Sparkassenpräsident Peter Schneider: Corona zeigt, dass außer einem intakten Klima auch eine funktionierende Wirtschaft lebensnotwendig ist. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Der Wirtschaft wird durch die Corona-Krise der Stecker gezogen. Kaum jemand kennt die Lage so gut wie Peter Schneider. Die 51 Sparkassen in seinem Verband finanzieren den Mittelstand.

Stuttgart - Der Mittelstand und die Banken stehen vor einer riesigen Aufgabe.

Herr Schneider, die EU-Notenbank EZB und die EU schnüren gigantische Rettungspakete für wirtschaftsschwache Staaten, die von der Corona-Krise betroffen sind. Wer soll für all die Verpflichtungen einmal aufkommen?

Es ist klar, dass in dieser Krise, wo das Leben von vielen Menschen bedroht ist, schnell gehandelt werden muss. Das tun jetzt neben den einzelnen Ländern auch die EU und die Europäische Zentralbank in gewaltigem Ausmaß. Unglaubliche Geldmengen werden gedruckt und in die Märkte gebracht. Diese Entschlossenheit hat an den Märkten durchaus Wirkung gezeigt. Aber je gigantischer diese Eingriffe werden, desto stärker stellt sich auch die Frage: Wie kommen wir da je wieder zur geldpolitischen Normalität? Das bereitet mir Sorgen.

Es gibt ja inzwischen auch Überlegungen, über gemeinsame Corona-Anleihen schwachen Staaten Geld zukommen zu lassen. Wird Corona dazu führen, dass Deutschland künftig für die Schäden der gesamten EU haftet?

Die humanitäre Katastrophe in Italien ruft nach schnellen Reaktionen, und da muss man jetzt helfen und darf nicht verzagt sein. Dort spielen sich fürchterliche menschliche Tragödien ab. Aber man muss auch an die Zeit danach denken, denn irgendwann wird die Krise ja überwunden sein. Schon jetzt ist klar, dass die Rettungsmaßnahmen bei allen Ländern zu einem sehr starken Anstieg der Staatsverschuldung führen werden. Wenn man jetzt anfinge, Schulden zu vergemeinschaften, würden die größten Probleme des einen plötzlich zu den Problemen der gesamten Währungsunion. Das wäre genau der falsche Weg.

Was wäre das richtige Vorgehen?

Man muss die Probleme der einzelnen Länder voneinander abkapseln, damit sie nicht überspringen können. Der EU und dem ­Finanzsystem ist am besten gedient, wenn jeder für seinen Bereich die Verantwortung übernimmt und ihn in Ordnung bringt. Bei der Bekämpfung des Coronavirus haben die Nationalstaaten jetzt genau diesen Ansatz gezeigt: Als klar war, wie stark sich das Virus ausbreitet, wurden sehr schnell die Grenzzäune hochgezogen und ganze Staaten abgekapselt. Eine solche Eigenverantwortung der Staaten haben wir auch bei den Schulden, und das sollten wir beibehalten.

Deutschland ist auch selbst stark betroffen; Nun will der Staat Firmen mit Milliardensummen über den Stillstand helfen. Wie lange kann das gut gehen?

Dass der Staat jetzt entschlossen eingreift und hilft, ist absolut notwendig und richtig. Ich sehe aber auch die Gefahr einer großen Fehleinschätzung. Der Staat erweckt derzeit den Eindruck, es sei auf alle Fälle genügend Geld da, um die Wirtschaft durch die Krise zu bringen. Das halte ich für eine gefährliche Überschätzung seiner Möglichkeiten.

Reicht das Geld also nicht?

Kein Staat ist unendlich leistungsfähig, auch nicht der deutsche. Über mehrere Monate oder gar ein Jahr könnte er einen Stillstand der Wirtschaft nicht ausgleichen. Deshalb kann man nur hoffen, dass bald eine Trendwende gelingt und das Herunterfahren der Wirtschaft Stück für Stück beendet werden kann.

Ein Großteil der mittelständischen Firmen finanziert sich über Kredite bei der örtlichen Sparkasse. Was bedeutet die Krise für die Sparkassen?

Die Krise betrifft die mittelständischen Unternehmen in der ganzen Breite und auch die Privatkunden. Wir stehen an der Seite unserer Kunden und können die ­Kreditvergabe schnell ausweiten, aber wir ­müssen uns auch auf hohe Belastungen einstellen.

Das klingt düster.

Es gibt aber auch einen Lichtblick, denn der baden-württembergische Mittelstand hat viel aus der Finanzkrise gelernt. Er hat viel Substanz aufgebaut und ist heute wesentlich widerstandsfähiger als damals. Auch die Sparkassen sind auf eine solche Situation besser vorbereitet als manche Bank aus dem Ausland, die mit Kampfkonditionen um Mittelständler geworben hat und sich nun zurückzieht.

Inwiefern?

Wir sind oft belächelt worden für unsere Aussage, dass wir gute Jahre nutzen müssen, um Substanz für schlechte Jahre anzulegen. Manche fragten uns, wovon wir überhaupt reden. Heute sind wir enorm froh, dass wir seit der Finanzkrise so viel an Kraft zulegen konnten, indem wir unser Eigenkapital gestärkt haben. Der baden-württembergische Grundkonsens kommt uns enorm zugute.

Worin besteht dieser Konsens?

Die Träger der 51 Sparkassen, also Gemeinden und Landkreise, haben immer entschieden, auf Ausschüttungen zu verzichten und Reserven für schlechte Zeiten anzulegen. Doch auch wir sind nicht grenzenlos leistungsfähig. Wenn es tatsächlich über Monate oder gar über ein ganzes Jahr so weitergehen sollte, gelangen auch wir an Grenzen.

Der Staat hat in der Corona-Krise in kürzester Zeit Grundrechte suspendiert und die Wirtschaftstätigkeit fast komplett unterbunden. Könnte es sein, dass derart harte Eingriffe künftig nicht nur gegen Corona, sondern auch gegen den Klimawandel gefordert werden?

Die Corona-Krise bewirkt, dass sich viele aufgeregte Diskussionen, die bis dahin geführt wurden, relativieren. Zudem kann man aus dem Vorgehen des Staates auch wichtige Lehren für die Klimadebatte ziehen. In dieser entstand ja zunehmend der Eindruck, man könne der Wirtschaft beliebige Einschränkungen auferlegen, weil sie ja grenzenlos belastbar sei. Nun aber sieht man plötzlich, wie schnell die Lage kippen kann, wenn die Menschen nur noch eingeschränkt arbeiten und konsumieren dürfen. Das kann auch für die Klimadebatte lehrreich sein. In ihr wird oft der Eindruck erweckt, die Politik müsse auf die Belange der Unternehmen und ihrer Beschäftigten keine Rücksicht nehmen. Jetzt in der Krise sehen wir, wie lebensnotwendig neben einem intakten Klima auch eine funktionierende Wirtschaft ist.

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