Die Hospitalisierungsrate bestimmt die Coronaregeln im Land. Doch sie wird in Baden-Württemberg offenbar viel zu niedrig ausgegeben. In Stuttgart ist ein Schwellenwert schon jetzt überschritten.
Stuttgart - Seit Donnerstag entscheidet nicht mehr die Zahl der Infizierten, sondern jene der neuen Covid-19-Patienten in den Krankenhäusern darüber, welche Regeln in Baden-Württemberg gelten. Betroffen sind wie bisher schon fast alle Bereiche des öffentlichen Lebens. Allerdings ist zumindest einer von zwei Indikatoren unbrauchbar.
„Zeit“ und „Spiegel“ bestätigten jüngst eine SWR-Recherche, wonach die mit dem aktualisierten Infektionsschutzgesetz eingeführte Hospitalisierungsinzidenz wegen methodischer Schwächen systematisch zu niedrig ausfällt – um rund 80 Prozent. Erst mit zwei Wochen Verzögerung liegt der „tatsächliche“ Wert ins Krankenhaus eingelieferter Patienten vor. Dann ist es zu spät, um gegenzusteuern. Außerdem ist für die Coronaregeln im Land der tagesaktuell berichtete Wert ausschlaggebend.
Wendet man den von „Zeit“ und „Spiegel“ errechneten Faktor auf den zuletzt berichteten Wert für Baden-Württemberg an, würden wöchentlich nicht 2,3 Covid-Patienten je 100 000 Einwohner hospitalisiert, sondern 4. Damit wäre man deutlich näher an der von der Landesregierung neu eingeführten „Warnstufe“ bei einem Wert von 8, die für Ungeimpfte künftig PCR-Tests statt der bisher üblichen Schnelltests vorschreibt.
Stuttgarter Wert bereits bei „Warnstufe“
Wie viele Covid-19-Patienten kommen in die Kliniken? Eine Umfrage unserer Zeitung bei den Häusern in der Region Stuttgart bestätigt, dass die vom Landesgesundheitsamt veröffentlichte Hospitalisierungsrate deutlich zu niedrig ausfällt. Die Abweichung ist noch größer als die Berechnungen von „Zeit“ und „Spiegel“ nahelegen.
Am niedrigsten ist der Wert im Kreis Esslingen mit 4,1. Im Kreis Böblingen kommen aktuell je 100 000 Einwohner 4,6 Covid-19-Patienten im Krankenhaus an. Auch im Rems-Murr-Kreis (4,9) und im Kreis Göppingen (6,6) wird der vom Landesgesundheitsamt für ganz Baden-Württemberg berichtete Wert von 2,3 deutlich überschritten. In Stuttgart beträgt der Wert sogar 8,2 – und liegt damit über dem Schwellenwert für die neue Warnstufe. Es ist kaum anzunehmen, dass die weiteren Stadt- und Landkreise von diesem Muster abweichen, schließlich liegen die Corona-Infektionszahlen in der Region Stuttgart ziemlich genau im Landesschnitt.
Kennziffer taugt so nicht
Das Landesgesundheitsamt gibt keine offiziellen Hospitalisierungsinzidenzen für einzelne Stadt- oder Landkreise heraus. Weil die Hospitalisierungsrate landesweit festgestellt werde, hätten solche lokalen Werte auch „keine Relevanz“, sagt der Sprecher des Landratsamts in Ludwigsburg, Frank Wittmer. Das stimmt aus juristischer Sicht – für eine Lagebestimmung in der Pandemie sollte man dennoch wissen, ob die aktuell angewendete Kennzahl taugt oder nicht. In diesem Fall lautet die Antwort: er taugt nicht.
Dass es sinnvoll ist, die Entwicklung der Pandemie auch anhand der ins Krankenhaus eingelieferten Covid-19-Patienten zu bemessen, betonen Vertreter aller befragten Kliniken in der Region. Der Indikator habe ebenso seine Berechtigung wie die Anzahl der Intensivpatienten und die 7-Tage-Inzidenz der Infizierten, sagt beispielsweise Jan Steffen Jürgensen, der Vorstandsvorsitzende des städtischen Klinikums Stuttgart.
„Die Hospitalisierungsrate hat den Vorteil, dass sie die Belastung des Gesundheitssystems spiegelt und prinzipiell ein relevanter Indikator für die Krankheitslast ist“, erklärt Jürgensen. Es mache einen Unterschied, ob in einer Kita-Gruppe eine Reihe positiver Abstriche aufgefallen ist mit überwiegend asymptomatischen oder allenfalls leicht verschnupften Kindern – oder ob es einen Ausbruch in einem Altenheim gebe, mit einem hohem Sterberisiko der Betroffenen.
Ein robusteres Maß
Allerdings bestätigen die Recherchen unserer Zeitung die methodischen Mängel hinter der Kennzahl. Das Landesgesundheitsamt schreibt auf Anfrage, dass in die Hospitalisierungsrate jene bestätigten Corona-Infizierten einfließen, für die in der entsprechenden Meldesoftware eine Einweisung ins Krankenhaus vermerkt ist. Infizierte, deren Infektion schon vor mehr als einer Woche bestätigt wurde, werden nicht berücksichtigt – also etwa Patienten, bei denen die Covid-19-Erkrankung mehrere Tage lang mild verläuft, sich dann aber verschlimmert. Solche Krankheitsverläufe seien relativ häufig, heißt es aus den befragten Kliniken in der Region.
Anhand der Hospitalisierungen wird es also nicht gelingen, einem erneuten Anschwellen der Pandemie rechtzeitig entgegenzuwirken. Deutlich robuster ist der zweite Indikator, der die Warn- oder Alarmstufe auslösen kann, nämlich die Zahl der belegten Intensivbetten im Land. Derzeit sind es um die 200, bei mehr als 250 gilt die Warnstufe. Bis ein Patient allerdings auf der Intensivstation landet, vergeht in der Regel einige Zeit. Sollten die Intensivstationen im Herbst wieder voll werden, könnte es für Gegenmaßnahmen bereits zu spät sein.