In den Kliniken des Kreises Ludwigsburg werden Notfallbetten vorbereitet, das Krankenhauspersonal wappnet sich so gut es geht für eine Extremsituation mit vielen Schwerkranken. Foto: dpa/Bernd Wüstneck

Die Krankenhausleitung verschiebt in Ludwigsburg geplante Operationen, um Kapazitäten für Virus-Erkrankte zu schaffen. Unter den Infizierten ist auch ein Neuntklässler des Marbacher Gymnasiums. Derweil läuft die Notfall-Kinderbetreuung an. Hoteliers und Gastronomen sind verunsichert – und verärgert.

Ludwigsburg - Das Coronavirus hat den Landkreis im Griff. Immer mehr Veranstaltungen werden abgesagt, das soziale Leben kommt zum Stillstand. Gastronomen und Hoteliers klagen über einbrechende Gästezahlen. Und die Leitung der Regionalen Klinikenholding (RKH) hat sich zu einem drastischen Schritt entschlossen: Operationen und Behandlungen, die nicht lebensnotwendig sind, sollen verschoben werden. Wie lange, ist noch nicht absehbar.

Die Kliniken-Leitung reagiert

„Mit diesem ‚Shutdown’ wollen wir uns auf die in Kürze kommende, extreme Krisensituation vorbereiten und nicht erst dann Überlegungen anstrengen, wenn sie da ist und es zu spät ist“, sagt der RKH-Geschäftsführer Jörg Martin. Betroffen sind davon alle Kliniken der RKH.

Konkret geht es darum, Kapazitäten zu schaffen: Mitarbeiter können nach Hause geschickt werden, um im Ernstfall zur Verfügung zu stehen. Der RKH-Sprecher Alexander Tsongas stellt klar: Notfallbehandlungen und medizinisch notwendige Operationen und Behandlungen finden weiterhin statt. „Eine Tumor-Operation können wir nicht verschieben. Eine Geburt auch nicht“, sagt er. Andere Operationen wie beispielsweise am Knie, an der Hüfte oder an der Leiste ließen sich jedoch verschieben, ohne dass es lebensbedrohlich für den Patienten wird. Wer von dem Shutdown der Kliniken betroffen ist, wird von der RKH über die Verschiebung des Termins informiert. Aktuell habe man die Zahl der Behandlungen auf 40 bis 50 Prozent des Normalmaßes reduziert, sagt Tsongas. „Wir bereiten uns jetzt auf den schlimmsten Fall vor.“

Derweil ist die Zahl der Erkrankten im Kreis weiter gestiegen. Um 16 Uhr meldete der Katastrophen-Schutz im Kreis Ludwigsburg 98 bestätigte Corona-Erkrankungen, neun mehr als noch am Vortag. Die Behörden appellieren daher dringend, die Gefahr ernst zu nehmen und Sozialkontakte auf ein Minimum zu beschränken. Die Altersspanne der Erkrankten liegt mittlerweile zwischen vier und 96 Jahren. Fünf Personen werden stationär behandelt. Auch ein Schüler einer neunten Klasse des Marbacher Friedrich-Schiller-Gymnasiums ist infiziert. Das bestätigte Jürgen Sauter vom Schulleitungsteam.

Die Kita-Notfallbetreuung läuft an

Die Notfallbetreuung für Kinder in kommunalen Kitas läuft an. Kommunen wie Sachsenheim, Remseck, Bietigheim oder Ludwigsburg berichten, dass man für die Notfallbetreuung gewappnet sei. Ludwigsburg überlegt gar, jenen Eltern die Kita-Gebühren zu erlassen, die nicht in einem „systemrelevanten Beruf“ arbeiten und daher laut Erlass des Landes derzeit keinen Anspruch auf eine Kinderbetreuung haben. Die Kindertagesstätte des Klinikums Ludwigsburg bleibt für Kinder von Mitarbeitern geöffnet. Basis ist die Ausnahmegenehmigung des Landes für Beschäftigte im Gesundheitswesen.

Testzentrum ist überlastet

Die Corona-Teststelle im Ludwigsburger Klinikum ist mehr als ausgelastet: Mittlerweile wurde die Zahl der täglich abgenommenen Abstriche von 50 auf 100 erhöht – und immer noch ist es zu wenig. Wer sich beim Gesundheitsdezernat für einen Test anmelden möchte (0 71 41/14 46 98 44), kommt oft nicht durch. Das Landratsamt bittet nachdringlich darum, dass Personen nur in „begründeten Verdachtsfällen“ und nur nach telefonischer Voranmeldung zur Teststelle kommen sollen. Auch Pflegeheime verhängen einen Besuchsverbot.

Das Landratsamt macht dicht

Von diesem Dienstag herrscht in allen fünf Landkreisen der Region Stuttgart nur noch ein eingeschränkter Dienstbetrieb in den Landratsämtern. Das bedeutet: Persönliche Besuche im Landratsamt Ludwigsburg sind nur noch in Notfällen und nach vorheriger Terminabsprache möglich. Es gehe darum, „die Behördengänge auf das Allernotwendigste zu reduzieren“, sagt Kreissprecher Frank Wittmer. Bei den Agenturen für Arbeit in Ludwigsburg und Bietigheim kann man sich bis auf Weiteres nur noch per Mail (Bietigheim-Bissingen.112-Eingangszone@arbeitsagentur.de; Ludwigsburg.111-Eingangszone@arbeitsagentur.de) und Telefon (0 71 41/13 79 00) vorstellig werden, nicht mehr persönlich. Das Ludwigsburger Rathaus mit allen Außenstellen hat ab Mittwoch, 18. März, bis einschließlich 19. April, für den Publikumsverkehr geschlossen.

Weitere Absage von Veranstaltungen

Auch kleinere Veranstaltungen werden nun abgesagt, in Bietigheim-Bissingen beispielsweise die Stadtführungen. Das Blühende Barock Ludwigsburg öffnet formlos am 20. März, jedoch ohne Feier wie sonst. Der Märchengarten sowie der große Spielplatz beim Märchengarten bleiben geschlossen. In Kornwestheim wird der Stadtlauf am 26. April abgesagt. Der Ditzinger Lebenslauf wählt eine andere Option, um dennoch Spenden für Mukoviszidose-Kranke zu sammeln: Vom 22. April bis 3. Mai kann jeder Teilnehmer, egal wo auf der Welt, mitlaufen und seine Kilometer an das Organisationsteam melden und eine Spende überweisen.

Gastronomen hart getroffen

Die Krise trifft auch das Hotel- und Gaststättengewerbe hart. „Wir kämpfen aktuell an allen Fronten. Lebensmittel und Waren sind schwer zu bekommen. Es gibt überall Lieferengpässe. Gäste stornieren, und die Wirtschaftlichkeit leidet“, hat der Bietigheimer Sternekoch Benjamin Maerz am Samstag in einem Appell im Namen von fünf jungen Gastronomen aus dem Landkreis geschrieben. Bereits jetzt wurden seine Worte von der Realität eingeholt. Nach der Ansprache von Bundeskanzlerin Angela Merkel am Montagabend hat er beschlossen, sein Restaurant bis 2. April zu schließen, „zum Schutz von unseren Mitarbeitern und uns“, sagt er. Seine Mitarbeiter würden in Kurzarbeit gehen, außerdem würde eine geplante Woche Betriebsferien vorverlegt. Maerz klagt über unterschiedliche Angaben von Bund und Land: „Viele Gastronomen wissen nicht, woran man sich halten soll.“

Während der Bund Restaurants Öffnungszeiten vorgeben möchte, ist in der Anordnung der Landesregierung keine Rede davon. Andere Restaurants versuchen, die Verdienstausfälle wegen ausbleibender Gäste durch einen Lieferservice zumindest abzuschwächen. Daniel Ohl, der Sprecher des Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) Baden-Württemberg spricht von einem „föderalen Regelungschaos“ und fordert eine klare Ansage der Behörden und Perspektiven für die Betriebe: „Die Lage ist extrem bedrohlich.“ Er plädiert für „effektive, unbürokratische Entschädigungsregelungen“.

Was wird aus dem Landesturnfest?

Über die Ausrichtung des Landesturnfestes in Ludwigsburg Ende Mai gab es am Dienstag noch keine Gewissheit. Das Präsidium des Schwäbischen Turnerbundes tagte erst am Abend, seine Entscheidung war bis Redaktionsschluss nicht bekannt. „Aller Voraussicht nach“, werde es abgesagt, hatte die Stadt in der vergangenen Woche mitgeteilt. Das viertägige Sportfestival, das für den 21. bis 24. Mai terminiert ist, würde Zigtausend Menschen nach Ludwigsburg bringen.

Stattfinden kann hingegen die Wahl des neuen Ludwigsburger Bürgermeisters oder Bürgermeisterin. Die Sitzung des Gemeinderats am Mittwoch, 25. März, findet statt – und wird noch etwas bedeutender als ohnehin. Neben der Nachfolge von Gabriele Nießen wird in dieser Sitzung alles geregelt, was unaufschiebbar ist. Alle anderen Sitzungen bis vorerst zum 30. April sind abgesagt. Aus Gründen des öffentlichen Wohls haben Bürger ausnahmsweise allerdings keinen Zutritt zu der Sitzung im Kulturzentrum.

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