Wandern kann erholsam sein. Foto: imago images/Shotshop/kb-photodesign via www.imago-images.de

Der Trend zum Naturerlebnis im Urlaub kann wertvoll sein – wenn manches neu gedacht wird.

Stuttgart - Schon in normalen Zeiten wird der Sommerurlaub oft überfrachtet. Der Stress eines ganzen Jahres soll abgebaut, zugleich Körper und Geist angeregt und optimiert werden, die Fotos jedenfalls müssen in den sozialen Medien vorzeigbar sein, sonst haben sich der Urlaubsstress und das Geld gar nicht gelohnt. Corona hat diese Erwartungen an unsere Freizeit noch potenziert und in einen Trend verwandelt: Alle raus in die Natur. Dort soll die ganze Erholungsagenda in Wald und Flur für alle möglich sein, in voller Bewegungsfreiheit und ohne Maske, in den Ferien als Familienvariante mit Kinderprogramm. Ärger, Frust und Naturzerstörung sind programmiert.

 

Was der Freizeitmensch mittlerweile so alles in und mit der Natur treibt, ist oft genug mindestens merkwürdig. Die Pandemie leuchtet auch die Fehlentwicklungen im Outdoortourismus grell aus. Als das öffentliche Leben im Frühjahr zum Erliegen kam, entdeckten viele Deutsche die Natur als Freizeitraum neu, begannen zu wandern und Rad zu fahren wie selten zuvor, und das in Zeiten, in denen der Zeitgeist ohnehin Funktionsjacke und nachhaltige Cargohosen vorschreibt. Weil Neulinge gezwungenermaßen auf Bewährtes setzen, waren und sind die Trampelpfade der Naherholungsgebiete und der pittoresken Naturklassiker vom Brocken bis Berchtesgaden bis heute voll wie die Königsstraße in Vor-Corona-Zeiten.

Wer die Natur nur gebraucht, missbraucht sie

Wanderer, Mountainbiker, Stand-up-Paddler, Gleitschirmflieger, Trailrunner, Picknicker, Sommerfrischler und Naturschützer zoffen sich im knapp gewordenen Naturraum wie nie, Anwohner geplagter Durchfahrtsorte organisierten aus Protest Straßensperren. Es droht der Freizeitkollaps. Alle wollen raus in die unberührte Natur und treffen dort doch wieder nur auf ihresgleichen. Das Recht auf Erholung und Selbstverwirklichung endet für viele eben nicht dort, wo das des anderen beginnt, sondern im Konflikt – ein großes Paradoxon des Outdoortourismus.

Ein noch größeres entsteht durch die Benutzung – oder dem Missbrauch – der Natur als Mittel zum Zweck. Sie dient oft nur als Kulisse, als Spiegel der eigenen Identität, als Freizeitpark. Um sie zu vermarkten, wird sie nicht nur exzessiv erschlossen, sondern auch noch technisch ertüchtigt, um übernatürliche Events zu kreieren – mit Seilstegen, Glasböden, Hängebrücken, Aufstiegshilfen, künstlichen Aussichtspunkten und Glaskuppeln etc. In Wahrheit wird die Natur dadurch ein Produkt, ihres Charakters beraubt, ihrer Unberechenbarkeit, ihrer Vielschichtigkeit, ihrer verborgenen Schönheit, die zu entdecken es Zeit braucht, Kenntnisse, Offenheit, manchmal Demut.

Ein anderes Naturverständnis hilft uns allen

Die Pandemie könnte unser Leben verändern, heißt es oft. Der Umwelt wäre es zu wünschen. Jetzt könnte die Mehrheit der Menschen dieser Natur zuhören und zusehen, versuchen, sie zu verstehen, sie zu erfühlen. Das dient nicht nur der Erholung. Wer die vertrocknenden Wälder, die schmelzenden Gletscher, die Monokulturen, die Artenarmut selbst erlebt, gewinnt ein anderes Naturverständnis. Daraus entstehen politische Prioritäten, mit deren Hilfe die großen Probleme der Biosphäre leichter lösbar sind.

Daneben müsste der Outdoortourismus konsequent ökologisch organisiert werden: mehr Zugreisen, weniger weite Tagesausflüge, weniger Parkplätze und Bergbahnen, mehr Straßensperrungen für Verbrennungsfahrzeuge, eine nachhaltige Planung von Outdooraktivitäten, notfalls Zugangsbeschränkungen für touristische Hotspots. Und die Wirtschaftskraft des Tourismus? Wäre vielerorts ersetzbar durch andere dezentrale Wirtschaftsstrukturen, politischer Wille vorausgesetzt. Weniger wäre mehr – gerechter, nachhaltiger, erholsamer, humaner. Aber wer fängt damit an?