Begehrter Impfstoff: Nicht alle sind gleich am Anfang dran. Foto: dpa/Felix Kästle

Im Seniorenzentrum Sonnenhalde in Musberg (Landkreis Esslingen) sind Pflege und betreutes Wohnen unter einem Dach vereint. Nicht alle Bewohner werden aber gleichzeitig gegen das Coronavirus immunisiert.

Musberg - Die Corona-Impfungen sind bekanntlich angelaufen. Während manche noch zaudern, muss ein Mann aus Musberg nicht überzeugt werden. Er will die Spritze. „Sofort“, sagt er, „das muss doch in meinem Interesse sein“. Der Mann ist über 80 und lebt im betreuten Wohnen im Seniorenzentrum Sonnenhalde. Seinen Namen will er nicht in der Zeitung lesen.

Mit Kritik an der Impfstrategie des Landes spart er nicht. „Hirnrissig“ findet er sie. Was ihn auf die Palme bringt: Während die Menschen, die im Awo-Heim stationär in der Pflege untergebracht sind, alsbald geimpft werden, sofern sie das wollen, ist hausintern fraglich, ob das Angebot auch für jene aus dem betreuten Wohnen gelten wird.

Termine und Impfstoff sind knapp

Die Alternative ist für den Mann, der sich im Rollstuhl fortbewegt, weitaus unbequemer. Mit über 80 hat er durchaus ein Anrecht auf die Immunisierung, allerdings müsste er sich eigenständig einen Termin in einem Impfzentrum besorgen und selbst hinfahren. In Stuttgart allerdings sind die Termine ebenso knapp wie der Impfstoff. Die Kreisimpfzentren sollen nach Auskunft des Landes zum 15. Januar starten. Und der Mann? Der wartet. „Am 23. Dezember habe ich einen Fragebogen bekommen und am gleichen Tag ausgefüllt abgegeben. Seither habe ich nichts mehr gehört.“

Auch Ronald Bachmann wartet. Er ist der Musberger Einrichtungsleiter. Er habe bislang weder einen Termin noch eine Rückmeldung der mobilen Impfteams erhalten, wie mit dem betreuten Wohnen verfahren wird. Er stellt klar: „Wir sind nicht diejenigen, die impfen.“

Seine Aufgabe sei es, Daten weiterzuleiten und die Infrastruktur zur Verfügung zu stellen. Doch er betont: Eine konzentrierte Impfung aller Hausbewohner sähe er gern. „Aus meiner Sicht macht es Sinn.“ 106 Personen seien in der Pflege, 18 im betreuten Wohnen. Zwölf dieser 18 hätten Interesse an einer Impfung signalisiert. „Ich würde mich freuen, wenn die zwölf befriedigt werden könnten.“ Ronald Bachmanns Wunsch wird sich aber erst einmal nicht erfüllen.

Betreutes Wohnen ist in der nächsten Stufe dran

Annette Seifert, eine Sprecherin des Stuttgarter Klinikums – dort sind die mobilen Impfteams angesiedelt –, teilt mit, dass man sich an die Impfverordnung des Bundes und die Bestimmungen des Landes halte. „Stationäre Bewohner von Heimen und das dortige Pflegepersonal werden früh geimpft. Das Impfen von Besuchern der Tagespflege oder Senioren im betreuten Wohnen folgt in den nächsten Stufen.“

Claudia Krüger, eine Sprecherin des Sozialministeriums, begründet dies mit der Knappheit des Impfstoffs und der komplexen Logistik. Derzeit gebe es im Land 45 mobile Impfteams. Die Zahl solle sich zwar mit dem Start der Kreisimpfzentren erhöhen, aber „bei knapp 100 000 pflegebedürftigen Menschen allein in stationären Pflegeheimen liegt aufgrund der begrenzten Kapazitäten der mobilen Impfteams der Fokus der Impfung derzeit auf den stationären Pflegeeinrichtungen“. Im betreuten Wohnen könne man sich besser schützen. „Ob und in welcher Form Bewohnerinnen und Bewohner von betreutem Wohnen, die immobil sind, zu einem späteren Zeitpunkt aufsuchend geimpft werden können, wird je nach Verfügbarkeit des Impfstoffs spätestens im Rahmen der Regelversorgung durch die Hausärzte erfolgen“, sagt Claudia Krüger.

„Die Gefahr ist doch selbstverständlich“

Dem Musberger Senior ist das alles unrecht. Eine gemeinsame Impfung hielte er für „unabdingbar“. Derzeit werde er auf seinem Zimmer mit Mahlzeiten versorgt – vom selben Personal, das auf den Pflegestationen tätig sei. Alle im Haus benutzten dieselben Aufzüge. „Die Gefahr ist doch selbstverständlich“, findet er.

Das Wort Gefahr benutzt er sowieso häufig. „Diese Zunahme an Corona-Fällen, das muss jedem klar sein, dass das eine große Gefahr ist, vor allem in meinem Alter.“ Auf der Sonnenhalde habe es bereits Covid-19-Fälle gegeben. „Weil es hier im Haus grassiert, ist es eine große Gefahr“, wiederholt er.

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