Die Zeit zum Handeln wird knapp, das Coronavirus läuft uns davon, sagt Dr. Dieter Böhm Foto: (Michael Raubold Photographie

Der Hausarzt Dr. Dieter Böhm fordert eine bessere Koordination von kommunalen Behörden und Ärztevertretern, um die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen und für Schlimmeres gerüstet zu sein.

Marbach - Der Marbacher Arzt Dr. Dieter Böhm kann es nicht fassen: Er hatte vergangenen Mittwoch – „zum Glück als letzten Patienten und nicht im Wartezimmer“, wie er jetzt sagt – einen älteren Mann in seiner Praxis, der über Fieber und Kopfschmerzen klagte. Das Krankenhaus, in das er den Patienten überwiesen hat, als die Antibiotikabehandlung nicht anschlug, stellte am Samstag fest: Der Mann hat sich mit dem Coronavirus infiziert. Erfahren hat dies Böhm allerdings weder vom Krankenhaus noch vom Gesundheitsamt, sondern von der Frau des Patienten. „Dabei ist doch klar, wer den Mann eingewiesen hat, da muss man doch reagieren und mich informieren“, ereifert sich Böhm.

Er hat dann jedenfalls am Montag binnen einer Stunde den gesamten Praxisbetrieb runtergefahren und macht 14 Tage lang dicht. Denn Schutzkleidung und Atemmasken, die laut Gesundheitsamt die Voraussetzung für eine Fortsetzung des Praxisbetriebs wären, sind seit Wochen nicht mehr erhältlich. Wann und wo er etwas bekommen kann? „Keine Ahnung“, sagt Böhm. Und deshalb fordert er eine zentrale Koordination durch „Leute, die sich mit Krisensituationen auskennen und schnell und strukturiert handeln“.

Als Beispiel nennt er Bundeswehr, Feuerwehr, THW oder DRK. Aktuell gebe es viele, aber wenig hilfreiche Informationen aus unterschiedlichen Quellen. „Warum“, so fragt er, „gibt es nicht die Möglichkeit, dass jede Arztpraxis bei einer zentralen Stelle meldet, was fehlt, und dann das Nötige bekommt, sowie es verfügbar ist? Und warum hakt nicht mal jemand noch, wo die angekündigte Ausrüstung bleibt?“ Jedes Amazon-Paket könne man verfolgen, nur bei notwendiger Schutzausrüstung funktioniere das trotz gegenteiliger Versicherungen seitens der Politik und in die Hand genommener Milliardensummen offenbar nicht.

Dennoch, sagt Böhm, könnte er eigentlich seine Praxis fortführen. Aber nur, wenn man ihn und sein Team ebenfalls auf Corona testen würde. „Doch das sei nicht möglich, sagte mir die Behörde.“

Lieber nehme man in Kauf, dass eine ganze Arztpraxis geschlossen werde, regt der Mediziner sich auf. Und das, obwohl die niedergelassenen Ärzte dringend benötigt würden, damit nicht jeder ins Krankenhaus gehe, der glaube, möglicherweise mit dem Virus infiziert zu sein. „Der Test hätte bei uns wohl angeschlagen; der Kontakt mit dem Patienten ist ja schon ein paar Tage her“, ist Böhm überzeugt.

Die Frau im Gesundheitsamt, obwohl selber auch Ärztin, habe aber offenbar gar nicht verstanden, worum es ihm bei der Frage nach einem Coronatest für ihn und seine Mitarbeiter gehe – darum nämlich, seiner wichtigen Arbeit weiter nachgehen zu können. Die Frage sei für ihn übrigens nicht: „Wer ist schuld?“, sondern: „Wie können wir’s besser machen?“, betont der Arzt.

Es habe bislang zwei Voraussetzungen für einen Coronatest gegeben, die beide zugleich hätten gegeben sein müssen, sagt dazu Andreas Fritz vom Landratsamt: Zum einen musste man Symptome haben, zum anderen mit einer infizierten Person in Kontakt gekommen sein oder sich in einem Risikogebiet aufgehalten haben. Das Robert-Koch-Institut habe nun jedoch die Bedingungen geändert: Es reiche ab sofort auch aus, wenn jemand Symptome habe. Das Material für die Coronatests reiche trotzdem aktuell und in der kommenden Zeit noch aus.

Kontakt mit dem Patienten hatte aber auch dessen Ehefrau. Und da sie symptomfrei sei, gehe sie nach wie vor zur Arbeit, hat Böhm direkt von ihr erfahren. „Da fällt mir nichts mehr ein“, so der Hausarzt. Dem Landratsamtssprecher Fritz dagegen schon: „Wer sich in so einem Fall nicht freiwillig in Quarantäne begibt, bei dem wird sie angeordnet.“ Das scheint bislang aber versäumt worden zu sein. Böhm fragt sich jedenfalls: „Wenn es jetzt schon mit den relativ wenigen Patienten nicht funktioniert, wie soll das dann werden, wenn wir wie Italien noch mehr Fälle bekommen? Denen sind wir schätzungsweise neun Tage hinterher. Und jeder Tag, den wir verlieren, kostet Menschenleben.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: