Die Corona-Dunkelziffer ist hoch und viele Jobs fallen weg – Kenia leidet unter der Pandemie. An einer Schule in Nairobi haben die Menschen aber auch andere Sorgen.
Nairobi - Ja, die kenianische Gesellschaft macht das ganze Prozedere mit wegen Corona: die Maskenpflicht in den Bussen, auf Märkten und in Läden, das Fiebermessen vor den Shopping-Malls, die corona-bedingten Anmeldeformalitäten bei Reisen. Der Staat ist sehr streng, und wegen der Ausgangssperre sind die in normalen Zeiten nachts belebten Straßen der lebenslustigen Hauptstadt Nairobi mit ihren Grill-Restaurants und Nachtklubs von 22 Uhr an wie ausgestorben. Nairobi, eine Geisterstadt, ab 21 Uhr beeilen sich alle, um pünktlich zu Hause zu sein – und wer es nicht schafft, der muss der Polizei ein „kiti kidogo“, ein kleines Schmiergeld, zahlen.
Gewaltsamer Tod von zwei Studenten wegen Ausgangssperre
Wochenlang hat ein Vorfall die Nation in Atem gehalten: Weil sie die Ausgangssperre missachteten und sich zu spät auf den Heimweg machten, waren zwei Brüder – Studenten im Alter von 22 und 19 Jahren – in der Provinz Embu in Polizeigewahrsam genommen worden, drei Tage später fand man ihre Leichname auf der Straße – die Obduktion ergab, dass ihr Tod durch stumpfe Gewalteinwirkung herbeigeführt worden waren. Niemand glaubt der Polizei, die Brüder seien aus dem Polizeiwagen gesprungen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt und hat mittlerweile mehrere Polizisten wegen Mordverdachts in Haft genommen.
Strenge Corona-Regeln an Privatschule in Nairobi
Spätestens seitdem spaßt keiner mit den Corona-Regeln. Aber wie wirkt die Pandemie im Alltag, wie beeinflusst sie das Leben? Stippvisite in der privaten Gentiana-Primar-Schule in Nairobi – erste bis achte Klasse, 300 Schüler, 60 Kindergartenkinder und angegliedert 56 Berufsschüler für Elektrotechnik. Vor mehr als zwei Jahrzehnten war die Schule mit Schweizer Spendengeldern vom damaligen Afrikakorrespondenten des Züricher „Tages-Anzeigers“, Peter Baumgartner, gegründet worden, heute arbeiten dort fast 30 Lehrkräfte und Erzieherinnen. „Als private Schule müssen wir die vom Erziehungsministerium erlassenen Corona-Regeln strikter einhalten als staatliche Schulen, denn da drängen sich manchmal rund 100 Kinder in einer Klasse wie vor Corona“, sagt Baumgartner. Fiebermessen dreimal am Tag, Maskenpflicht im Unterricht und auf dem Pausenhof, selbst beim Singen und Sport. Ab und zu schauen Inspektoren der Schulbehörde vorbei, da will man nichts anbrennen lassen. Vor jeder Klasse stehen Wassertanks mit Seife zum Händewaschen, drei Zelte sind aufgestellt, um die Klassen teilen zu können, für die älteren Schüler sind „Universitätspulte“ angeschafft worden, damit der Mindestabstand besser eingehalten wird.
Hohe Dunkelziffer der Corona-Zahlen vermutet
Die Schule liegt am Rande der Hüttensiedlung Kawangware, zwei Welten scheinen hier aufeinanderzuprallen. „Unsere Schüler müssen auf dem Heimweg die Maske tragen, aber zuhause kümmern sich viele Eltern nicht um Corona, glauben nicht, dass es existiert“, sagt der Lehrer Peter Otieno. Die Gefahr der Pandemie ist da, aber greifbar ist sie eigentlich nicht. Keiner im Lehrerkollegium weiß auch nur von einem einzigen schlimm verlaufenen Corona-Fall. Die offizielle Statistik – nimmt man die Zahlen der global recherchierenden John-Hopkins-Universität in den USA – nennen 4900 Corona-Tote für das 53-Millionen-Einwohner-Land Kenia (Deutschland 93 000 Tote) und 244 000 Corona-Infektionen (Deutschland 4,1 Millionen). Die Dunkelziffer könnte hoch sein, angesichts von mangelnden Testkapazitäten.
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Bereitwillig antworten Schüler der Abschlussklasse auf die Frage, wie Corona ihr Leben verändert hat. „Wir müssen sogar beim Fußballspielen die Maske tragen, das ist schwierig“, sagt der 14-jährige Emanuel. Die gleichaltrige Hanna bedauert, dass die Fahrt zu einem Musikfestival, wo sie hätte singen sollen, abgesagt worden sei, und der 16-jährige Manuel bemerkt, dass er wegen Corona ein Jahr länger in die Schule gehen müsse, da seine Prüfung verschoben worden sei. Neun Monate lang waren die kenianischen Schulen komplett im Lockdown, bis zum Dezember 2020 komplett geschlossen – auch für Afrika ein negativer Rekord.
Lockdown kostet viele Eltern den Job
Das von Corona ausgelöste Elend umreißt der 14-jährige Peter mit wenigen Sätzen: „Meine Mutter hat früher zweimal in der Woche im Hotel gearbeitet. Mit Corona hat sie den Job verloren, das hat sie hart getroffen. Sie ist zurück in ihr Heimatdorf gegangen.“ Nun habe die Familie finanzielle Probleme. Bei der Schulleitung ist die soziale Folge der Coronakrise längst bemerkt worden.
Es fing damit an, dass sich die Anmeldezahlen im Januar für die mit Spendengeldern aus Europa ausgestattete Schule verdreifachten, viele kenianische Privatschulen „unter Wellblechdächern“ waren nach dem Neun-Monats-Lockdown einfach pleite. „Schon vor der Corona-Krise fühlten sich die Schüler bei uns zuhause, durch die verschärfte Armut ist die Beziehung der Kinder zur Schule noch enger geworden“, sagt Rektorin Thiedora Nyagilo. Viele Eltern seien wirtschaftlich am Anschlag, die Schule sei zum Rückzugsort für die Kinder geworden, die Lehrer übernähmen Elternfunktionen. Neben dem Frühstück und dem warmen Mittagessen – Maisbrei und Bohnen, nie Fleisch – bietet die Schule neuerdings ein kostenloses Abendessen, da kämen Dutzende Schüler hungergetrieben extra in die Schule – ein Novum wegen Corona, sagt Nyagilo. Auch erlaube man den Schülern jetzt samstags und sonntags für ein, zwei Stunden in die Schule zu kommen, das werde gut angenommen.
Schule wird für Kinder zum Rückzugsort
Viele der Eltern arbeiten als Tagelöhner, als Waschfrauen, Bauarbeiter, Haushaltshilfen oder Kellner – mit Monatseinkommen von umgerechnet 20 bis 50 Euro. Mit der Coronakrise, den monatelangen Schließungen von Hotels, Restaurants und anderen Betrieben sind sehr viele Jobs weggebrochen. Als Lehrerinnen und Lehrer – um ein Beispiel zu nennen – neun Monate im Lockdown waren, entließen sie ihre Kindermädchen und wuschen ihre Wäsche selbst. Die Krise aber schwelt weiter: Laut Kenias Nationaler Statistikbehörde ist die Zahl der Arbeitsplätze von März bis September von 17,8 auf 15,9 Millionen gesunken. Der Wirtschaftswissenschaftler Kwame Owino sagt, dass junge Leute, die im informellen Sektor arbeiten, also keiner geregelten Beschäftigung nachgehen, überdurchschnittlich stark vom Jobverlust betroffen seien. Das berge das Potenzial, dass sich die Kriminalitätsrate erhöhe.
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Global betrachtet, scheint Afrika mit weniger als vier Prozent der weltweit und offiziell erfassten Infektionen am Rande der Coronakrise zu liegen, als Hotspots gelten Südafrika, Marokko oder Tunesien. Vermutlich wegen der unsicheren Datenlage ist Kenia vom Robert-Koch-Institut auch als Hochrisikogebiet eingestuft worden, für die devisenbringende Tourismusindustrie ist das verheerend. Auch bei der einstigen Kolonialmacht Großbritannien steht Kenia auf der roten Liste, die britische Tui hat alle Reisen bis 9. Oktober abgesagt, ein Rückschlag auf einem wichtigen Markt. Manche Medien stufen die Sanktionen als neue „Apartheid“ gegen ein afrikanisches Land ein, aber selbst das kenianische Gesundheitsministerium hat kürzlich eingestanden, dass erst zwei von 100 Kenianern einen vollen Impfschutz haben. Rektorin Theodora Nyagilo sehnt ein Ende der Krise herbei. „Wir wollen die Kinder der Ärmsten soweit fördern, dass sie auf eigenen Füßen stehen“, sagt sie. Von Eltern, die arbeiten, wird umgerechnet ein eher symbolischer Schulbeitrag von 15 Euro jährlich verlangt „damit sie an die Verantwortung für ihr Kind erinnert werden.“ Aber auch das werde wegen Corona schwieriger.