Antoni Bügler und seine Tante Patrizia bei den Kamelen und Dromedaren: Sie bieten einen Streichelzoo und bitten um Geld- und Futterspenden. Foto: Caroline Holowiecki

Der Circus Salto Mortale gastiert eigentlich immer erst zu Weihnachten in Filderstadt-Bernhausen. Jetzt ist die Familie samt ihrer Tiere trotzdem schon da – mit einer Idee, die aus der Not geboren wurde.

Bernhausen - Wer am lautesten schreit, bekommt am meisten ab. Das denken sich wohl die Rinder und muhen um die Möhren um die Wette. Ingrid Bergau hat einen ganzen Beutel voll gebracht, aber das Gemüse will auch noch an die anderen Tiere verteilt werden. „Ich mache es gern“, sagt die Frau aus Plattenhardt, während sie die Karotten durchs Gitter hindurch in weit geöffnete Mäuler steckt. „Ich hoffe, dass noch mehr Leute spenden.“

Seit einigen Tagen gastiert der Circus Salto Mortale am Ortsrand von Bernhausen. Mit Blick aufs Polizeirevier grasen auf einer Wiese Esel, Lamas, Pferde, Kamele und Dromedare. Besagte Rinder machen auf sich aufmerksam, daneben picken ein paar Hühner nach Essbarem.

Die Pandemie erlaubt erst mal keine Shows

Zwar ist das große Zelt aufgestellt, aber Shows wird es nicht geben. Die Pandemie erlaubt das erst mal nicht. Vielmehr ist die Zirkusfamilie Bügler mit einer anderen Idee nach Bernhausen gekommen. Patrizia Bügler druckst etwas herum, dann sagt sie: „Wir sind dankbar für jede Spende.“ Mit einer Art improvisiertem Streichelzoo wollen Akrobaten, Dresseure und Co. auf sich aufmerksam machen. Passanten dürfen sich den Gehegen unter Einhaltung der Corona-Hygieneregeln nähern. Im Gegenzug hoffen die Zirkusleute auf Geld- und Futterspenden. „Da wird vorne ein Kässle sein“, sagt Patrizia Bügler.

Artisten dürfen coronabedingt schon seit vielen Monaten nicht mehr auftreten. Sie können nichts verdienen. Dass die Situation für Familien wie die Büglers besonders prekär ist, erklärte kürzlich Johannes Bräuchle im Gespräch mit unserer Zeitung. Der Pfarrer ist bei der EKD, der Evangelischen Kirche in Deutschland, einer von acht Zirkus- und Schaustellerseelsorgern und betreut etwa 5000 Budenbesitzer, Artisten und Karussellbetreiber zwischen dem Saarland und Bayern.

Weder Einnahmen noch Erspartes

Die meisten Zirkusleute hätten weder Einnahmen noch Erspartes, und da sie keinen festen Wohnsitz hätten, fielen sie durchs Corona-Hilfsnetz. „Die sind an der Frage, wie organisieren wir das Überleben“, sagte Bräuchle. Es fehle an Lebensmitteln, Tierfutter und Gas zum Heizen. Oft bliebe nur das Betteln. Er sprach von einem Sterbeprozess der kleinen Zirkusse, „viele werden das nicht überleben“.

Patrizia Bügler bestätigt das Gesagte. Seit Monaten herrsche bei der mehr als 20-köpfigen Gruppe Ebbe. „Einnahmen null, Rücklagen auch null“, sagt die 44-Jährige, die Kosten liefen aber weiter. Zuletzt sei der Zirkus, der seit 1811 bestehe, in Rottweil gestrandet, dann in Aichhalden. „Das war für uns schlimm, wir sind es nicht gewohnt, so lang an einem Ort zu sein“, erklärt Patrizia Bügler. Für einige Zeit sollen die Zelte und Wohnwagen nun in Bernhausen bleiben. Viele Filderstädter kennen die Büglers schon. Zuvor hat der Circus Salto Mortale hier viermal sein Weihnachtsprogramm gezeigt.

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