Für Tausende Menschen in der Region Stuttgart ist es nicht bei einem Mal Corona geblieben. Daten aus den Gesundheitsämtern zeigen erstmals, wie wahrscheinlich eine Reinfektion ist.
Seit Jahresbeginn haben sich deutlich mehr als 70 000 Menschen in Baden-Württemberg zum zweiten oder dritten Mal mit dem Coronavirus infiziert. In Stuttgart gibt es sogar zwei Menschen, die sich bereits vier Mal nachweislich angesteckt haben. Das ergeben Daten, die unsere Zeitung beim Landesgesundheitsamt und den Gesundheitsämtern in der Region Stuttgart abgefragt hat. Rechnet man die Werte auf Deutschland hoch, hätte sich seit Jahresbeginn mehr als eine halbe Million Menschen mindestens zum zweiten Mal nachweislich angesteckt.
Reinfektionen sind derzeit vielfach ein Gesprächsthema, weil ein neuerlicher positiver PCR-Test für viele Genesene überraschend kommt. Die Gesundheitsämter übermitteln im Fall einer Reinfektion diese Information in der Regel auch ans Landesgesundheitsamt (LGA) – „sofern der Befund aufgrund ausreichenden zeitlichen Abstands zu vorherigen positiven Befunden fachlich als solche eingestuft wird“, sagt der Sprecher des Kreises Göppingen, Holger Bäuerle.
Die Zahlen tauchen weder in den Lageberichten des LGA noch in jenen des Robert-Koch-Instituts (RKI) auf. Deshalb ist bislang nicht öffentlich bekannt, wie viele der bald 25 Millionen bestätigten Ansteckungen deutschlandweit Reinfektionen sind.
Der Anteil von Reinfektionen im Südwesten beträgt laut LGA aktuell 3,8 Prozent. Im Januar hatte er bei 2,4 Prozent gelegen, im Oktober 2021 bei 0,6 Prozent. Weil die in den Omikron-Wellen überlasteten Gesundheitsämter vermutlich nicht alle Reinfektionen erfassen, sei der tatsächliche Anteil höher, so das LGA. Von den sechs Gesundheitsämtern in der Region können nur Stuttgart und Göppingen konkret Auskunft zu Reinfektionen geben. In größerer Zahl treten wiederholte Ansteckungen seit Spätherbst 2021 auf, als die Omikron-Variante ins Land kam. Seit Jahresbeginn 2022 zählt das Stuttgarter Gesundheitsamt 2035 Reinfektionen, das entspricht einem Anteil von etwa zwei Prozent. Im Kreis Göppingen waren es 1437 Fälle (2,7 Prozent). Die Daten aus den Gesundheitsämtern passen zur Studienlage. Die Omikron-Variante kann den Schutz durch eine Impfung oder Genesung teilweise nach wenigen Wochen unterlaufen. Das gilt umso mehr, seitdem die Untervariante BA.2 dominiert. Sie verdrängte BA.1, die seit dem Spätherbst zur ersten größeren Welle von Reinfektionen geführt hatte. Omikron trifft also in erster Linie Menschen, die 2020 oder 2021 mit einer anderen Variante infiziert waren – in selteneren Fällen als BA.2 auch jene, die sich bereits mit BA.1 angesteckt hatten.
Für die Betroffenen ist das in aller Regel eher ärgerlich als lebensbedrohlich, weil die Erkrankung bei Zweit- und Drittinfektionen meist milde verläuft. Doch zumindest in vielen privaten Gesprächen sind Reinfektionen gerade ein Thema – und ein Rätsel, was den weiteren Verlauf der Pandemie betrifft. Warum werden sie nur so lückenhaft erfasst?
Anteil bei knapp vier Prozent
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Reinfektionen nur lückenhaft erfasst
Vier der sechs Gesundheitsämter in der Region Stuttgart können oder wollen auf Anfrage keine Zahlen nennen. Die vorliegenden Daten seien wenig belastbar, heißt es aus Ludwigsburg. Böblingen erklärt, die Ermittlung der Werte sei zu aufwendig.
Das Esslinger Gesundheitsamt argumentiert inhaltlich: Mit Sicherheit könne man Reinfektionen nur mittels einer relativ selten durchgeführten Genomsequenzierung erkennen. Andere, per PCR-Test nachgewiesene Mehrfachinfektionen gelten in der Terminologie des Robert-Koch-Instituts als „möglich“ oder „wahrscheinlich“. Sie sind in den hier berichteten Zahlen auch enthalten. Weil in der Esslinger Datenbank den einzelnen Patientenakten aber auch positive Schnelltests zugeordnet würden, könne die Zahl mehrfach PCR-positiver Personen nicht ermittelt werden.
Das Gesundheitsamt des Rems-Murr-Kreises schloss sich auf Nachfrage dieser Argumentation an. Zumindest diese beiden Kreise melden Reinfektionen also bestenfalls lückenhaft. Daher betont das Landesgesundheitsamt, dass es vermutlich sogar noch mehr Fälle gebe als berichtet.
Mehrfachinfektionen häufen sich seit Jahresbeginn
Umso aufschlussreicher sind die Daten der Stuttgarter und Göppinger Gesundheitsämter. Bis Jahresende 2021 gab es nur einige Dutzend Fälle, seit Januar dagegen in beiden Kreisen weit mehr als tausend Reinfektionen. In Stuttgart haben sich bislang 2316 Menschen nachweislich zwei Mal mit dem Coronavirus infiziert. In 43 Fällen erkrankten Patienten drei Mal. Zwei Stuttgarter hatten sogar vier Corona-Infektionen.
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Je nachdem, welche Dunkelziffer man annimmt, hatten also die meisten Menschen höchstens einmal Corona – bis jetzt. Fälle wie die beiden Stuttgarter Vierfachinfizierten sind extrem selten, kommen aber auch anderswo vor. Die britische Gesundheitsbehörde hat in England 98 Viertinfektionen gezählt. Der Anteil von Mehrfachinfektionen ist auch hier seit Jahresbeginn 2022 stark gestiegen, liegt aber mit rund zehn Prozent wesentlich höher als hierzulande.
Wie viele Reinfektionen erkannt werden, hat auch viel mit dem Testsystem zu tun. Noch ist die wiederholte Ansteckung kein Massenphänomen, auch wenn wegen der teils sehr milden Verläufe längst nicht alle erkannt werden. Doch mit jeder bestätigten Infektion wächst die Zahl derer, die sich erneut infizieren können und wahrscheinlich auch werden – wegen der „einfachen Trilogie aus einer übertragbaren Variante, nachlassendem Immunschutz und weniger Vorsichtsmaßnahmen“, wie der Londoner Immunologe Danny Altmann jüngst zum britischen „Guardian“ sagte.