Jörg Fröscher ist Leiter einer Gemeinschaftsschule und Gewerkschafter. Foto: /Simon Granville

Jörg Fröscher sitzt für die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft im Landesschulbeirat, außerdem ist er GEW-Personalrat. Dass die Politik die Schulen bei der Digitalisierung nicht offensiver unterstützt habe, räche sich jetzt, sagt der 66-Jährige.

Kreis Ludwigsburg - Jörg Fröscher
leitet die Theodor-Heuglin-Gemeinschaftsschule in Ditzingen, eine Vorreiterschule in Sachen Digitalisierung. Dort sind nahezu alle Schüler mit Tablets ausgestattet und das Arbeiten über digitale Plattformen gewöhnt. Die Schule war daher gut gewappnet für die Krise – anders als manch andere. Fröscher ist aber auch aktiver Gewerkschafter und kommt viel an den Schulen im Land herum.

Herr Fröscher, „Schule zuhause“ fällt sehr unterschiedlich aus. Manche Lehrer sind digital mit den Schülern vernetzt, schicken ihnen selbst gedrehte Lernvideos und sind in permanentem Kontakt. Andere haben Arbeitsblätter für fünf Wochen ausgeteilt, und das war’s weitgehend. Ist das schulische Weiterkommen derzeit Glückssache?

Ein großes Problem ist, dass es keine durchgängige digitale Ausrüstung an den Schulen gibt. Ich komme, weil ich auch Fortbildner bin, viel im Land herum und sehe sehr große Unterschiede. Und selbst wenn die Ausstattung da wäre: Einer Schule helfen die tollsten Geräte nichts, wenn sie keine Breitband-Anschlüsse hat, damit möglichst viele Personen gleichzeitig ins Netz kommen und die Learning-Apps nutzen können. Das Problem haben noch viele Schulen, besonders im ländlichen Raum. Dass das Land die digitale Bildungsplattform Ella an die Wand gefahren und man sich viel zu lange über das Bildungspaket der Bundesregierung gestritten hat, rächt sich jetzt.

Auch standardisierte Kommunikations-Plattformen zwischen Schülern, Lehrern und Eltern sind Fehlanzeige.

Weil es auch rechtliche Grauzonen gibt, was etwa die Versendung von Material per Mail oder die Nutzung von WhatsApp gibt, müssen sich manche Schulen vermutlich über datenschutzrechtliche Bedenken hinwegsetzen. Das ist eine Güterabwägung. Plötzlich drängen nun auch Firmen mit vermeintlich maßgeschneiderter Software für Schulen auf den Markt. Ich hoffe, dass nicht manche Schule aus der Not heraus auf solche Angebote einsteigt, aus denen sie nicht mehr rauskommt.

Gibt es Mindestanforderungen, was die Lehrer von zuhause aus tun sollen, oder hängt das vom Einzelnen ab?

Die Lehrer sind weiter im Dienst, sollen aber, von den Schulleitungen abgesehen, die Schulgebäude nicht betreten. Es ist ihre Aufgabe, die Schüler vom Homeoffice aus mit Material und Arbeitsanweisungen zu versorgen. Dazu kann auch gehören, jüngere Schüler zuhause anzurufen – die sehnen sich ja teils richtiggehend nach ihren Lehrerinnen und Lehrern. Ich habe auch von Schulen gehört, die mangels digitaler Möglichkeiten wöchentlich Aufgaben per Post verschicken. Auch wenn es, wie in jedem Unternehmen, Ausnahmen geben mag: Was ich aus eigener Erfahrung und aus der GEW mitbekomme, aber auch, was ich von Eltern und Schülern höre, ist, dass viele kreative Formen und neue Ideen entstehen. Die Lehrer lassen sich tolle Sachen einfallen und stellen sie sich auch gegenseitig zur Verfügung.

Die Krise hat also etwas Gutes?

Wir haben sie uns natürlich nie gewünscht. Aber eine Erkenntnis ist, dass das Land und die Schulträger viel stärker in die digitale Infrastruktur der Schulen investieren müssen. Und dass sie Lehrer durch geeignete Fortbildung unterstützen müssen, statt wie zuletzt die Fortbildungsetats zu kürzen. Das ist ja vielleicht nicht die letzte Virenkrise.

In der Corona-Krise geht die Bildungsschere aber noch stärker auseinander als ohnehin schon: Kinder, deren Eltern im Homeoffice oder im Betrieb arbeiten müssen, können in der langen außerschulischen Zeit zuhause nicht adäquat unterstützt werden.

Das ist ein Problem. Ein anderes, unabhängig vom Coronavirus, ist: Dass der eine Schüler einen Top-PC mit Drucker und schnellem Internetzugang zuhause stehen hat, der andere aber nicht – das hat auch nichts mit Bildungsgerechtigkeit zu tun. Wie kann man guten Gewissens von beiden ein vergleichbares Ergebnis des Homelearnings verlangen? Auch in dieser Hinsicht müsste eine Art digitale Lernmittelfreiheit greifen. Die Bücher stellen wir ja auch kostenlos zur Verfügung.

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