Christian Drosten informiert inzwischen sogar in einem eigenen Podcast – dem „Corona Virus Update“ von NDR Info. Foto: dpa/Christophe Gateau

Vor wenigen Tagen war er den meisten Deutschen noch völlig unbekannt. Jetzt hören und lesen Millionen Bürger täglich seinen Rat – auf Twitter, in Talkshows und einem Podcast. Wer ist der Virologe Christian Drosten?

Berlin - Wuschelkopf, ernster Gesichtsausdruck, verständliche Sprache: So kennt inzwischen ganz Deutschland den Virologen Christian Drosten. Millionen Bürger hören und lesen, was der 47 Jahre alte Mediziner und Familienvater auf Twitter, einem Podcast, in Talkshows und Pressekonferenzen über die Corona-Krise sagt. Und eben nicht nur sagt, sondern anschaulich und klar erklärt.

Drosten, keine Frage, ist ein Glücksfall: ein brillanter Wissenschaftler, der seit Jahren über Coronaviren forscht, und es zugleich schafft, im Dialog mit den Bürgern genau so zu sprechen, dass jeder ihn versteht. Kein Wunder also, dass just dieser Drosten die Worte formuliert hat, die das aktuelle Geschehen auf den Punkt bringen: „Wir erleben eine Naturkatastrophe, die in Zeitlupe abläuft.“

Was Drosten rät, wird umgesetzt

Hat es je einen einflussreicheren Wissenschaftler in Deutschland gegeben? Die Politiker bestürmen ihn geradezu um Rat und hören auf ihn. „Die vergangene Woche war für mich ein Gehetze zwischen Ministerien und Senatsbehörden“, so Drosten am 13. März. Es gab und gibt eben viel zu klären.

Da plant der Berliner Senat, wegen der Schul- und Kitaschließungen wenige, zentrale Not-Kitas einzurichten, und sofort mahnt Drosten, das besser nicht zu tun. Es sei vom wissenschaftlichen Standpunkt aus betrachtet besser, viele kleinere Einrichtungen zu schaffen, weil dann weniger Eltern und Kinder an einem Ort zusammenkämen und so das Infektionsrisiko sinke. Kaum hatte Drosten diesen Rat vorgebracht, setzte ihn der Senat um. „Meine Hochachtung vor so viel Handlungswille und Engagement“, lautete prompt das Lob von Drosten.

Verschnaufpause für Politiker gefordert

Der Virologe, der auf einem Bauernhof in Niedersachsen aufwuchs und 2017 von der Uni Bonn an die Charité nach Berlin wechselte, ist nicht nur wissenschaftlich brillant und redegewandt. Er versetzt sich auch in die Lage, in der Politiker und Behörden versuchen müssen, die Krise von Tag zu Tag, mit immer neuen Entwicklungen zu managen.

So mahnt er, dass die Verantwortlichen jetzt mal eine Verschnaufpause bräuchten, um in Ruhe die weiteren Schritte zu überlegen. Es sei falsch, Politiker mit einer Dringlichkeitshaltung zu traktieren, also zu erwarten, dass sie sofort für alles und jedes gefälligst eine Lösung parat haben müssen. Jeder Bürger könne und müsse schon auch selbst verantwortungsvoll handeln. Hamsterkäufe? „Kompletter Unsinn“. Kneipenbesuche? Besser nicht, weil man da auf viele Personen treffe. Und um „mal was ganz Praktisches“ zu nennen, erzählt er, dass er lieber und schon vor Corona ein Flaschenbier trinke. Das sei besser als das Bierglas, „ wo noch so ein paar müde Spülmittelbläschen obendrauf dümpeln.“

Was stimmt, was nicht?

An diesem Wochenende hat Drosten neue Veröffentlichungen von Wissenschaftlern zu Corona gelesen und so nachgeholt, was zuletzt vor lauter „Gehetze“ zu kurz gekommen sei. Hunderte solcher Papiere sind in gerade mal zehn Wochen zusammengekommen, was ein echter Lichtblick in der Katastrophe ist, wie sie die Welt seit 100 Jahren nicht mehr erfahren hat.

Die These, dass das Schmerzmittel Ibuprofen Covid 19 verschlimmre, teilt Drosten nicht. Sie komme aus dubiosen Quellen. Und eine Studie, die besagt, dass das neue Virus lange auf Oberflächen verweile, hält er für extrem simpel. Der beste Rat sei immer noch: „Menschenansammlungen meiden.“

Was Drosten an manchen Journalisten nervt

Die Verantwortlichen im Staat und Gesundheitswesen sollten ohne Hektik und Angst beraten, ob weitere Schritte nötig seien. „ Die Zeit haben wir“, fügt er an. Deutschland habe früh mit Coronatests begonnen und die Krise erkannt.

„Vorwürfe, Schuldzuweisungen, Rechthaberei“ darüber, wer angeblich wann was versäumt hat: Das nervt Drosten ziemlich. Und ebenso die Arbeit von Journalisten, sofern sie seine Analysen aus dem Zusammenhang reißen, wie es vergangene Woche bei einer Einschätzung Drostens zu Schulschließungen vorkam. „Mehr mit Hintergrund und mit ein bisschen mehr Ruhe“: so wünscht er sich die journalistische Arbeit über die epidemiologische Lage und ihre ganz konkreten Folgen für den Alltag von 82 Millionen Bürgern.

Drosten als Gesundheitsminister?

Bei den weiteren Krisenberatungen von Bund, Ländern und Gemeinden wird Drosten wie gehabt mit von der Partie sein. Wie könnte es auch anders sein? Er kennt Coronaviren wie kein zweiter. Er war 2002 an der Entdeckung des SARS Virus beteiligt und hat den Test auf dieses Virus entwickelt.

Für seine Verdienste wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. „CD for Gesundheitsminister“, schreibt User „DJ Hazard“ auf YouTube und fügt vier Ausrufezeichen an. Sorry, „DJ Hazard“, das wird Drosten nicht. Politischen Ehrgeiz lässt er jedenfalls nicht erkennen. Aber enormen Einfluss hat er ja auch so.

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