Derzeit sind viele mobile Impfteams in der Region Stuttgart unterwegs – aber der Mangel an Impfstoff wird zum Problem. Foto: Lichtgut/L. Piechowski

Mehr als 3,5 Millionen Erstimpfungen hat Baden-Württemberg bereits geschafft. Doch nun werden die Impfdosen plötzlich wieder knapp. Was bedeutet das für die Impfzentren in der Region Stuttgart – und was müssen Impfwillige jetzt wissen?

Region Stuttgart - Es klingt nach viel: Bis zum vergangenen Sonntag wurden in Baden-Württemberg mehr als 3,5 Millionen Erstimpfungen durchgeführt, knapp 900 000 davon in Arztpraxen. Dennoch reicht der Impfstoff nirgendwo aus, um der Nachfrage gerecht zu werden. Und in manchen Orten wird es momentan besonders eng. Woran liegt das? Und was bedeutet das für alle, die sehnlichst auf den Piks warten?

 

Zwangsurlaub für Impfmitarbeiter im Kreis Esslingen

Wer in einem der Kreisimpfzentren (KIZ) in Esslingen arbeitet und bisher keinen Urlaub hatte, muss diesen nun zwangsweise nehmen. Grund dafür seien „die aktuelle Impfstofflieferung beziehungsweise Lieferankündigungen für unsere Impfzentren“, erklärt der KIZ-Bezirksgeschäftsführer Marc Lippe in einem Schreiben an alle Mitarbeiter. Weil man vorerst weniger Mitarbeiter benötige, müsse man in den zwei Impfzentren auf Einschichtbetrieb umstellen.

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Für eine Vollauslastung eines KIZ bräuchte es 800 Impfungen pro Tag, erläutert Heike Peiker aus dem Esslinger Landratsamt. Das Land liefere derzeit aber nur so viel, dass 400 Personen täglich geimpft werden können. „Wir reagieren auf diese Lage, indem die Betriebszeiten vorerst eingeschränkt werden.“ Dafür seien teilweise Terminverlegungen nötig, es würden aber keine Termine abgesagt.

Der Oberbürgermeister ist „stinksauer“

Am 18. und 19. Mai sollte in Geislingen im Kreis Göppingen ein sogenanntes Pop-up-Impfzentrum eröffnen, in dem mobile Impfteams aus Ulm zusätzlich rund 600 Termine anbieten wollten. Nun machte das Ulmer Impfzentrum einen Rückzieher: Statt der 600 Impfdosen würden nur 300 geliefert, außerdem dürfen keine Termine an unter 70-Jährige vergeben werden. „Ich bin stinksauer“, verkündete Geislingens Oberbürgermeister Frank Dehmer – und sprach von einem „echtem Chaos“.

Im gesamten Land fehlt Impfstoff

Insgesamt ist die Lage in ganz Baden-Württemberg weiter unbefriedigend. Das räumt das Sozialministerium offen ein. Der Bund stelle dem Land nach wie vor zu wenig Impfstoff zur Verfügung. Das führe dazu, dass keines der Impfzentren unter Volllast laufen könne. In der vergangenen Woche seien täglich rund 52 000 Impfungen pro Tag in den Impfzentren und durch mobile Impfteams verabreicht worden. Möglich wären bis zu 80 000 Impfungen pro Tag, heißt es. Nach den bisherigen Prognosen des Bundes geht das Sozialministerium nicht davon aus, dass die Impfstofflieferungen im Juni erhöht werden.

Noch keine Terminabsagen im Robert-Bosch-Krankenhaus

Von einem echten Impfstoffmangel möchte Mark Dominik Alscher, medizinischer Geschäftsführer des Stuttgarter Robert-Bosch-Krankenhauses, noch nicht sprechen. „Es ist nicht weniger geworden, sondern nur nicht so viel wie erwartet“, sagt er. „Man hatte damit gerechnet, dass die gelieferte Impfstoffmenge im Mai deutlich höher ist.“ Dazu komme, dass das Impfen nun auf viele Köpfe verteilt sei – Impfzentren, Hausärzte, Betriebsärzte – und dadurch weniger Dosen in den einzelnen Einrichtungen zur Verfügung stünden. Bisher mussten im Robert-Bosch-Krankenhaus keine Impftermine abgesagt werden – „es können aber nicht zahlreich neue Termine eingestellt werden“. Wer geimpft werden wolle, solle überall versuchen, einen Termin zu bekommen, rät Alscher: beim Hausarzt, beim Betriebsarzt und in den Impfzentren.

Landkreise reagieren auf den Mangel

Rund um Stuttgart reagiert man unterschiedlich auf die geringeren Liefermengen: Im Kreis Ludwigsburg könnten nun keine neuen Ersttermine mit Biontech angeboten werden, sagt die Referentin des Landrats. Zunächst müssten die Zweittermine sichergestellt werden. Im Kreis Göppingen geht man – genau wie in Esslingen – davon aus, dass in den Impfzentren bald wieder auf einen Einschichtbetrieb zurückgefahren werde. Man sei „sehr überrascht“, dass weniger Dosen von Biontech geliefert wurden, als in Aussicht gestellt, sagt eine Sprecherin. Zudem könne es zu Engpässen bei Astrazeneca kommen, weil jetzt auch viele Personen unter 60 Jahren diesen Impfstoff wollen – die Nachfrage sei teils höher als erwartet. Astrazeneca war lange der älteren Generation vorbehalten, aber die Priorisierung wurde kürzlich aufgehoben.

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Auch im Kreisimpfzentrum in Waiblingen kommen die Impfdosen nur „kleckerlesweise“ an, wie es die Sprecherin des Landratsamts des Rems-Murr-Kreises formuliert. Deshalb decke man zunächst die Zweitimpfungen ab und stelle erst danach neue Ersttermine ein – „diese sind aber innerhalb kürzester Zeit vergeben“.

Im Kreis Böblingen kommen die Verantwortlichen an diesem Dienstag zum zweiten kreisweiten Impfgipfel zusammen. Dabei will der Böblinger Landrat Roland Bernhard mit Vertretern der Kreisärzteschaft, dem Pandemiebeauftragten des Kreises sowie Vertretern der Kommunen um die bestmögliche Verteilung der Impfstoffe sprechen. „Wir wollen uns gemeinsam für die ansteigenden Impfstoffmengen wappnen, die Bund und Land ab Ende Mai oder Anfang Juni in Aussicht stellen“, sagt Bernhard. „Wir wollen den Impfturbo starten.“ In mehreren Städten und Gemeinden hätten Hausärzte bereits nach Räumlichkeiten angefragt, in denen sie die Impfungen durchführen könnten. Diese wolle man nun unterstützen.

Der Impfstoff soll jetzt anders – und gerechter – verteilt werden

Der baden-württembergische Gesundheitsminister Manfred Lucha hat sich unterdessen am Montag mit den Leitern der Impfzentren im Land ausgetauscht. Ziel war es, sich auf eine gerechte Verteilung der vom Bund gelieferten Impfstoffmenge zu einigen. Für Baden-Württemberg sollen durchschnittlich 330 000 Impfdosen pro Woche geliefert werden. Künftig soll mehr davon in bevölkerungsreiche Landkreise gehen – und dorthin, wo die Impfquoten noch vergleichsweise niedrig sind.

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