Die Notbetreuung ist mittlerweile ausgeweitet worden. Das sei zu wenig, meint die Familienpolitikerin Charlotte Schneidewind-Hartnagel. Foto: dpa/Monika Skolimowska

Die Familienpolitikerin Charlotte Schneidewind-Hartnagel (Grüne) sorgt sich vor allem um das Wohl der kleineren Kinder.

Stuttgart - Charlotte Schneidewind-Hartnagel, 1953 geboren, sitzt seit November 2019 für die Grünen im Bundestag. Die Betriebswirtin ist Mitglied im Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.Die Belange der Kinder kommen in der Corona-Krise zu kurz, meint sie.

 

Frau Schneidewind-Hartnagel, für Familienministerin Franziska Giffey war kein Platz am Corona-Kabinettstisch.

Das war ein großer Fehler. Ich verstehe überhaupt nicht, wie ein so wichtiges Ministerium übergangen werden kann. Die Krise wird überwiegend unter virologischen, epidemiologischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten beleuchtet, die Politik hört nur auf Wissenschaftler aus diesen Bereichen. Dabei gibt es viele Studien aus dem soziologischen Bereich, die zeigen, welche Auswirkungen es hat, wenn Kinder monatelang in häuslicher Isolation bleiben. Das hat zum Beispiel die Soziologin Jutta Allmendinger ausgeführt. Demnach können kleine Kinder in der Isolation entwicklungspsychologische Defizite entwickeln, die nie wieder aufzuholen sind. Bildungsdefizite kann man nachholen – aber wichtige Bausteine in der frühkindlichen Erziehung nicht.

Das klingt nach einer lebensprägenden Erfahrung.

Ja, vor allem um die jüngeren Kinder mache ich mir Gedanken. Die unsichere Situation verängstigt sie ohnehin, viele spüren die Belastung der Eltern und ihren Vertrauensverlust, etwa wenn die um ihren Job bangen. Dies erschüttert auch das Selbstvertrauen der Kinder. Und nicht zuletzt rückt die Chancengerechtigkeit im Bildungssystem in noch weitere Ferne. Manche Familien können ihren Kindern nicht dabei helfen, den Schulstoff zu Hause zu erarbeiten, selbst wenn sie es wollen. In vielen anderen Ländern gibt es die Summer School, hierzulande könnten Summer Camps angeboten werden für Kinder, die zusätzliche Unterstützung brauchen. Da müssen kreative Lösungen her.

Auch der Kinderschutz blieb auf der Strecke.

Absolut. So kam die Notbetreuung für Kinder, bei denen das Kindeswohl gefährdet ist, viel zu spät – und erst, nachdem viel Druck ausgeübt worden war. Wir hören auch immer nur, welchen Belastungen Mütter und Väter ausgesetzt sind. Aber die Kinder selbst kommen überhaupt nicht vor. Besonders gefährlich finde ich, dass niemand auf jene Kinder aufmerksam wird, bei denen sich die Gefährdungslage erst jetzt in der Krise entwickelt. An wen sollen sie sich wenden? Zwar gibt es im Moment keine höhere Zahl an gemeldeten Delikten, aber meist sind es ja Erzieherinnen, Lehrerinnen und Lehrer und Kinderärztinnen und -ärzte, die das anzeigen.

Was fordern Sie?

Ein erster Schritt wäre, sich bewusst zu machen, welche Folgen die Corona-Krise für Kinder haben kann. Wir bräuchten einen Betreuungsgipfel statt einen Autogipfel! Wenn die Kinder dann schrittweise wieder in die Einrichtungen zurückgehen, muss gezielt darauf geachtet werden, welche Kinder Auffälligkeiten zeigen. Aber darin sind Lehrerinnen, Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher mittlerweile gut geschult.