Die gefährliche Delta-Variante und erneut steigende Covid-Fallzahlen verunsichern die Briten – vor allem vor den geplanten EM-Spielen im Londoner Wembley-Stadion, die vor jeweils 60 000 Zuschauern stattfinden sollen.
London - Dem Rest Europas einige Wochen voraus, findet sich Großbritannien dieser Tage mitten im Kampf gegen „Delta“ – die zuerst in Indien identifizierte und bislang bedrohlichste Covid-Variante (B.1.617.2). Die Infektionszahlen steigen stetig. Mit Sorge schaut alles darauf, in welchem Maße sich auch die Zahl der Covid-Patienten erhöht. Skeptiker fürchten, dass die Lage unter ungünstigen Umständen so schlimm werden könnte wie im Januar dieses Jahres, als fast 40 000 Patienten mit Covid in den Kliniken lagen.
Optimisten glauben dagegen bereits eine Abflachung der Kurve der täglichen Ansteckungsfälle auszumachen. Sie finden, dass man nicht mal von einer richtiggehenden „dritten Welle“ in Großbritannien reden kann.
60 Prozent sind vollständig geimpft
Tatsächlich sieht sich das Land, in dem 82 Prozent aller Erwachsenen mit einer ersten Dosis und 60 Prozent vollständig geimpft sind, bei der Abwehr von „Delta“ in einer wesentlich stärkeren Position als vorher. Das war schon klar, bevor Delta sich im Königreich breit machte, wo sie heute für 99 Prozent aller Neuinfektionen verantwortlich sein soll. Im Laufe des Mai sank die Zahl der täglichen Neuinfektionen, die einmal bei 60 000 gelegen hatte, auf weniger als 2000. Die Zahl der Einlieferungen in die Kliniken fiel unter die 100er-Marke. Und am 1. Juni wurde landesweit erstmals kein Todesfall mehr gemeldet.
Einen „gloriosen“ Sommer hatte die Regierung der Bevölkerung im Frühjahr versprochen, mit schönen Urlaubsreisen und immer weniger Restriktionen. Neuerdings wird von den verunsicherten Bürgern aber „noch ein bisschen mehr Geduld“ verlangt. Denn mittlerweile ist wegen der Delta-Variante die Zahl der gemeldeten täglichen Neuansteckungen auf über 11 000 gestiegen. Auch die Zahl der Patienten und der Toten zieht wieder an. Gestern berichteten Englands Klinik-Betreiber, dass die Zahl der Covid-Patienten, die künstlich beatmet werden müssen, im Vergleich zur Vorwoche um 41 Prozent gestiegen ist. Die Krankenhäuser melden schon jetzt „enormen Druck“ an dieser Front.
Gefahr für Stadtteile und Kreise in ärmeren Gebieten
Auf jeden Fall bestehe „das Risiko einer erheblichen dritten Welle“, meinte noch jüngst der prominente Covid-Forscher Neil Ferguson von Imperial College London. Fergusons Kollege Jeremy Brown, Professor am University College London, sieht vor allem Gefahr für Stadtteile und Kreise in ärmeren Gebieten, in denen weniger Mitbürger sich haben impfen lassen. An solchen Orten könne die Krise „an das herankommen, was wir hier im Januar erlebt haben“. Dass die noch immer enge Verbindung Großbritanniens zur Ex-Kolonie Indien bei der raschen Verbreitung der Delta-Variante im Vereinigten Königreich eine Rolle spielte, bestreitet kaum jemand auf der Insel. Vor allem Premierminister Boris Johnson wird vorgeworfen, das Vordringen der Variante nicht rechtzeitig abgewehrt zu haben. Schon als die Gefahr deutlich gewesen sei, klagen Kritiker, seien 20 000 Menschen aus Indien praktisch unkontrolliert eingereist.
Leichtfertigkeit wird der Regierung von Kritikern auch jetzt wieder vorgeworfen. Viel Unmut hat Johnsons gestrige Entscheidung ausgelöst, auf Drängen der Uefa die erlaubte Zuschauerzahl bei den letzten drei EM-Spielen im Wembley-Stadion auf jeweils 60 000 hochzuschrauben, und 2500 „offiziellen“ Gästen aus Europa zusätzlichen Zugang zu verschaffen. Dies geschehe unter strikten Auflagen, betont man in der Downing Street. Aber besorgte Briten sprechen schon jetzt von einem „Superspreader Event“.
Wenn sich Grippe- und Covid-Viren verbinden
Unterdessen schätzen manche Experten die Gefahr zumindest für die einheimische Bevölkerung heute nicht mehr als ganz so groß ein wie ihre pessimistischeren Kollegen. Relativ zuversichtlich gibt sich zum Beispiel Professor Brendan Wren, ein Impf-Spezialist der Londoner Schule für Hygiene und Tropenmedizin. Wren verweist auf eine „bereits sichtbare Abflachung“ beim Zuwachs der Neuinfektionen. „Ich würde das nicht mal eine dritte Welle nennen“, meint der Londoner Mediziner. Andere Forscher sprechen von einer „möglichen Mini-Welle“ im Juli und August.
Spätestens auf den Winter hin wird freilich von allen Seiten eine weitere ernste Krise fürs Gesundheitswesen erwartet, weil sich dann, vor allem bei Verzicht auf Abstandsregeln, erstmals Grippe- und Covid-Viren zu einer gefährlichen Mischung verbinden könnten.
Johnson warnt vor hartem Winter
Einen harten Winter hat selbst Premier Johnson der Nation vorausgesagt. Möglicherweise, meint die Anti-Covid-Chefin der englischen Gesundheitsbehörden, Susan Hopkins, „werden wir im Winter erneut Lockdowns verhängen müssen“. Auch Gesundheitsminister Hancock will das nicht grundsätzlich ausschließen: „Natürlich hoffe ich, dass es dazu nicht kommt.“ Er werde jedenfalls alles daran setzen, mit „Booster-Shots“, mit einer umfassenden neuen Impfrunde im Herbst, die Gefahr zu verringern, versichert Hancock. Erforscht wird bereits, ob die am meisten gefährdeten Bürger dann beim dritten Impfgang gleichzeitig gegen Grippe und gegen Covid geimpft werden könnten – wobei der Covid-Impfstoff bis dahin weiter entwickelt und auf neue Varianten eingestellt sein soll.