Für alle, die nicht geimpft oder genesen sind, wird der Alltag zunehmend kompliziert werden. Wir haben mit drei Menschen gesprochen, die der Impfung gegen das Coronavirus skeptisch gegenüber stehen. Was treibt sie an, was befürchten sie?
Region Stuttgart - Der Sommer 2021 könnte zu dem Sommer werden, in dem die Menschen ihre Freiheit zurückbekommen haben. Die Inzidenz wurde unwichtig, Beschränkungen fielen, Auflagen verloren ihre Gültigkeit. Was lange nicht möglich war, wurde wieder möglich. Vielleicht wird das vergessen machen, dass der Sommer dieses Jahres auch aus Monaten bestand, in dem es noch immer Sorgen gab und Ratlosigkeit. Lange ersehnte Impfdosen versauerten, teure Impfzentren standen leer, die Impfquote kam nicht mehr vom Fleck. Es war die Zeit, in der Menschen, die lange gar keine Möglichkeit hatten, sich eine Spritze setzen zu lassen, plötzlich unter großen Druck gerieten. Ungeimpfte, so war zu hören, seien unsolidarisch und gefährlich für die Gesellschaft. Was macht das mit der Solidarität?
Gute Erfahrungen ohne Impfung
Angelika Schramm, Ende 40 und berufstätig, lebt mit Mann und drei Kindern in einem Reihenhaus im Kreis Ludwigsburg. Im Garten steht ein Hasenstall, auf dem Tisch ein Blumenstrauß. Angelika Schramm beschreibt sich selbst als offen, zugewandt und herzlich. Trotzdem hat sie lange überlegt, ob sie diesem Gespräch mit der Reporterin zustimmt. Schließlich sagt sie zu, in anonymisierter Form, deswegen haben wir in dieser Geschichte ihren Namen geändert.
Angelika Schramm findet reden wichtig und hält es für gefährlich, wie die Politik mit Ungeimpften umgehe. Als Angelika Schramm vor 20 Jahren zum ersten Mal schwanger war, hat sie sich ausführlich mit dem Thema Impfen auseinandergesetzt – und beschlossen: Ihren Kindern tut sie das nicht an. „Die Angst vor einer Krankheit, die man bekommen könnte, war kleiner als die Angst vor den Nebenwirkungen einer Impfung“, sagt Angelika Schramm, die offenbar Glück hatte: Die Kinder bekamen Windpocken, sonst nichts. Von Anfang an war für sie deshalb klar, eine Impfung gegen Corona ist ausgeschlossen. Noch dazu, wo so wenig über die Langzeitfolgen bekannt sei.
Erbitterte Auseinandersetzung
Jahrelang hat Angelika Schramm wegen ihrer Haltung keine Probleme gehabt. Dann und wann habe ein Kinderarzt verwundert geschaut und gemahnt. Groß erklären jedoch musste sie sich nie. Bis voriges Jahr.
Damals ging es noch um die Impfung gegen Masern. Ein Lehrer der Tochter meinte: Wer sich nicht impfen lasse, handle unverantwortlich. Mitschüler gängelten die damals 13-Jährige. Sie sei schuld, wenn Menschen sterben. Angelika Schramm stellte den Lehrer zur Rede, erklärt ihren Standpunkt, die Aufregung legte sich. Im Rückblick lässt sich darin wohl der Keim der jetzigen Debatte erkennen – von der Schramm sagt: „Das hat faschistische Züge.“
Als Beispiel zitiert sie den Kommentar eines ehemaligen FDP-Bundestagsabgeordneten. Der 74-Jährige hatte Impfgegner auf Facebook als „gefährliche Sozialschädlinge“ bezeichnet. Dass der Politiker seinen Post längst gelöscht hat, stattdessen in einem neuen Kommentar erklärt, dass seine Ausdrucksweise „nicht klug“ war, und dazu berichtet, dass er „umfassend beschimpft und bedroht“ wird – all dies spielt in diesem Moment im Garten keine Rolle.
Angelika Schramm schaut keine Nachrichten mehr im Fernsehen an. Sie liest keine klassischen Zeitungen, dafür „alternative Medien“, wie sie es nennt. Einige Weggefährten, sagt sie, habe sie durch die Coronadebatten verloren. Aber dafür auch neue gefunden. Wenn sie an den Besuch ihrer ersten Querdenker-Demo denkt, strahlt sie plötzlich: So viele Gleichgesinnte.
Wer miteinander spricht, heißt es, lernt, dass es oft mehr als eine Sichtweise gibt. Was aber, wenn die eine Seite die andere gar nicht mehr wirklich hören will?
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Misstrauen in die Regierung
Fritz Lukau ist Prokurist und Vertriebsleiter bei einem Versicherungsmakler, also erfahren und erfolgreich im Anpreisen von Produkten, die das Leben sicherer machen sollen. Sein Verkäuferherz, das sagt er selbst, müsste zurzeit eigentlich höher schlagen. Allerdings: Eine Impfung zum Schutz vor Corona anzupreisen, das kommt für Fritz Lukau nicht infrage. Auf gar keinen Fall!
Lukau ist 55, er läuft gerne und fährt Motorrad, pflegt einen Garten mit 15 Obstbäumen, glaubt an Gott und schwört auf die Naturheilkunde. Seit er sie vor 20 Jahren für sich entdeckt hat, sei er nicht schlimmer krank gewesen, sagt er. Eine Impfung für sich selbst schließt er aus. Weil er ein gesundes Immunsystem habe, weil er nicht an einem Experiment teilnehmen wolle, vor allem aber, weil sie nicht nötig sei.
Lukau hat VWL studiert, er sagt, er liebe Zahlen. Die Zahlen, die er über Corona sieht, lassen ihn in seinem Büro in Ostfildern sagen: „Die Statistiken sind das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt sind.“
92 000 Coronatote allein in Deutschland haben nichts zu bedeuten? „Auch ohne Corona sterben pro Woche 22 000 bis 25 000 Menschen“, sagt Lukau überzeugt. Was ist mit den vielen Alten, die in den Heimen starben, wie die Fliegen? – „Der Tod gehört zum Leben“, so sein Fazit. Und die vielen Bilder von den ausgehobenen Massengräbern in Brasilien? Fritz Lukau sieht darin „Panikmache, Propaganda.“
Düstere Prognosen
Lukau hat für alles andere Erklärungen. Er glaubt, dass die Regierung im von Corona überdeckten Hintergrund an einem anderen Ziel arbeite: der Einführung des Sozialismus. Aus seinem Mund sprudeln Worte wie Überwachung, Kontrolle, Planwirtschaft, Enteignung der bürgerlichen Mitte, Umverteilung. Der Versicherungsprofi ist, wie er sagt, Mitglied der Atlas-Initiative; einer Gruppe, die eine Revolution für nötig hält und deren Vorsitzendem das Wochenmagazin „Der Spiegel“ in einem Artikel vom Mai dieses Jahres „rechte Umsturzfantasien“ bescheinigt.
Strikte Impfgegner, heißt es, seien nicht zu beeinflussen. Was aber, wenn sie selbst wiederum andere beeinflussen?
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Ein schwierige Entscheidung
Wäre Sonja Miller geimpft, hätte sie diesen ganzen Stress nicht gehabt, der ihr vor ihrer Reise nach Spanien die Nerven raubte. Was muss sie bei der Einreise beachten? Und was bei der Rückreise? Welche Dokumente muss sie besorgen? Wann kann sie sich wo PCR-testen lassen? Auf die Reise zu verzichten war für sie keine Option. Der Anlass war eine Hochzeit, und sie die Trauzeugin.
Die Krux an der Geschichte: Sonja Miller wäre eigentlich gerne schon längst geimpft.
Sonja Miller ist Ende 20, lebt im Kreis Böblingen und arbeitet als Kauffrau in einer Führungsposition. Weil der Grund für ihre bisherige Impfskepsis ein ziemlich persönlicher ist, möchte sie nicht mit ihrem echten Namen in der Zeitung stehen. Sonja Miller möchte schwanger werden. Nicht sofort, aber schon so, dass sie genau wissen will, ob eine Impfung gegen Corona womöglich schädlich wäre für eine Schwangerschaft.
Zwei Ärzte, zwei Meinungen
Sie fragt ihren Hausarzt: „Kein Problem“, sagt er. „Lassen Sie sich ruhig impfen.“ Sicherheitshalber fragt sie auch ihre Frauenärztin. Sie sagt: „Man weiß noch so wenig, lassen Sie es daher eher bleiben.“ Sonja Miller ist verwirrt. Vielleicht bringt die Spritze den Zyklus brutal durcheinander? Vielleicht steigert die Spritze sogar die Gefahr einer Fehlgeburt? Oder vielleicht macht die Spritze am Ende unfruchtbar? Ihre Recherche im Internet kann die Fragezeichen nicht endgültig ausrotten. Sonja Miller entscheidet: „Ich lass es erst mal bleiben.“
Seither ist fast ein dreiviertel Jahr vergangen. Viele von Sonja Millers Freunden und Bekannten haben sich inzwischen impfen lassen und keine nennenswerten Beschwerden davongetragen. Das Bundesgesundheitsministerium versichert auf seiner Homepage jetzt unmissverständlich, dass eine Beeinträchtigung der Fortpflanzung auszuschließen sei.
Und für alle, die nicht geimpft oder genesen sind, wird der Alltag zunehmend kompliziert werden. „Bald kann man wohl nicht mal mehr spontan einen Kaffee trinken gehen“, mutmaßt Sonja Miller, die nach ihrer Rückkehr aus Spanien noch fünf Tage in Quarantäne verbringen muss.
Die Entscheidung ist gefallen
Wenn die vorbei ist, das weiß sie jetzt sicher, wird sie sich impfen lassen. Die Frau, die lange nicht wusste, auf wen sie hören soll, sagt nun: „Jetzt höre ich auf mich.“
Mitte August hat die Landesregierung angekündigt, dass es für Genesene und Geimpfte kaum noch Einschränkungen geben wird. Angelika Schramm und Fritz Lukau beeinflusst das in ihrer Entscheidung jedoch nicht. Seit der Ankündigung der Landesregierung, hat das Sozialministerium festgestellt, lassen sich wieder deutlich mehr Menschen gegen Corona impfen. Ob es so bleibt?