Auf der Treppe am Schlossplatz wird zwar noch gefeiert. Aber es ist viel weniger los als normalerweise. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Im Stuttgarter Nachtleben spürt man die Unsicherheit wegen der Coronapandemie. An den typischen Hotspots ist viel weniger los als sonst. Einige Clubs haben bereits dicht gemacht.

Stuttgart - „Diggah, da drin muss man mit Maske chillen“, ruft ein junger Typ mit schwarzer Daunenjacke und dunkelblauer Jeans seinem Kumpel zu. Doch der andere reagiert nicht, er ist gerade im Gespräch. Die große Gruppe, bestehend aus vielen jungen Männern und einigen wenigen jungen Frauen, überquert auf Höhe des Rotebühlplatzes die Theodor-Heuss-Straße. Alle sind irgendwie zurecht gemacht, die Frauen haben ihre Haare geglättet, die Männer gegelt, fast alle tragen diese dicken Daunenjacken, die zurzeit alle anziehen. Die jungen Menschen, die schätzungsweise alle nicht älter als 25 sind, sind auf dem Weg in einen der Clubs auf der „Theo“, der Stuttgarter Partymeile.

Die Sieben-Tage-Inzidenz in Stuttgart lag am Freitag bei über 350. Ein Viertel der Menschen, die in Intensivbetten in baden-württembergischen Krankenhäusern liegen, ist dort, weil er oder sie sich mit Corona infiziert hat. Etliche Weihnachtsmärkte wurden abgesagt aus Infektionsschutzgründen. Wie kann man da noch auf die Idee kommen, in einem engen, stickigen Raum mit lauter Fremden zu feiern?

Kowalski und Fridas Pier haben bereits geschlossen

Tatsächlich haben einige Stuttgarter Clubs bereits entschieden, vorerst nicht mehr zu öffnen. Das Kowalski unweit des Stuttgarter Hauptbahnhofs etwa hatte am Donnerstag über Instagram mitgeteilt, dass der Technoschuppen „ab sofort bis auf unbestimmte Zeit“ geschlossen bleibe. Grund dafür sei die Alarmstufe II in Baden-Württemberg, die Pflicht zum Maskentragen im Club und die 2-G-Plus-Regel. „Damit ist Clubbing, wie wir es alle lieben, unmöglich geworden.“ Man sehe sich „irgendwann“ im Jahr 2022 wieder. Auch Fridas Pier am Neckar hat mitgeteilt, dass die neuen Regelungen der verschärften Alarmstufe es nicht erlaubten, „eine Clubnacht zu bieten, die diesen Namen auch verdient hat“, weshalb man alle anstehenden Events verschiebe und den Clubbetrieb vorläufig aussetze.

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Das alles spürt man am Freitagabend in der Stuttgarter Innenstadt: die Unsicherheit, aber auch, dass einige Bars und Clubs schon wieder geschlossen haben. Es fühlt sich ähnlich an wie vor gut einem Jahr, kurz bevor der lange Lockdown kam. Jetzt könnte man an einem Freitagabend beinahe vergessen, dass Wochenende ist, so ruhig ist es. Keine Menschenmassen an den typischen Hotspots wie Eckensee, Rotebühlplatz oder rund um das Rathaus. Es ist kaum Gegröle oder Musik aus mitgebrachten Boxen zu hören. Und plötzlich bekommt man sogar in den sonst überlaufenen Bars einen Sitzplatz; ganz ohne Reservierung.

Vor den Clubs gibt es Teststationen

Am meisten Feierpublikum ist am Freitagabend auf der Theodor-Heuss-Straße unterwegs. Dort versuchen es die Clubbetreiber noch – trotz Maskenpflicht und 2-G-Plus-Regel. An mehreren Stellen wurden Teststationen aufgebaut; davor bilden sich Schlangen. Die Menschen nutzen die Wartezeit, um noch schnell eine Weinflasche leer zu trinken oder ein Mischgetränk herumzureichen. Aus dem Nice Club und dem 7 Grad dröhnt englische und spanische Popmusik.

Auch Elina, ein Mädchen mit dunklen Haaren bis zu den Hüften, wäre gerne in einem Club. Doch die 17-Jährige ist noch zu jung. Also sitzt sie dicht gedrängt mit ihren Freunden auf der Treppe am Kleinen Schlossplatz, mehrere Flaschen mit Getränken gehen herum. Abstand halten? Dazu ist es zu kalt, die jungen Menschen wärmen sich gegenseitig. Ob sie sich wegen der momentanen Pandemieentwicklung Sorgen machen würde? „Nee, ich mach mir nicht so einen Kopf, ich bin seit Mai geimpft“, sagt Elina. „Jeder soll halt irgendwie drauf achten.“ Einer ihrer Kumpels reagiert sichtlich genervt auf die Corona-Frage, „ich wusste, dass es wieder nur darum geht“.

In Restaurants reicht noch ein 2-G-Nachweis

Wenige Hundert Meter weiter, rund um den Hans-im-Glück-Brunnen, ist kaum etwas los. Nur einige vereinzelte Menschen stehen draußen zwischen den Restaurants, Bars und Kneipen herum. Doch das ist kein Vergleich zu der Situation dort an Wochenenden, als Corona noch unbekannt war – oder auch zum vergangenen Sommer, als die Zahlen niedrig waren und viele Leute dachten, die Pandemie wäre nun vorbei.

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Weil in den meisten Bars am Hans-im-Glück-Brunnen auch Essen verkauft wird, reicht ein 2-G-Nachweis, um einzutreten. Wer geimpft oder genesen ist, braucht also nicht auch noch zusätzlich einen Test. „Ich finde die Regeln völlig in Ordnung so wie sie sind“, sagt Max, ein 26-jähriger Stuttgarter mit blonden, kurzen Haaren. Er hat über das Wochenende Besuch von seinem Freund Phil (25) aus Leipzig bekommen. Drinnen im Mata Hari sei es zwar voll, aber sie würden sich vorsichtig verhalten, erklären sie. „Und hier wird echt vorbildlich kontrolliert“, sagt Phil.

Ob sie heute auch deshalb ausgegangen wären, weil sie es noch einmal ausnutzen wollten, bevor möglicherweise alle Menschen wieder in einen Lockdown müssen? Max verneint, „aber ja klar, es kann sein, dass das alles bald nicht mehr möglich ist.“

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