Mehrere Einzelhändler in Nürtingen nehmen es nicht hin, dass sie nicht öffnen dürfen. Deshalb gibt es nun Küchenrollen, Toilettenpapier und Nudeln in Läden, in denen sonst Klamotten oder Skateboards angeboten werden.
Nürtingen/Emmendingen - Zwischen T-Shirts und Jeans, Boxershorts und Gürteln, Hemden und Kleidern stehen Hunderte Klopapierrollen. Der Nürtinger Einzelhändler Frank Schweizer hat das Sortiment in seinem Modegeschäft Tresor jüngst etwas verändert: Er bietet nun auch Hygieneartikel an. Durch dieses sogenannte Mischsortiment darf er den Laden wieder regulär öffnen, obwohl der Sieben-Tage-Inzidenzwert im Landkreis Esslingen deutlich über 100 ist; am Mittwoch lag er bei 120,4. Eigentlich wäre ihm deshalb nur „Click and Collect“ erlaubt, also Ware an der Ladentür zu verkaufen. Nun können Shoppingwillige einfach vorbeikommen.
„Die Kunden finden das mega“, sagt Frank Schweizer. Ihm sei seit Anfang dieser Woche eine Welle der Sympathie entgegengeschwappt. Ohne mit der Wimper zu zucken, würden Kunden für fünf Euro eine Rolle Klopapier bei ihm kaufen. Finanziell gelohnt habe sich die Erweiterung seines Sortiments auf jeden Fall: „Ich habe eine Mail an die Stadt geschrieben und 50 Euro bezahlt – das war’s.“ Zuvor habe er sich durch die Coronaverordnung ungerecht behandelt gefühlt: „In Nürtingen hatte fast jeder Laden geöffnet, außer vier oder fünf Geschäften, die Mode, Schuhe oder Sportartikel verkaufen.“ Inzwischen sind andere seinem Beispiel gefolgt: So verkauft das Modegeschäft Street One seit Mittwoch Küchenrollen, der Boarderstore Nudeln. Dadurch können sie öffnen.
Im Modehaus gibt es nun auch Schnaps oder Nudeln
Die Nürtinger Einzelhändler sind nicht die Ersten, die auf die Idee gekommen sind, ihr Sortiment spontan zu erweitern. Bereits wenige Tage zuvor hatte in Emmendingen, rund 15 Kilometer nördlich von Freiburg, ein sogenannter Klopapier-Flagship-Store eröffnet. Dahinter steckt das Modehaus Blum-Jundt. Dort wurde vorige Woche spontan der Businessplan abgeändert. Jetzt wird nur noch auf einer Aktionsfläche Frühjahrsmode verkauft, „die nimmt 40 Prozent des Gesamtangebots ein“, sagt der Inhaber Marcel Jundt. 60 Prozent bestünden aus Toilettenpapier, Desinfektionsmitteln, Nudeln, Kaffee, Schokolade oder Schnaps. „Die Lebensmittel sind ausschließlich regionale Produkte, das Klopapier beziehen wir vom Großhändler um die Ecke“, sagt Marcel Jundt. Ein Achterpack Toilettenpapier kostet in dem Modehaus vier Euro.
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„Bei uns Modehändlern ist viel weniger erlaubt als in den meisten anderen Geschäften, darum haben wir die Produkte angepasst.“ Als Laden mit 350 Quadratmeter Fläche dürften sie momentan 35 Kunden parallel bedienen, „wir haben uns aber selbst 30 als Maximum gesetzt“.
Sogar das russische Fernsehen war schon da
Dank der Berichterstattung in diversen Medien sei momentan „sehr viel los“ bei ihnen, freut sich Marcel Jundt. Sogar im russischen Fernsehen sei das Emmendinger Modehaus schon gelaufen.
Doch wie ist die rechtliche Lage? Dürfen Händler so einfach die Coronaverordnung umgehen? Die Stadt Nürtingen hat den Sortimenterweiterungen der Händler bisher nichts entgegenzusetzen: „Die Kollegen des Ordnungsamts haben die Präsentation der Waren angesehen und festgestellt, dass augenscheinlich die Coronaverordnung eingehalten wurde“, sagt Clint Metzger, Sprecher der Stadt. Zudem existiere ein Hygienekonzept, dessen Einhaltung stichprobenartig geprüft werde.
In Nürtingen wartet man auf neue Vorgaben
Das Wirtschaftsministerium sehe eine Erweiterung des gewöhnlichen Sortiments allerdings als unzulässig an, denn Sinn und Zweck der Schließung des stationären Einzelhandels sei es, Kundenansammlungen und Kontakte zwischen Personengruppen zu vermeiden, sagt Metzger. Allerdings gehe die Argumentation des Landes bisher nicht darauf ein, dass es bereits Betriebe mit Mischsortiment gebe, in welchen es nun ein verstärktes Kundenaufgebot gebe. „Eine Differenzierung zwischen bestehenden und neu entwickelten Betriebskonzepten wirft in Bezug auf die Vorgaben des Gleichbehandlungssatzes Folgefragen auf.“
Der baden-württembergische Verwaltungsgerichtshof hat die Regelungen zur Vorgabe unterschiedlicher Verkaufsflächengrößen pro Kunde oder der Terminvergabe am Mittwoch gekippt. Das heißt, künftig könnten entweder alle Händler öffnen, oder die bestehenden Regeln müssten auch auf Buch- und Blumenläden ausgedehnt werden. Letzteres wurde in Nordrein-Westfalen jüngst entschieden: Dort müssen Kunden nun auch in Buchläden, Blumengeschäften und Gartenmärkten Termine vereinbaren. Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat bereits angekündigt, dies in den Gesprächen zum Erlass der neuen Coronaverordnung zu berücksichtigen. „Daher müssen wir warten, wie die Vorgaben des Landes aussehen, die ab Montag gelten sollen“, sagt Clint Metzger.
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