Ärzten, Supermarktmitarbeitern, und Rettungskräften gebührt in der Corona-Krise großer Dank. Doch es gibt auch Menschen, die weniger sichtbar Gutes tun: in Laboren, im Internet und anderswo.
Stuttgart - Viele Menschen leisten in den vergangenen Tagen und Wochen Großes, um das Land trotz der Coronapandemie am Laufen zu halten. An manchen Stellen passiert das weniger sichtbar als an anderen. Wir stellen einige eher unbekannte Helden der Krisen vor. Fünf Menschen berichten, vor welchen Herausforderungen sie derzeit stehen und wie sich ihr Job durch die Coronakrise verändert hat.
Rebekka Jahn, 41, ist Reinigungskraft in einem Altenheim in Heidenheim:
„Ich leite das Reinigungsteam im Wohnstift Hansegisreute in Heidenheim, reinige selbst aber auch mit. Als es los ging mit Corona habe ich mir Sorgen gemacht, dass einige meiner zwölf Mitarbeiter ausfallen könnten, weil sie kleine Kinder haben oder alleinerziehend sind. Das ist jetzt aber gar nicht der Fall. Alle haben die Betreuung irgendwie organisiert, worüber ich sehr erleichtert bin.
Früher haben wir alle zusammen morgens um halb acht angefangen und uns sozusagen schon zusammen umgezogen. Jetzt arbeiten wir zeitversetzt und jeder fest in einem Bereich, damit wir uns nicht so oft begegnen. Für das Team ist es natürlich schade, dass gerade nicht so viel Gemeinschaft möglich ist – und der Koordinationsaufwand ist sehr gestiegen. Trotzdem ist die Stimmung gut, jeder passt auf jeden auf.
Auch die Reinigung an sich hat sich verändert. Alle Kontaktflächen – zum Beispiel Türklinken, Haltegriffe in den Badezimmern oder Handläufe in Flur und Treppenhaus – werden ein- bis zweimal täglich desinfiziert. Ungewohnt ist für uns, mit Mundschutz zu arbeiten. Da hat man am Anfang das Gefühl, keine Luft zu bekommen. Aber man gewöhnt sich dran. Wir merken, dass die Bewohner viel mehr Redebedarf haben als sonst. Ist ja klar, weil niemand mehr zu Besuch kommen darf. Ich hoffe, dass wir es schaffen, in den nächsten Wochen so weiterzumachen wie jetzt – und natürlich, dass das Virus nicht zu uns ins Haus kommt.“
Melanie Grabs, 34, wertet Corona-Tests im Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart aus:
„Für viele Menschen gibt es gerade außer dem Coronavirus kein anderes Thema mehr. Auch im Labor mussten wir uns erst auf diese neue Herausforderung einstellen. In einem Krankenhaus warten ja noch viele andere Patienten auf ihre Diagnose, so läuft natürlich die bisherige Arbeit normal weiter. Die Coronavirus-Diagnostik kommt jetzt noch zusätzlich obendrauf.
Um das zu stemmen, fallen derzeit für uns zusätzliche Dienste und Überstunden an. Zum Beispiel war unser Wochenenddienst bisher nur mit zwei Personen besetzt, jetzt sind es bis zu vier Medizinisch-Technische Assistenten. Dies bedeutet für mich, dass ich zurzeit etwa jedes zweite Wochenende arbeite. Trotzdem setzt sich jeder von uns ein, und da der Zusammenhalt im Team super ist, macht mir meine Arbeit nach wie vor Spaß.
Ich beschreibe meine Tätigkeit gerne als Kriminalistik im Kleinen: Ich suche nach dem Übeltäter, der hinter einer bestimmten Krankheit steckt. Vom Verfahren her sind Corona-Tests ein Nachweis der sogenannten RNA, wie wir ihn schon von anderen Erregernachweisen kennen. Ungewohnt ist aber, dass wir derzeit immer wieder neue Geräte reinbekommen, deren Bedienung man in sehr kurzer Zeit erst erlernen muss. Dass ich zurzeit so viel Neues lerne, ist aus meiner Sicht ein positiver Effekt. Als Heldin sehe ich mich aber nicht. Ich übe meinen Beruf gern aus und freue mich, wenn unsere Berufsgruppe Gehör findet. Weil wir keinen direkten Patientenkontakt haben, werden wir schnell mal vergessen.“
Christine Schulze, 32, aus Stuttgart-Freiberg geht für einen älteren Herrn in den Supermarkt:
„Vor rund zwei Wochen habe ich mich bei der Nachbarschaftshilfe Stuttgart gemeldet. Ich hatte auf Instagram einen Aufruf gesehen, dass Freiwillige gesucht werden, die für Ältere oder für Menschen mit Vorerkrankungen einkaufen gehen. Seitdem war ich zweimal für einen älteren Herrn im Supermarkt, der nur ein paar Minuten zu Fuß von mir in Stuttgart-Freiberg wohnt und eine Lungenvorerkrankung hat. Beim ersten Mal bin ich erst einmal bei ihm vorbeigegangen und er hat mir einen Einkaufszettel und einen Briefumschlag mit Bargeld gegeben. Natürlich achten wir bei den Übergaben streng darauf, zwei Meter Abstand zu halten, sonst wäre das ganze ja für die Katz. Er bleibt in der Wohnung, ich stehe draußen im Flur.
Auf dem Einkaufszettel standen Zitronen, Bratfett, Bitter Lemon, Cola, Käse, Joghurt im Glas – aber auch Schwartenmagenaufschnitt, was ich persönlich zuvor noch nie gekauft habe. Da lernt man ganz neue Ecken des Supermarkts kennen. Wenn ich mir unsicher bin, sagt er immer: ,Frau Schulze, nehmen Sie einfach das, was Ihnen auch schmecken würde.‘ Das fand ich nett. Beim zweiten Einkauf waren es wieder ähnliche Lebensmittel. Allmählich lerne ich seine Routine kennen. Mit Einkaufstandems in der Corona-Zeit habe ich nicht nur privat in meiner Freizeit, sondern auch beruflich zu tun. Ich arbeite im Freiwilligenzentrum Caleidoskop des Caritasverbands Stuttgart. Insgesamt haben sich in den vergangenen Wochen 500 Freiwillige bei uns gemeldet, die auf unterschiedliche Art und Weise helfen wollen. Bei den Einkaufstandems sind bislang etwa 60 Pärchen entstanden.“
Till Eckert, 30, prüft Einträge im sozialen Netzwerk Facebook auf ihren Wahrheitsgehalt:
„Ich arbeite beim Recherchezentrum und Journalistenverbund Correctiv. Wir sind sogenannter Partner von Facebook in Deutschland. Das bedeutet, wir prüfen Meldungen, die auf der Plattform ganz stark kursieren und die von Facebook-Nutzern oder von einem Algorithmus als potenzielle Falschmeldungen markiert wurden. Rund um das Coronavirus gibt es sehr viele solcher Falschmeldungen im Netz. Teilweise können sie gefährlich sein, zum Beispiel, wenn es um vermeintliche Heilmittel gegen das Virus geht und Leser dann denken, sie müssten sich nicht mehr an Grundregeln wie Social Distancing und Hygiene halten.
Das Ausmaß der Falschmeldungen rund um Corona überrascht mich nicht. So etwas sehen wir häufig bei großen Nachrichtenlagen, die zu Verunsicherungen führen – und das ist bei Corona ja der Fall, weil selbst die Wissenschaft gerade erst dabei ist, das neue Virus zu durchschauen. Es gibt also eine große Unbekannte im Raum.
Wenn Menschen etwas nicht verstehen, suchen viele nach einer simplen Erklärung. Konnten wir eine Meldung als falsch identifizieren, melden wir das an Facebook zurück. Die Firma stuft dann die Reichweite des Posts herunter, sprich: diese Meldung wird nicht mehr so vielen Nutzern auf Facebook angezeigt. Ich denke, dass unser Tun dadurch zumindest punktuell eine Wirkung hat. Wir haben im Augenblick etwa acht Leute im Team in unterschiedlichen Beschäftigungsverhältnissen. Das ist viel Arbeit für jeden von uns, aber sie ist wichtig.“
Stefanie Kräupziger, 23, bearbeitet Anträge auf Unterhaltsvorschuss bei der Stadt Stuttgart:
„In meinem Job hat sich durch die Corona-Krise einiges verändert. Generell zahlen wir Unterhaltsvorschuss an Eltern aus, die alleinerziehend sind und keinen oder nicht ausreichend Unterhalt vom anderen Elternteil bekommen. In den letzten Tagen gingen schon die ersten Anrufe von Menschen ein, die wegen der Corona-Krise in Kurzarbeit müssen oder von Arbeitslosigkeit bedroht sind und deshalb sagen, dass sie den Unterhalt nicht mehr bezahlen können. Natürlich belastet es viele, wenn sie nicht mehr für ihr eigenes Kind aufkommen können. Diese Sorgen kriegen wir am Telefon zu spüren. Meine Kollegen und ich versuchen, den Anrufern gut zuzureden und ihnen Mut zu machen.
Wir erwarten, dass in den kommenden Wochen viel mehr Anträge gestellt werden als in gewöhnlichen Zeiten. Um Fragen besser beantworten zu können, haben wir auch unsere Telefonzeiten erweitert. Betroffene sollten am besten direkt mit ihrem Antrag alle notwendigen Unterlagen einreichen. Dann dauert es im Idealfall nur ein bis zwei Wochen, bis das Geld fließt. Personell aufgestockt haben wir zwar nicht, aber wir stellen andere Aufgaben derzeit zurück, damit wir uns nun in erster Linie darum kümmern können, Anträge noch schneller als sonst zu bearbeiten.“