Vor dem Katharinenhospital ist ein separater Zugang zu einer Corona-Ambulanz im Klinikum aufgebaut worden. Foto:Lichtgut/Leif/ Piechowski

Allgemeinärzte müssen ihre Angestellten und Patienten vor dem Coronavirus schützen – eine logistische Herausforderung. Eine Corona-Ambulanz ist eingerichtet, sie entlastet nun immerhin Gesundheitsbehörden und Ambulanzen.

Stuttgart - Angesichts der weiteren Ausbreitung des Coronavirus in der Region hat das Klinikum Stuttgart in Abstimmung mit dem Gesundheitsamt und der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg eine zentrale Corona-Ambulanz eingerichtet. Dort seien über das Wochenende 50, allein am Montag 100 Personen betreut worden. „Bei keinem dieser Patienten hat sich der Verdacht auf das Vorliegen einer Coronavirus-Infektion bestätigt“, so das Klinikum.

Keine Aufnahme ohne Arztzuweisung

Die zentrale Corona-Ambulanz und Diagnostikstelle ist über einen eigenen Zugang am Campus Mitte an der Kriegsbergstraße erreichbar und werde durch infektiologisch qualifizierte Mediziner des Klinikums betreut. Ein Oberarzt des Klinikums koordiniere die Abläufe, das Deutsche Rote Kreuz unterstütze die Ambulanz zusätzlich mit eigenem Personal. Grundsätzlich solle die Erstberatung über die niedergelassene Ärzteschaft oder das Gesundheitsamt der Landeshauptstadt Stuttgart erfolgen. Nur in begründeten Verdachtsfällen, so das Klinikum, solle eine Weitervermittlung an die Corona-Ambulanz erfolgen. Die Arztpraxen waren auf einen Ansturm nach den Ferien vorbereitet und warnen ihre Patienten mit Aushängen: „Es wäre möglich, dass Sie sich mit dem Coronavirus infiziert haben. Betreten Sie unsere Praxis daher bitte nicht, sondern rufen Sie uns an unter Telefon . . . Danke!“ – „Der Aushang ist Teil unserer Strategie, um Ansteckungen zu vermeiden“, sagt Frank-Peter Fischer aus der Hausärztlichen Gemeinschaftspraxis in Bad Cannstatt. Auch auf der Homepage bitten er und seine Kollegen Risikopatienten davon abzusehen, unangemeldet in die Praxis zu kommen.

„Dieser Montag war wie alle anderen auch“, sagt der Mediziner, „die Leute sind sehr vernünftig.“ Auch in der Praxis der Allgemeinmedizinerinnen Kölmel und Lettmann in der Heilbronner Straße blieb der Ansturm besorgter Urlaubsrückkehrer aus. „Es läuft alles ruhig, wir hatten keinen Verdachtsfall“, bestätigt Dr. Julia Lettmann. Auch sie und ihre Kollegin hatten per Zettel darum gebeten, im Verdachtsfall telefonischen Kontakt mit der Praxis aufzunehmen. Die Praxen haben sich auf eventuelle Verdachtsfälle eingerichtet: „Wir halten Masken und Schutzanzüge bereit, wir müssten dann unser Wartezimmer schließen und den Patienten in einem separaten Raum isolieren“, erläutert Frank-Peter Fischer. Bei, wie er sagt, „mehreren Hundert Kontakten pro Tag“ sei das Team mit der Abklärung eines Corona-Falls logistisch freilich an der Grenze. „Dass jetzt eine Ambulanz am Klinikum eröffnet wurde, halte ich für sehr sinnvoll“, so Fischer.

Tests nur mit Schutzausrüstung

Ein Arzt, der nicht namentlich genannt werden will, plädiert ebenfalls für ein zentrales Risikomanagement: „Die Schutzkleidungen sind ausverkauft und nicht jeder Arzt hat ein separates Wartezimmer, wo man einen Menschen mit Verdacht auf eine Corona-Infektion separieren könnte. Das gefährdet uns und das angestellte Personal. Ich fühle mich im Stich gelassen.“ Sinnvoll wäre auch gewesen, die Arztpraxen nicht mit der Beschaffung beim Großhandel allein zu lassen, sondern mit Lieferungen von Seiten der Behörden zu unterstützen.

Wie das Informationsfachblatt der niedergelassenen Allgemeinmediziner, „Der Hausarzt“, berichtet, habe die EU-Kommission den 27 Mitgliedstaaten eine gemeinsame Beschaffung von Schutzausrüstungen gegen das Coronavirus angeboten. Die EU-Länder hätten bis Montag, 2. März, Zeit gehabt, ihren genauen Bedarf anzugeben. Mittlerweile empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin den Niedergelassenen: „Praxen ohne Schutzausrüstung sollten nicht testen!“

Nicht jeder wird getestet

Hedda Reuß-Binstadt steht nicht hinter einer solchen Lösung. Die Ärztin aus Stuttgart-Mühlhausen ist eher bestrebt, die Ausbreitung des Virus so früh wie möglich zu unterbinden. Vergangene Woche sei sie von einem Patienten konsultiert worden, der in Mailand gewesen war und Husten bekommen hatte. Mailand war damals noch kein Risikogebiet. „Das Gesundheitsamt empfahl ihm, zu Hause zu bleiben, die Kliniken weigerten sich, ihn anzuschauen, das Labor machte die Untersuchung zunächst nicht, später dann auf Privatrechnung. Ergebnis: Zum Glück negativ, denn solche Einschränkungen führen dazu, dass man einer Pandemie hinterherhinkt.“

In Stuttgart-Vaihingen hat sich ein Lehrer selbst in Quarantäne begeben, weil sich bei ihm Halsweh, Schwindel und Heiserkeit zeigten. Weder war er im Risikogebiet, noch hatte er mit einem bestätigten Corona-Fall zu tun, aber unter der Schülerschaft sind auch solche, die zum chinesischen Neujahrsfest in der Volksrepublik waren. Am Ende testete der Hausarzt – zum Glück negativ.

Das Gesundheitsamt hatte trotzdem einen Schnelltest verweigert. „Sinnvoller wäre es, möglichst viele Patienten zu testen, die möglicherweise infiziert sind, bevor sie das Virus weitertragen“, meint Hedda Reuß-Binstadt.

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