Das Corona-Schnelltestkonzept der Geschwister-Scholl-Schule in Tübingen könnte Blaupause sein fürs ganze Land. Bei Rektor Martin Schall rufen jeden Tag Ämter und Schulen an, die mehr darüber wissen wollen.
Tübingen - Ein bisschen Spannung sei immer dabei, sagt Ralf Mergenthaler und packt an seinem Einzeltisch im Klassenzimmer erst einmal das Wattestäbchen aus der Folie. Rein in die Nase, ein paarmal drehen, und dann schiebt er es in das Röhrchen mit der Pufferlösung. „Es ist extrem einfach“, sagt der 16-jährige Tübinger Gymnasiast und wirkt wie ein Profi beim Corona-Abstrich. „Ich mache es das zweite Mal“, sagt er, „es ist ein Privileg, dass wir hier testen dürfen.“
An der Tübinger Geschwister-Scholl-Schule wird bereits seit Wochen praktiziert, worauf sich das ganze Land vorbereitet: die Eindämmung des Coronavirus mit Do-it-yourself-Schnelltests. Nicht nur Lehrer streichen sich dort zweimal die Woche selbst ab, auch rund 300 Schüler in den Abschlussklassen und in der Notbetreuung greifen nach vorheriger Anleitung zum Stäbchen. Ein Novum in Baden-Württemberg, denn die Regierung setzt bislang nur auf Schnelltests beim Personal – und die sollen laut Kultusministerium umständlicherweise bei Apotheken oder Ärzten durchgeführt werden.
Rektor Schall: „Das Testen ist das A und O für die Öffnung“
Für Schulleiter Martin Schall ist eine Rückkehr zum Präsenzunterricht mit Selbsttests, Abstand und Masken der richtige Weg: „Die Angst vor Infektionen ist groß“, sagt der 51-Jährige und weiß, wie viel Sicherheit ein negatives Ergebnis vermittelt. „Das Testen ist das A und O für die Öffnung“, sagt Schall, mittlerweile sei es für die Schüler so normal wie das regelmäßige Händewaschen.
Es läuft alles reibungslos an diesem Freitagmorgen im Testzimmer, keine Schlangen, kein Chaos, die Fenster weit geöffnet. Die Schulsanitäter – „das sind zwei Schüler, die sind Weltklasse“, lobt Schall – haben die Materialien auf den Tischen verteilt, genügend Nachschub lagert vorne neben der Kreidetafel. Die ersten Schüler kommen rein und gehen zu freien Tischen, wo sie Platz nehmen. Auch Lehrer trudeln ein.
Schulsanitäter sind beratend vor Ort
Wer Fragen hat, kann sich das selbst gemachte Video noch einmal anschauen, das Schritt für Schritt alle Handgriffe erklärt, oder einen der Schulsanitäter ansprechen. Bei einem positiven Ergebnis geht es über den Schulparkplatz zur Praxis eines Arztes, der gleich einen zweiten Abstrich macht und ins Labor schickt. Von den bisher rund 1200 Tests sei nur ein einziger positiv gewesen, erzählt Schall, „allerdings falsch positiv“. Der Betroffene war gesund, wie weitere Untersuchungen ergeben hätten.
Blaupause für viele weitere Schulen im Land zu sein kann sich Rektor Martin Schall sehr gut vorstellen und ist verwundert, warum bis heute niemand aus dem Stuttgarter Ministerium den Kontakt gesucht hat. „Das war ein Riesenaufwand“, erzählt er, „da kannst du nicht einfach ein paar Tests ins Klassenzimmer werfen.“ Rund 300 Arbeitsstunden seien von vielen verschiedenen Beteiligten in das Konzept investiert worden. Es wurden Abläufe geklärt, Einverständniserklärungen der Eltern eingeholt, die Infrastruktur aufgebaut. Mit Hilfe der Tübinger Notärztin Lisa Federle seien die ersten Chargen bestellt worden. Kurz darauf hat die Stadt Tübingen zugesagt, die Finanzierung für die Tests an den Schulen und Kitas zu übernehmen.
OB Boris Palmer macht bei den Selbsttests Tempo
Für Rathauschef Boris Palmer ist klar: „Wir müssen unseren Kindern eine Perspektive bieten.“ Deshalb drückt der Grünen-Politiker bei den Selbsttests aufs Gas und ärgert sich darüber, dass das Land mal wieder viel länger braucht mit allem – angefangen bei der Beschaffung der neuen Nasaltests. Sie können nach einer kurzen Anleitung problemlos im Eigengebrauch verwendet werden und kosten nur wenige Euro. Palmer und Federle haben 200 000 Tests auf Vorrat bestellt und bei anderen Städten angefragt, ob sie nicht Interesse daran hätten. Der Rücklauf war enorm, etliche Kommunen greifen inzwischen auf die Tübinger Vorräte zurück.
Nach wenigen Minuten wird das Testergebnis von Ralf Mergenthalers Abstrich angezeigt. „Ein Strich, also negativ“, sagt er und freut sich auf den Kunstunterricht.