Aufgrund von Corona fehlen Intensivkapazitäten. Foto: dpa/Vincent Jannink

Herzleiden, Krebs, Malaria und andere Krankheiten fordern viele Menschenleben. Wie reiht sich da Covid-19 ein? Und wie viele Lebensjahre gehen eigentlich durch Corona verloren? Die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Stuttgart - Tuberkulose, Malaria, Aids: Es ist erschreckend, wie schnell Corona die globalen Sterbezahlen wichtiger Todesursachen seit Anfang des Jahres überholt hat. Anfang Juni überschritt die von dem Virus Sars-CoV-2 verursachte Krankheit Covid-19 weltweit die Marke von 400 000 Todesopfern. Um den 20. Juni setzte sie sich an die Spitze der Tabelle und wurde so zur weltweit tödlichsten Infektionskrankheit. Aber wie sieht es in Deutschland aus? Wir geben Antworten, wie gefährlich Sars-CoV-2 ist.

 

Wie war die Sterblichkeit in Deutschland im vergangenen Jahr?

Im Jahr 2019 sind in Deutschland laut Statistischem Bundesamt 939 520 Personen gestorben – das waren 1,6 Prozent weniger als 2018. An erster Stelle lagen wie schon im Vorjahr mit 35,3 Prozent die Herz-Kreislauf-Erkrankungen – wobei deutlich mehr Frauen als Männer daran gestorben sind. Es folgen mit rund einem Viertel aller Verstorbenen die Krebsleiden. 4,4 Prozent der Fälle waren auf eine nicht natürliche Todesursache wie Verletzung oder Vergiftung zurückzuführen.

Wie hat sich das 2020 geändert?

Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern wie etwa Spanien und Großbritannien, in denen es im Frühjahr eine deutliche Übersterblichkeit gab, ist Deutschland recht glimpflich durch die Pandemie gekommen – zumindest bis Ende Oktober. Bis dahin lagen gemäß Statistischem Bundesamt die Sterbezahlen im Normalbereich. Auch im Frühjahr pendelten die Zahlen um den langjährigen Durchschnitt von 20 000 Sterbefällen pro Woche.

Allerdings betont das Amt, dass die Situation ohne Kontaktbeschränkungen und Lock-Down-Maßnahmen „eine andere wäre“. Inzwischen steigt die Zahl der Corona-Toten zudem so deutlich, dass sich dies zum Jahresende hin auch in der Sterbestatistik niederschlagen dürfte. Bis Mitte Dezember sind hierzulande rund 22 500 Menschen an und mit Corona gestorben. Ein Lichtblick: Auch bei sehr betagten Patienten ist die Sterblichkeit im Krankenhaus im Vergleich zum Beginn der Pandemie gesunken.

Welche Bedeutung hat die Influenza?

Hier gibt es bei den Todeszahlen erhebliche jährliche Schwankungen. Besonders gravierend war die Grippesaison 2017/2018. Damals registrierte das Robert-Koch-Institut (RKI) laut Statistischem Bundesamt in Deutschland 274 242 Influenza-Fälle – die schlimmste Grippewelle seit 30 Jahren. Auch die Sterbestatistik wies Anfang März 2018 einen Höhepunkt von mehr als 26 000 Sterbefällen im Wochendurchschnitt auf – ein deutlicher Hinweis auf die durch Influenza bedingte Übersterblichkeit.

Wie viele Menschen damals an und mit Influenza gestorben sind, lässt sich aber nur schätzen: Todesfälle durch Grippe werden anhand statistischer Modelle ermittelt, während Covid-19-Todesfälle durch eine Labordiagnose bestätigt sind. Für den Winter 2017/2018 ging das RKI von rund 25 000 Influenza-Todesfällen aus. In diesem Winter dürfte die Influenza in Deutschland eine eher untergeordnete Rolle spielen – zum einen weil die harten Lockdown-Maßnahmen auch das Grippevirus ausbremsen, zum anderen weil besonders viele Menschen geimpft wurden.

Wie tödlich ist Corona weltweit?

Global ist Covid-19 mit großem Abstand inzwischen zur tödlichsten Infektionskrankheit geworden. Bisher sind weltweit mehr als 1,6 Millionen Menschen daran gestorben.

Wie sieht sieht es mit anderen Krankheiten aus?

Die Bedeutung anderer Krankheiten tritt in diesem Jahr weit hinter Covid-19 zurück. Gleichwohl warnt die WHO davor, diese zu vergessen. Beispiel Tuberkulose: Obwohl die bakterielle Infektionserkrankung mit der Abkürzung TB oder TBC gut zu behandeln ist und es eine Impfung dagegen gibt, erkranken weltweit jedes Jahr etwa zehn Millionen Menschen daran – und laut WHO starben 2019 1,4 Millionen an TB. Damit verursachte bis zur Corona-Pandemie keine andere Infektionskrankheit mehr Todesfälle.

Ein anderes Beispiel: Die von einem kleinen Parasiten verursachte Malaria forderte der WHO zufolge im vergangenen Jahr 409 000 Menschenleben weltweit, die meisten davon in Afrika. Wegen Corona befürchtet die WHO nun Zehntausende zusätzlicher Todesfälle durch Malaria. Wie in Deutschland sind Herz-Kreislaufkrankheiten auch weltweit immer noch der größte Todesbringer: 17,7 Millionen Menschen sollen daran im Jahr gestorben sein – ungefähr ein Drittel aller Todesfälle.

Wie gefährlich ist das Rauchen?

Bei der Einordnung der Corona-Epidemie in Deutschland ist ein Vergleich interessant: Das Deutsche Krebsforschungszentrum DKFZ hat dieser Tage seinen neuen Tabakatlas veröffentlich, wonach hierzulande im Jahr 2018 rund 127 000 Menschen an den Folgen des Tabakkonsums gestorben sind. Damit würden 13,3 Prozent aller Todesfälle durch tabakbedingte Erkrankungen verursacht.

Wie viele Lebensjahre gehen durch Corona verloren?

Das lässt sich nur schätzen. Einer britischen Studie zufolge hätten die an Covid-19 Verstorbenen im Schnitt noch rund zehn Jahre zu leben gehabt. Eine andere Studie geht von acht Jahren verlorener Lebensdauer aus. Hinzu kommen die Spätfolgen von Corona, die Schäden in vielen Organen hervorrufen können, etwa im Nervensystem, im Gehirn oder im Herz. Auch sie können zu einer Einschränkung der Lebensqualität und letztlich zu einem vorzeitigen Tod führen.

Welche Folgen hat Corona in Deutschland für andere Krankheiten?

Schon im Frühjahr warnten Medizinier, dass viele Menschen trotz schwerer gesundheitlicher Probleme nicht zum Arzt gehen, weil sie eine Ansteckung mit dem Coronavirus befürchten. Gerade bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs kann dies schwer wiegende Folgen haben. Und wenn die Intensivstationen zu einem großen Teil mit Corona-Patienten belegt sind, fehlen Kapazitäten für andere Fälle, vor allem wenn sie als nicht so dringlich angesehen werden. Dass dies auch Kinder und Jugendliche trifft, zeigt jetzt ein Analyse der Krankenkasse DAK, welche die Uni Bielefeld erstellt hat.

Demnach führte der Lockdown im März und April zu 41 Prozent weniger Behandlungen und Operationen im Krankenhaus. Am stärksten gingen die Behandlungen bei Infektionen, Verletzungen, Asthma und bestimmten psychischen Erkrankungen zurück. Durch die Entwicklung erwarten Mediziner jetzt einen Anstieg von schweren Verläufen bei chronischen Erkrankungen von Kindern.