Schnelles und entschlossenes Handeln ist wichtig im Kampf gegen Corona. Nicht nur daran hapert es, kommentiert Christian Gottschalk.
Stuttgart. - Auch wenn in den vergangenen 20 Monaten der Coronapandemie einige Fehler gemacht worden sind, eines hat erstaunlich gut geklappt: Der Politik ist es weitgehend gelungen, das Thema aus dem Bereich der täglichen Nickeligkeiten herauszuhalten. Das scheint sich gerade zu ändern. Aus der Union kommen gezielte Haken gegen die sich formierende Ampelkoalition, von dort sind Sticheleien gegen die scheidende Groko zu vernehmen. Berlin fragt sich, warum die Länder nicht zu Potte kommen, und in vielen der Provinzen wird laut über die Untätigkeit in der Hauptstadt geklagt. Dass sich das Coronavirus nicht von solchen Diskussionen aufhalten lässt, ist eine Binsenweisheit.
Schutzbehauptungen aus Berlin
Die zweite Binsenweisheit: Auf das Tempo kommt es an. Man muss sich nur an die Situation erinnern, wie sie vor ziemlich genau einem Jahr gewesen ist. Weil man den Menschen nicht zu viel zumuten wollte, hatte die damalige Regierung den Lockdown light erfunden. Das war zwar nett gedacht, hatte aber keinen Erfolg. Noch vor Weihnachten begann der zweite Lockdown. Die Lehre, die nicht nur daraus gezogen werden kann: Wenn es darum geht, die Verbreitung des Virus einzudämmen, dann ist es besser, schnelle und harte Maßnahmen zu verhängen – und die Zahl der Ausnahmen nicht zu groß werden zu lassen. Dass die neue Koalition nun auf eine technische Möglichkeit dafür verzichtet, indem sie die epidemische Lage von nationaler Tragweite nicht verlängert, ist ein gewaltiger Fehler. Die ampelkoalitionäre Begründung, dass dies rechtssicher nicht anders möglich sei, ist nicht viel mehr als eine Schutzbehauptung. Es gibt jedenfalls gute Gründe für eine gegenteilige Ansicht. So wie es gute Gründe gegeben hätte, die 2-G-Regeln auf die ganze Republik auszudehnen.
Weitere Planung ist nötig
Immerhin: Ein Großteil der Bundesländer hat vorgesorgt und Maßnahmen für den Fall eines Anstiegs der Infektionszahlen festgelegt. Ob diese jetzt, da sie in Kraft treten, auch ausreichen, ist eine ganz andere Frage. Wichtig ist die Erkenntnis, dass allein mit dem Ausrufen von Warn- und Alarmstufen die Arbeit noch nicht getan ist. Wenn der exponentielle Anstieg der Infektionen so weitergeht, dann kann das, was heute als Rekordzahl vermeldet wird, schon in vier Wochen als vergleichsweise harmlos erscheinen. Daher müssen weitere Maßnahmen vorbereitet und geplant werden. Deutlich mehr als eine Testpflicht in Pflegeeinrichtungen. Niemand will einen neuen Lockdown oder weitere Schulschließungen. Diese kategorisch auszuschließen ist allerdings absolut unseriös. Sich auf das Schlimmste vorzubereiten bedeutet schließlich nicht, sich dieses auch herbeizuwünschen.