut, die Nachbarn kaufen für mich ein.“

Jetzt heiße es, die Krise gemeinsam durchzustehen, so die 71-Jährige, die schon ihren nächsten Trip plant. Im Winter will sie mit ihrem Rucksack zu Freunden nach Sri Lanka – wenn es möglich ist.

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